Ihre Liebe war stärker als die Stasi

Von Thomas Knellwolf, Stein am Rhein. Aktualisiert am 10.10.2009

Der Koch der Schweizer Botschaft in Ostberlin wollte seine Freundin in den Westen schmuggeln. Sie wurden verraten und tappten in die Falle der DDR. 20 Jahre nach dem Mauerfall kommen schlechte Erinnerungen hoch. Auch wegen der Rolle der Schweiz.

«Von erheblicher Gesellschaftsgefährlichkeit»: Peter Gross und Christa Freulich. Bilder aus der Stasi-Akte zeigen, wie die Verhafteten die Flucht nachstellen mussten.

«Von erheblicher Gesellschaftsgefährlichkeit»: Peter Gross und Christa Freulich. Bilder aus der Stasi-Akte zeigen, wie die Verhafteten die Flucht nachstellen mussten.

In einer schönen Mainacht des Jahres 1974 tanzte ein junger Zürcher in rotem Jeansanzug und grünem Hemd mit einer adretten Blondine ins Verhängnis. Und ins Glück. «Merci», flüsterte der Koch der eben eröffneten Schweizer Botschaft in der DDR seiner neuen Bekannschaft zu, als die Band im Ostberliner Tanzcafé Nord ihr «Season in the Sun» beendete. Mit dem französischen Dankeschön wollte er Interesse erregen. Der Plan ging auf: Bei Rotkäppchen-Sekt unterhielten sich Weltenbummler Peter Gross und die Pharmazie-Ingenieurin Christa Freulich, die fürchtete, nichts von der Welt zu sehen ausser den Ostblock.

Fünfunddreissig Jahre später sitzen die beiden beim Kaffee. Ihre Wohnung mit Rheinblick wirkt wie ein romantisches Gegenstück zur Trostlosigkeit ihrer Einzelzellen im berüchtigten DDR-Gefängnis Bautzen II. Fast vierzig Monate waren sie eingesperrt gewesen. «Wir wollten einen Schlussstrich ziehen», sagt Peter Gross, «bevor wir sechzig wurden.» Sechzig wurden sie nun, gelungen ist das Vorhaben nur zum Teil. Die Albträume sind zwar verschwunden, doch der Kalte Krieg hat Spuren hinterlassen, die man bemerkt, wenn sie ihre ostwestliche Liebesgeschichte voller Tragik und samt Happy End erzählen. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall sind sie nochmals dazu bereit.

Naiv der Diktatur ausgeliefert

Als sie sich im Ostberliner Nachtleben begegnen, sind Peter und Christa Mitte zwanzig. Bald schmieden sie Pläne, geprägt von Freiheitsdrang. Er, ganz Abenteurer, schlägt vor, sie in seinem Mini Cooper nach Westberlin zu schmuggeln. Sie willigt ein. Dank des rotweissen Diplomatenkennzeichens geht am stark bewachten Checkpoint Charly alles glatt. Christa verbringt ihre erste Nacht im Westen, ehe sie für die Rückfahrt in den selbst ernannten Arbeiter- und Bauernstaat wieder im Mini-Kofferraum verschwindet.

Doch der Eiserne Vorhang steht den Frischverliebten nicht lange offen: Der Botschaftskoch erzählt Bekannten von der illegalen Spritzfahrt und auch davon, dass er die Partnerin eines Freundes in den Westen geschleust hat. «Jugendlicher Leichtsinn und Übermut brachten mich zu Äusserungen, die ich besser nicht gemacht hätte», schreibt Peter Gross in seinen unveröffentlichten Erinnerungen. Das allgegenwärtige Ministerium für Staatssicherheit startet den «Operativvorgang Schleuse» wegen «Verdachts auf staatsfeindlichen Menschenhandel». Stasi-Spitzel erfahren, dass es Peter und Christa erneut und nun definitiv wagen. Am eiskalten 1. Februar 1975 schnappt die Falle beim Grenzübergang Bornholmer Brücke zu. Uniformierte mit Maschinenpistolen im Anschlag umstellen den Mini. Statt gemeinsam in Freiheit landet das Paar getrennt in den Fängen der Diktatur.

