Schweiz

«Im Kosovo sind wir Ausländer und hier Jugos»

Was halten Präsident und Spieler des FC Rilindja aus Burgdorf vom Minarett-Verbot? «Wir sind nicht so strenge Muslime», sagen die Kosovaren. Sie fühlen sich gut integriert und denken nicht an Rückkehr.

Shevket Sadriji, Vebih Gashi, Visar Sadriu, Besim Aliu und Arben Rustemi im Vereinslokal des FC Rilindja in Burgdorf. (Manuel Zingg)

Shevket Sadriji, Vebih Gashi, Visar Sadriu, Besim Aliu und Arben Rustemi im Vereinslokal des FC Rilindja in Burgdorf. (Manuel Zingg)

«Wir dachten, das kommt nicht durch», sagt Shevket Sadriji. Bundesrat und viele Parteien seien ja gegen das Minarett-Verbot gewesen. Der Präsident des FC Rilindja hat eine Handvoll Spieler aufgeboten, um über den Volksentscheid vom 29. November und das Thema Integration zu diskutieren. «Es war eigentlich gar kein Riesenthema bei uns», sagt Arben Rustemi, ein 29-jähriger Metallbauer. «Wir Kosovaren sind nicht so strenge Muslime», meint Vebih Gashi. Man trinke auch Alkohol, sagt der 26-jährige Maschinenführer. Und auch der Ramadan werde nicht besonders genau beachtet. «Viele von uns arbeiten Schicht. Dann bist du kaputt und kannst nicht mehr Ramadan machen.» Die meisten der Spieler waren schon längere Zeit nicht mehr in der Moschee, obwohl es in Burgdorf einen Gebetsraum gibt.

«Müssen Entscheid respektieren»

Visar Sadriu, der 21-jährige Sohn des Präsidenten, sagt, die SVP-Kampagne sei «provokativ» gewesen. Es würden alle in denselben «Korb» geworfen, sagt sein Vater. Aber er sagt auch: «Wir sind in der Schweiz und müssen den Entscheid respektieren.» Der 46-jährige Chauffeur, der seit 25 Jahren in der Schweiz lebt und arbeitet, und sein Sohn sind eingebürgert worden und haben den Schweizer Pass. «Es spielt keine grosse Rolle, ob eine Moschee ein Minarett hat oder nicht.» Es sei aber nicht korrekt, das einfach zu verbieten. Denn: «Wir bemühen uns, anständig zu sein, und haben nie einen Anschlag oder irgendetwas gemacht», sagt er.

«Beste Zeit in der Schweiz erlebt»

Die meisten seien hier zur Schule gegangen, sagt Rustemi. «Erste Liebe und all das haben wir hier in der Schweiz erlebt.» Sadriu sagt dazu: «Wir leben gut hier und sind in der Schweiz integriert.» In Kosovo sei die Situation schwierig, die Arbeitslosigkeit sei riesig. Für seinen Vater ist klar: «Die beste Zeit habe ich in der Schweiz erlebt.» Rustemi verbrachte seine ersten Lebensjahre in Kosovo. «Für die Mutter und uns war das schwierig. Der Vater kam nur einmal im Jahr nach Hause.» Viele Familien reisten in den 1990er-Jahren in die Schweiz und blieben hier. Mit der Zeit verändere sich das Verhältnis zwischen Schweizern und Ausländern, glaubt Sadriji. «Man begegnet sich anders: Ich akzeptiere ihn, er akzeptiert mich.» Die Rolle der Frau sei anders als in der Türkei, in Pakistan oder Afghanistan, sagt die Runde. «Die Diskussion mit dem Kopftuch gibt es bei uns nicht», sagt Gashi. «Bei uns gibt es auch Kirchen», sagt Arben Rustemi.

Nach dem Ja zum Minarett-Verbot hiess es, viele Schweizerinnen und Schweizer hätten der Vorlage zugestimmt, weil sie schlechte Erfahrungen mit Kosovaren und Albanern gemacht hätten. Pöbeleien im Ausgang, primitive Anmache, Raserunfälle sind einige der Stichworte. «Man muss nicht Angst haben vor uns», beteuert der Präsident. Wenn einer ein schlechter Mensch sei, dann sei er ein schlechter Mensch, das habe aber nichts mit seiner Herkunft zu tun. Rustemi sagt, er könne nicht beurteilen, wie berechtigt solche Vorwürfe seien. «Wir haben aber viele Kontakte zu Schweizern.» Man fahre zum Beispiel zusammen mit Schweizer Kollegen an den «YB-Match» nach Bern.

Der FC Rilindja hat eine bewegte Vergangenheit. Wegen Tätlichkeiten gegen Schiedsrichter wurde die Mannschaft 2006 für ein Jahr ausgeschlossen und von der 3. in die 5. Liga verbannt. Unterdessen spielt man wieder in der 4. Liga, liegt auf dem zweiten Platz. Das Ziel ist der Aufstieg. Man akzeptiere Niederlagen, verlieren gehöre zum Spiel, heisst es heute. Man will sich nichts mehr zuschulden kommen lassen.

Unfaire Behandlung

Von den Medien und den Politikern fühlen sie sich manchmal ungerecht behandelt. «Ist einer ein Raser, sind es plötzlich alle, das stört uns», erklärt Sadriji. Visar, sein Sohn, sagt: «Wenn einer negativ auffällt, dann hat er Migrationshintergrund, fällt der Gleiche positiv auf, so ist er ein Schweizer.» Die Runde verweist auf den Raserunfall am Genfersee, den vier schwerreiche, russische Herrensöhnchen verschuldet haben. Es seien nicht immer die ärmeren Schichten, welche Probleme machten.

Alle sehen ihre Zukunft in der Schweiz. Eine Rückkehr nach Kosovo kommt nicht infrage. «Ich habe die Lehre hier gemacht, ich kann nicht einmal richtig Albanisch schreiben», sagt der 22-jährige Besim Aliu. Er habe sich nie Gedanken gemacht, zurückzukehren, erklärt Rustemi. Es gebe nur wenige, die zurückgingen: «Die kann man an einer Hand abzählen.» Vielleicht mache man aber zwei oder drei Wochen Ferien «unten in Kosovo». Manchmal gehörten sie in beiden Ländern nicht richtig dazu. «Unten sind wir Ausländer und hier sind wir Jugos», sagt Rustemi. (Der Bund)

Erstellt: 08.12.2009, 14:41 Uhr

Schweiz

Populär auf Facebook Privatsphäre

Umfrage

Erst Metropolitanregion dann Kantonslobbyist – und nun eine parlamentarische Gruppe: Die Region Basel will in Bern besser gehört werden. Braucht es diese neue Organisation?




Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Frühlingsdeko
homegate Lassen Sie jetzt schon den Frühling ins Haus. Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate