Schweiz

Hinter der Hornkuh-Initiative stecken Verschwörungstheoretiker

Von Raphaela Birrer. Aktualisiert am 24.03.2016 206 Kommentare

Der Verein Alpenparlament hat massgeblich zum Zustandekommen der Initiative beigetragen. Er verbreitet krude Verschwörungstheorien – und war schon einmal erfolgreich.

Die Hornkuh-Initiative wird von Verschwörungstheoretikern unterstützt: Mitglieder der Interessengemeinschaft Hornkuh reichen in Bern eine Petition für Kühe mit Hörnern ein. (6. Dezember 2013)

Die Hornkuh-Initiative wird von Verschwörungstheoretikern unterstützt: Mitglieder der Interessengemeinschaft Hornkuh reichen in Bern eine Petition für Kühe mit Hörnern ein. (6. Dezember 2013)
Bild: Keystone

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Da ist er wieder, der nostalgisch klingende Name: Alpenparlament. Bereits zum zweiten Mal taucht der Verein auf der nationalen Politbühne auf. Er hat für die Hornkuh-Initiative, die eine finanzielle Unterstützung für Halter von Kühen und Ziegen mit Hörnern verlangt, Unterschriften gesammelt. Diese wurden heute Nachmittag der Bundeskanzlei übergeben. Bereits vor drei Jahren konnte die Gruppierung einen Sammelerfolg verbuchen: Zusammen mit Exponenten der SVP weibelte sie gegen die Preiserhöhung der Autobahnvignette von 40 auf 100 Franken. In kürzester Zeit überzeugte dieses Referendumskomitee damals über 100'000 Stimmbürger von seinem Anliegen – und an der Urne schliesslich das Volk.

Nun will das Alpenparlament die Erfolgsgeschichte mit der Hornkuh-Initiative fortschreiben. Denn wenn dieser Tage die Medien die Geschichte vom widerspenstigen Bergbauern erzählen, der im Alleingang über 100'000 Unterschriften gesammelt hat, dann ist das nur die halbe Wahrheit. Initiant Armin Capaul konnte neben seinen Mitstreitern von der IG Hornkuh auch auf die tatkräftige Unterstützung des Vereins Alpenparlament zählen. «Eine Initiative braucht ein Zugpferd wie Capaul, aber auch ein zuverlässiges Büro, das die ganze Administration erledigt», sagt Alpenparlament-Sekretär Roland Schöni. «Alleine wäre das nicht machbar gewesen. Wir brauchten Hilfe», bestätigt Claudia Capaul, die mit ihrem Mann Armin einen Hof auf 930 Meter Höhe bewirtschaftet.

Darum kam den Capauls Schönis Hilfsangebot vor einem Jahr gelegen. Die günstige Offerte, das Know-how zur effizienten Unterschriftensammlung sowie die bestehende technische und logistische Infrastruktur hätten sie überzeugt, sagt Claudia Capaul. «Uns ging es um das Zustandekommen unserer Initiative. Mit den Ansichten des Alpenparlaments haben wir uns nicht näher befasst», stellt sie klar.

Erfindung gegen sämtliche Krankheiten

Dass sich Capaul distanziert, hat einen guten Grund: Die Ansichten der Alpenparlamentarier sind nicht so harmlos, wie es der Vereinsname suggerieren mag. Die Gruppierung aus dem Berner Oberland unterhält eine Website mit eigener Talksendung. Dort wird ein krudes Sammelsurium von antisemitischen, rassistischen und esoterischen Verschwörungstheorien kolportiert. Beim Rundgang durch den virtuellen Auftritt des Vereins präsentiert sich die Welt als von «der jüdischen Finanzoligarchie» und der Pharmaindustrie orchestriert und Europa als Hort eines vergewaltigenden «Asylforderer»-Mobs. Alpenparlament-Gründer und -Präsident Martin Frischknecht erläutert dem Publikum, wie sein Telefon abgehört werde – und vertreibt über die Plattform ein selbst entwickeltes Hochfrequenzgerät. Damit liessen sich sämtliche Krankheiten ohne Medikamente heilen. Ohnehin hält der Elektroingenieur Aids oder Krebserkrankungen für eine Erfindung der Pharmaindustrie.