Gast sei gefährlich für die Gesellschaft

«Im Namen des Volkes», verkünden Richter, was die Staatsführung vorbestimmt hat: Peter Gross, «Gast der DDR», sei von «erheblicher Gesellschaftsgefährlichkeit» und müsse wegen Beihilfe zum ungesetzlichen Grenzübertritt fünf Jahren hinter Gitter. Christa bekommt wegen «Verletzung der Verordnung zum Schutze der Staatsgrenze» viereinhalb Jahre.

In Bautzen II befinden sich die Zellen der beiden fünfzig Meter auseinander, doch sehen dürfen sie sich nur ein einziges Mal, eine halbe Stunde lang, unter Aufsicht. Aus der Anstaltsküche, wo sie arbeitet, beobachtet sie, wie Häftlinge im Hof ihre Runden drehen. Ob er es ist? Ob sie da oben winkt? Liebesbriefe, im Essen versteckt, gehen hin und her. Beide hoffen, gegen ein in der Schweiz verhaftetes Spione-Paar aus der DDR ausgetauscht zu werden. Zweimal, dreimal ist Weihnachten, und nichts passierte. Die Eidgenossenschaft, so zeigen Akten, stellt sich gegen den Austausch, weil die Agenten «nicht gleichwertig» seien. Endlich, am 12. Mai 1978 um 10.55 Uhr, hebt auf dem Flughafen Zürich eine tschechoslowakische Maschine ab. An Bord: Gisela und Hans-Günter Wolf, zuvor wohnhaft in Winterthur, vom Bundesstrafgericht wegen Spionage zu je sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Fünf Minuten später gehen in Bautzen II Zelle 133 und 5 auf. Peter und Christa werden nach Westberlin überstellt. Zurück in der Schweiz, flattert bei Peter Gross eine Rechnung aus Bern rein. Das Aussendepartement fordert 1630 Franken und 90 Rappen für die «Mühewaltung gemäss Gebührentarif des Bundesrats Pos. 17». Verrechnet werden sämtliche diplomatischen Schritte und jedes Lebensmittelpaket. Der Mittellose wehrt sich. Der Bund kennt keine Gnade.

Der Berner Spionageverdacht

Die beiden heiraten, ziehen in Basel zusammen, sind unzertrennlich. Bis zum heutigen Tag arbeiten sie zusammen, zuerst im Gastgewerbe, inzwischen im eigenen Schokolade- und Nudelgeschäft. Noch zu Zeiten von Glasnost verdächtigt der Schweizer Staatsschutz die beiden, sie würden für die DDR spionieren. 1987 rät Bern dem Technorama ab, sie als Pächter anzustellen. Nach der Jahrtausendwende versöhnt ein Empfang des damaligen Botschafters in Berlin, Thomas Borer, das Paar mit der offiziellen Schweiz.

Aus ihren Stasi-Akten, Gewicht zehn Kilo, erfahren die beiden, dass sie von zwei Bekannten und vom Chauffeur des Schweizer Botschafters ausgehorcht, beobachtet und verraten wurden. Einer dieser Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi, den sie kontaktieren, entschuldigt sich mehrmals. Ein anderer will nie etwas Falsches getan haben. Peter Gross versucht, juristisch gegen ihn vorzugehen – ohne Erfolg. Genugtuung bereitet es ihm, die Nachbarschaft des angesehenen Autohändlers über dessen Spitzelvergangenheit aufzuklären.

Peter und Christa Gross haben ihre Geschichte erzählt. In den nächsten Wochen werden sie gerührt vor dem Fernseher sitzen, wenn die Mauer in Archivaufnahmen erneut fällt. Die Mauer, die ihre Liebe verunmöglichte und ihre Liebe festigte.

Am 22. Oktober um 20.05 Uhr zeigt SF 1 einen Film über das Ehepaar Gross.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2009, 13:38 Uhr

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