Schweiz
Glanz in Heerbrugg, Elend in Turin
Von Markus Somm. Aktualisiert am 18.02.2012 12 Kommentare
Unglücklicher Erbe: Stephan Schmidheiny auf einer Aufnahme von 1995. (Bild: Keystone )
Grossindustrieller: Max Schmidheiny in den 1960er-Jahren.
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In seinem Roman «Buddenbrooks» schildert Thomas Mann, der grosse deutsche Schriftsteller, den Niedergang seiner eigenen Familie, einer patrizischen Handelsdynastie im alten Lübeck. Am Ende, nach mehreren Generationen von angesehenen, mächtigen Männern, – nachdem auch der Senator, Thomas Buddenbrook, der letzte grosse Kaufmann der Familie, auf dem Heimweg auf offener Strasse infolge eines Schlaganfalls zusammengebrochen und kurz darauf gestorben war, blieb nur der einzige Sohn Hanno übrig: ein zarter, künstlerisch veranlagter Bub von 14 Jahren, der die Züge des Autors selbst trägt. Mit ihm schliesst sich die Geschichte der Buddenbrooks. Nie würde Hanno den Ruhm seiner Vorfahren erreichen können, nicht einmal zum Pianisten brachte er es, was man sich erhoffte. Stattdessen erlag er dem Typhus. Er wurde 16 Jahre alt.
«Verfall einer Familie». An diese Unterzeile, mit der Thomas Mann sein Buch versehen hatte, musste ich denken, als diese Woche das Urteil eines Gerichtes in Turin bekannt wurde: Stephan Schmidheiny, Vertreter einer der grössten Industriellendynastien dieses Landes, war in erster Instanz zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Dem einstigen Besitzer der Eternit-Werke in Italien wirft man vor, bewusst Sicherheitsmassnahmen unterlassen und absichtlich eine Umweltkatastrophe verursacht zu haben, die mehr als 2000 Menschen das Leben gekostet haben soll. Zwar hat Schmidheiny sogleich Berufung eingelegt, und die Strafe dürfte milder werden; ebenso unwahrscheinlich ist, dass er je ins Gefängnis muss, und doch haftet dem Urteil etwas Symbolisches an, etwas Niederschmetterndes. Die Schmidheinys, die über hundert Jahre lang Schweizer Wirtschaftsgeschichte geschrieben haben, die nach wie vor zu den weltweit reichsten Familien zählen, und deren Verdienste um den Wohlstand dieses Landes bedeutend sind: Ihre Epoche ist zu einem traurigen Ende gekommen. Glanz in Heerbrugg, wo der Aufstieg der Familie einst begonnen hatte, Elend in Turin.
Ein Name aus Platin
Stephan Schmidheiny ist kein Hanno Buddenbrook, kein ermatteter Erbe einer legendären Familie, kein weltfremder Künstler, sondern ein Leben lang hat er selber als Unternehmer und Investor von sich reden gemacht, um dann zu einem weltberühmten Philanthropen und Umweltschützer zu werden, – und doch ist er – mit seinem Bruder Thomas – wohl der letzte Repräsentant seiner Dynastie, wie man sie kennen, schätzen und fürchten gelernt hat. Der ältere Bruder Thomas ist der gewichtigste Aktionär von Holcim, dem grössten Zementkonzern der Welt, aber vom eigentlichen Geschäft hat auch er sich zurückgezogen. Dass die Kinder von Stephan oder Thomas, die fünfte Generation der Schmidheinys, je selber wieder als Unternehmer aufträten, gilt als ausgeschlossen. Schmidheiny, dieser Name aus Platin – er ist Geschichte.
Und wie so oft bei grossen Geschichten beginnen sie im Licht und enden im Dunkeln: Dass ausgerechnet Stephan Schmidheiny in Turin faktisch zu einem Schwerverbrecher erklärt wurde, den man in Ketten legen muss, hat etwas Tragisches. Es ist so ungerecht, als gäbe es keinen Gott. Wenn es nämlich jemand nicht verdient hatte, wegen Asbest je belangt zu werden, dann Schmidheiny. Keiner hat sich intensiver und früher darum bemüht, aus dem Asbest auszusteigen. Als er 1976 das Erbe seines Vaters Max übernahm und Chef der Schweizer Eternit-Gruppe wurde, hatte sich zwar in der Fachwelt die Ahnung längst festgesetzt, dass vom Asbest tödliche Gefahren ausgingen. Beweise jedoch fehlten, an schlüssigen Studien mangelte es. Alle zögerten, die Branche selbst, aber auch die Behörden, die erst in den neunziger Jahren anfingen, Asbest zu verbieten.
Ewiges Asbest
Das war nicht völlig unverständlich. Jahrzehntelang hatte Asbest als vielfältig verwendbarer Stoff grosse Verbreitung und Beliebtheit gefunden. Ein natürlich vorkommendes Mineral, das wie etwa Glimmer oder Bergkristall zur Gruppe der Silikate zählt, ein Mineral, das grosse Hitze verträgt, das hart, fest und säurebeständig ist, ein Gestein, das überdies sehr gut isoliert und sich verweben lässt: Man nannte es die Wunderfaser. Schon die alten Griechen wussten um das Geheimnis des Asbests, auf der Akropolis hoch über Athen brannte die ewige Flamme dank eines Dochts aus Asbest.
Im 19. Jahrhundert stärkte man die Anzüge der Feuerwehrmänner mit Asbest, um sie vor dem Feuer zu schützen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schliesslich erfand ein Österreicher das Eternit, einen ingeniösen Zement, den er mit Asbestfasern durchsetzt hatte und ihm damit all jene Eigenschaften verlieh, die Eternit innert kurzer Zeit zu einem der wichtigsten und am meisten genutzten Baustoffe der Welt machten: Eternit war leicht, fest, hitzebeständig und wasserdicht. Im Fassadenbau setzte man Eternit ein, Dächer wurden mit Eternitschindeln gedeckt, und man formte damit auch jene grauen Blumenkisten und unbequemen froschartigen Sessel, die in den siebziger Jahren die Fussgängerzonen zu bevölkern begannen.
Tödliche Gefahr
Wie heimtückisch diese «Wunderfaser» in Wahrheit war, wurde den Menschen leider erst nach und nach bewusst. Wenn Asbest verarbeitet wird, entsteht ein mikroskopisch feiner Staub, der vom Menschen unbemerkt in die Lunge dringt, was schwersten Krebs nach sich ziehen kann. Weil es sehr lange dauert, bis die Krankheit ausbricht, blieben die tödlichen Gefahren des Asbests lange unentdeckt. Als sich die Mediziner sicher waren, dass Asbest vor allem für die Arbeiter in den Fabriken, die diesen Stoff anwandten, letale Folgen haben konnte, kam diese Erkenntnis für viele zu spät. Nach Jahren des Leidens starben sie oft einen qualvollen Tod. Man geht gegenwärtig von Hunderttausenden von Toten aus, die dem Asbest zum Opfer gefallen sind. In praktisch allen Ländern des Westens ist Asbest daher heute verboten, auch in der Schweiz. Trotz der bekannten Risiken ist der Einsatz von Asbest aber nach wie vor sehr verbreitet, besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern wie China, Indien oder auch Russland.
Als der junge Schmidheiny 1976 sein vergiftetes Erbe antrat, gab er seinem Kader unverzüglich den Auftrag, den Ausstieg aus dem Eternit an die Hand zu nehmen, wie enge Mitarbeiter von damals heute bestätigen. Rigoros verbesserten die Schweizer in ihren Fabriken die Sicherheit, auch in Italien: Alle Arbeiter erhielten Masken, es wurden Maschinen installiert, die den Staub absaugten, bald stellte man bei der Herstellung von Eternit auf das so genannte Feuchtverfahren um, bei dem fast kein Staub mehr entwich. Was Investitionen von rund 50 Millionen Franken erforderte, stellte bloss einen Zwischenschritt dar auf dem Weg in die asbestfreie Zeit. Mit allem Nachdruck forschten Schmidheinys Eternit-Experten nach Fasern, die die vielen Vorzüge des Asbests ersetzten, ohne die gleichen Nachteile aufzuweisen. Weil dies nicht über Nacht gelang, verstrich Zeit; weil lange die Ersatzmaterialien weniger gut und dennoch teurer waren, verlor Schmidheiny viel Geld. 1994 war die Umstellung abgeschlossen, und die ganze Eternit-Produktion asbestfrei.