Um die Gesundheit geht es dem Alpenparlament auch bei der Hornkuh-Initiative. «Es gibt deutliche Hinweise, dass die Milch von enthornten Kühen eine Allergie verursacht, weil sie nicht kristallisiert», sagt Schöni. Diese unbequeme Wahrheit passe dem Bauernverband nicht. Indes: Wissenschaftliche Evidenzen für den Zusammenhang gibt es nicht. «Hier befinden wir uns auf esoterischem Terrain», sagt Sandra Helfenstein, Mediensprecherin des Bauernverbands. Milchallergie sei eine Laktoseintoleranz. Und Laktose komme in jeder unveränderten Kuhmilch vor – ob diese nun von Kühen mit oder ohne Hörner stamme.

Referendums- und initiativfähiger Verein

Trotz dieses esoterischen und verschwörungstheoretischen Gedankenguts: Mit der zweiten erfolgreichen Unterschriftensammlung hat der Verein Alpenparlament bewiesen, dass er sowohl referendums- als auch initiativfähig ist. Das liege an der guten Vernetzung im Internet und der professionellen Vorgehensweise, sagt Schöni. Und kündigt an, dass auch in Zukunft mit seiner Gruppierung zu rechnen sei. Zurzeit sammelt sie für die Initiative «Lehrpläne vors Volk» im Kanton Bern. Schöni, ein Gegner des Sexualkundeunterrichts und der Früheinschulung, will, dass die Bevölkerung bei der Ausgestaltung des Lehrplans 21 mitreden kann. Zudem laufe im Gesundheitswesen «einiges schief», weshalb auch in diesem Bereich künftig Volksbefragungen nötig würden.

Das will die Hornkuh-Initiative

Kuh- und Ziegenhörner sind mit der Stirnhöhle verbunden und durchblutet. Sie werden den Jungtieren heute mehrheitlich ausgebrannt – ein schmerzhafter Eingriff. 90 Prozent der Milchkühe in der Schweiz sind hornlos.

Die Hornkuh-Initiative fordert finanzielle Unterstützung für Halter von Kühen, Stieren und Ziegen mit Hörnern. Initiant ist der Bergbauer Armin Capaul aus dem Berner Jura. Das Volksbegehren will die Enthornung nicht verbieten, aber finanzielle Anreize schaffen, damit die Bauern darauf verzichten. Capaul stellt sich eine Entschädigung in der Höhe von jährlich 500 Franken pro Kuh und 100 Franken pro Ziege vor. Dies aus dem Grund, weil Tiere mit Hörnern mehr Platz im Stall benötigen und dadurch Umsatzeinbussen entstehen oder bauliche Massnahmen getroffen werden müssen. Die Landwirtschaftssubventionen sollen aber nicht erhöht, sondern anders verteilt werden.

Unterstützt wird die Initiative von Tier- und Umweltschützern sowie von der Kleinbauern-Vereinigung. Der Bauernverband hat noch keine Parole gefasst, steht dem Anliegen aber kritisch gegenüber: Die Beiträge für Halter von Hornkühen und -ziegen müssten in einem anderen Bereich eingespart werden. Zudem seien enthornte Tiere in der Gruppe ruhiger.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.03.2016, 15:25 Uhr

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206 Kommentare

P. Jenni

23.03.2016, 16:14 Uhr
Melden 301 Empfehlung 21

"Zudem seien enthornte Tiere in der Gruppe ruhiger."....Nun ja, auch die Eunuchen waren viel ruhiger, nachdem man sie enthornt hatte. - Mir ist es eigentlich egal, was für andere Themen das Alpenparlament auch noch behandelt. Es geht in dieser Initiative nur darum, die für die Kühe sehr schmerzhafte Enthornung zu stoppen. Und das ist gut so. Kühe brauchen ihre Hörner. Sie sind keine Dekoration. Antworten


Andreas Müller

23.03.2016, 17:16 Uhr
Melden 231 Empfehlung 34

Ich will auch Subventionen und zwar dafür, dass ich keine Kühe halte. Pro nicht gehaltener Kuh 1000 Fr. Pro Jahr. Das macht dann bei meinen 100 nicht gehaltenen Kühen 100'000 bar auf die Hand. So und jetzt geh ich Unterschriften sammeln. Antworten