«Im Sport zählt die Leistung, nicht der Nachname»
«Sport ist eine Möglichkeit zu zeigen, wer man wirklich ist»: Migrationsexperte Gianni D'Amato. Er ist Professor für «Migration» und «Citizenship Studies» an der Universität Neuenburg und Direktor des Schweizerischen Forums für Migrations- und Bevölkerungsstudien.
Schweizer U-17 feiert den Titel
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Bald an der Urne
Die Staatspolitische Kommission des Nationalrats hat soeben einen neuen Versuch gestartet, um in der Schweiz geborenen Ausländerinnen und Ausländern der dritten Generation die Einbürgerung zu erleichtern. Da es um eine Verfassungsänderung geht, wird das Stimmvolk dazu das letzte Wort haben. 2004 war eine Vorlage an der Urne gescheitert. Im Gegensatz zu damals sieht die jetzige Vorlage keine automatische Einbürgerung vor. Einbürgerungswillige müssten eine ganze Reihe von Kriterien erfüllen.
Alle grossen Parteien sind dafür, ausser der SVP. Deren Ansicht nach genügt das heutige Recht. Der WM-Sieg der U17-Fussballer ändere an dieser Haltung nichts, sagte SVP-Generalsekretär Martin Baltisser auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA. Man dürfe die Dinge nicht verwechseln, doppelte SVP-Vizepräsident Yvan Perrin nach. Dieser Sieg vermittel ein gutes Bild der jungen Leute mit Immigrationshintergrund, aber die Diskussion über die erleichterte Einbügerung bleibe davon unberührt.
Anders sehen dies die Befürworter der erleichterten Einbürgerung. Der Erfolg der U17-Nati ist für sie Wasser auf ihre Mühlen. Wenn man auch die Augen mancher Politiker nicht öffnen könne, sei es mit der Bevölkerung etwas Anderes, sagte Ueli Leuenberger, Präsident der Grünen Partei. FDP-Präsident Fulvio Pelli erklärte, dieser Sieg zeige die neue Realität der Schweiz, eines Landes, in dem viele verschiedene Kulturen integriert seien, die mit Stolz unter der rotweissen Flagge für etwas kämpften. Für SP-Präsident Christian Levrat wirft der Erfolg des U17-Teams ein positives Licht auf den Beitrag von Migranten für das Land. Er schliesst nicht aus, dass dies dazu beitragen könnte, den Weg für eine Gesetzesänderung vorzubereiten.
Die Schweiz verdankt ihren U-17-Weltmeistertitel Spielern mit ausländischen Wurzeln, dreizehn der 21 Fussballer haben einen Migrationshintergrund. Ist Sport der Königsweg zur Integration?
Da kann man so sagen, und zwar im doppelten Sinne: Einerseits integrieren sich die Spieler auf dem Fussballfeld, andererseits üben sie eine wichtige Vorbildfunktion aus. Sie zeigen, dass man es in der Schweiz mit Migrationshintergrund zu etwas bringen kann. Die Botschaft ist bedeutsam: Die Schweiz ist – anders als es Migranten vielleicht bei der Jobsuche erleben – kein Land, dass ihre Einwohner wegen der Herkunft diskriminiert.
Nach wie vor schwierig tut sich die Schweiz mit Einbürgerungen, wie das Beispiel von Josip Drmic zeigt. Das vielleicht begabteste junge Schweizer Fussballtalent musste das Spiel am Fernsehen verfolgen, da die Gemeinde Freienbach ihm zwei Mal den Schweizer Pass verweigerte.
Die Schweiz muss sich in der Tat überlegen, wie die Einbürgerung junger Migranten künftig gehandhabt werden soll. Das Thema wird seit Jahren diskutiert – allerdings verläuft die Debatte harzig. Bereits drei Mal haben die Stimmbürger und die Stände die erleichterte Einbürgerung für die zweite Generation an der Urne abgelehnt, letztmals 2004.
Nun liegt eine neuer Vorschlag auf dem Tisch: Im Gegensatz zur Volksinitiative von 2004 sollen in der Schweiz geborene Ausländer nicht automatisch die Schweizer Staatsbürgerschaft erhalten, sie müssen einen Antrag stellen. Hat diese Vorlage nach dem Weltmeistertitel nun bessere Chancen?
Häufig spielt der Verdacht eine Rolle, junge Migranten würden sich nicht aus innerer Überzeugung einbürgern wollen. An der Frage der Einbürgerungen wird sich entscheiden, wie die Schweiz in Zukunft aussehen will. Will sie ihre Talente behalten oder ausschliessen? Tatsache ist, dass diese in der Schweiz bleiben wollen, wenn man ihnen eine Zukunftsaussicht bietet. Oftmals kennen die hier geborenen Jugendlichen mit Migrationshintergrund – gerade diejenigen aus der dritten Generation – das Land ihrer Eltern nur schlecht. Ihre Zukunft ist die Schweiz, deshalb ist es aus staatspolitischen Gründen zu hoffen, dass die Vorlage mehr Erfolg haben wird.
Junge Spitzensportler werden in der Schweiz zuweilen schneller eingebürgert als beispielsweise Maurer oder Bauarbeiter. Was halten Sie davon?
In Einbürgerungsentscheiden schwingt immer ein wenig der Gedanke nach der Nützlichkeit mit. Die Behörden sind bei einem bekannten Fussballer sicher eher bereit, eine Einbürgerung voranzutreiben. Man muss aber sagen, dass dies auch im gegenseitigen Interesse geschieht: Der Spieler will schnell eingebürgert werden und für die Schweiz spielen. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass auch alle anderen einbürgerungswilligen Jugendlichen meist integriert sind und man ihnen die Chance nicht verwehren sollte, als Mitglieder unserer Gesellschaft als Gleiche unter Gleichen zu wirken.
Studien haben gezeigt, dass junge Ausländer auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert werden. Ist Sport der einzige Ausweg für sie?
Sport ist für Minderheiten schon immer eine Möglichkeit gewesen, sich einen Platz in der Gesellschaft zu suchen. Denn im Sport zählt die Leistung, nicht der Nachname. Auf dem Fussballfeld werden die Vorurteile über die Hautfarbe oder die Nationalität unwichtig. Kurzum: Sport ist eine Möglichkeit zu zeigen, wer man wirklich ist – ohne sich Vorurteilen auszusetzen zu müssen.
(bazonline.ch/Newsnetz)
Erstellt: 16.11.2009, 17:17 Uhr
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