Es war ein Schauprozess
Hätte Schmidheiny rascher aussteigen müssen? Technisch oder finanziell wäre das kaum machbar gewesen, sagt ein ehemaliger Spitzenmanager des Konzerns. Niemand war schneller vom Asbest weggekommen. Warum hat Schmidheiny die Firma nicht kurzerhand geschlossen? Tausende von Arbeitsplätzen standen auf dem Spiel, immense Kapitalien ebenfalls. Wäre es vielleicht klüger gewesen, das ganze Eternit-Geschäft umgehend abzustossen? Angesichts des Turiner Urteils muss man heute trocken feststellen: Schmidheiny hätte sich ohne Frage einiges erspart. Besonders klug wäre es gewesen, wenn er sich bereit gefunden hätte, an die zahlreichen italienischen Konkurrenten zu verkaufen.
Denn keine dieser Firmen, die weder in den siebziger Jahren noch in den achtziger Jahren sich um mehr Sicherheitsmassnahmen bemüht hatten, ist in Italien je angeklagt worden. Und das ist der Grund, warum die NZZ mit Recht nach dem erstinstanzlichen Urteil festgehalten hat: Es war ein Schauprozess, der in Turin stattgefunden hat. Ausländer und zahlungskräftige Milliardäre wurden, wenn auch in Abwesenheit, vor Gericht gezerrt, abgeurteilt und einem verärgerten Volk wie an einem imaginären Nasenring vorgeführt. Alle anderen liess man unbehelligt laufen.
Viele Firmen, die Asbest verarbeitet hatten, hätte die italienische Staatsanwaltschaft belangen können. Denn in fast keinem Land wurde in den siebziger Jahren mehr Eternit verbaut als in Italien. Nicht nur die Eternit-Gruppe, welche von den Schmidheinys kontrolliert wurde, sondern manch anderes Unternehmen, auch solche, die dem italienischen Staat gehörten, befriedigten damals die unerschöpfliche Nachfrage. Zu den ersten Klägern gegen Schmidheiny gehörten übrigens auch die italienischen Gewerkschaften, die sich jahrelang mit Erfolg gegen ein Rauchverbot in den Eternit-Fabriken gewehrt hatten. Nichts erhöht das Risiko von Asbeststaub mehr als das Rauchen. Ob Schauprozess oder nicht, Schmidheiny dürfte sich von diesem Urteil nie mehr erholen. Es drohen ihm endlose Jahre Rechtsstreit und Berufung. Was in Heerbrugg begann, endet in Turin. (Basler Zeitung)
Erstellt: 18.02.2012, 10:55 Uhr
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12 Kommentare
Wer unternehmerisch in nachhaltiger Weise ökologische Produktion verwirklichen und alte einst bewährte, zufolge Forschung heute als gefährlich geltende Produkte "ausmisten" will, läuft wegen dieser Ehrlichkeit Gefahr, dass er in die Mühlen von Politk und politisch motivierter Justiz gerät. Gefährliche Fänge, die die Motivation Unternehmer zu werden untergräbt! Eine bedenkliche Entwicklung! Antworten
Bedauerlicher Bericht. Dass Schmidheiny nun ins Gefägnis muss/müsste, hat einmal mehr ein Gericht entschieden, welches sich nicht im Hinterland von Soweto befindet sondern nicht weit von der Schweizer Grenze ist. Es kann doch nicht sein, dass nun ein gejammer an Gefühlen für Schmidheiny beginnt, nachdem Tausende von ehemaligen Mitarbeitern klagevoll an den Folgen von Asbest gestorben sind. Antworten
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