Schweiz
«Im Tunnelbau schafft man alles»
Von Gerhard Lob, Faido (aufgezeichnet). Aktualisiert am 11.08.2010 1 Kommentar
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Ich bin bereits 25 Jahre, seit 1985 als Mineur im Tunnelbau tätig. Seit 2002 arbeite ich auf Alptransit-Baustellen des Gotthard-Basistunnels, zuerst in Bodio, seit zwei Jahren in Faido – als Angestellter des Baukonzerns Alpine. Ich bin als Vorarbeiter auf der Tunnelbohrmaschine (TBM) in der Weströhre im L1 Bereich tätig. Das heisst: Ich führe mit den Kollegen die ganzen Sicherungsarbeiten nach dem Auffahren des Tunnels aus.
Wir sind vier bis fünf Mann in diesem Bereich, nur fünf Meter vom Bohrkopf entfernt. Wir sind also die Ersten, die den aufgefahrenen, also vorangetriebenen Tunnel sehen. Wenn das Gestein fest ist, müssen wir nur wenig sichern, mit Netzen und Ankern. Ist der Fels weniger standhaft, müssen wir auch Gitter und Spitzbögen anbringen. Es ist sicherlich kein alltäglicher Job. In gewisser Weise ist er auch gefährlich. Aber wenn man so lange dabei ist wie ich, hat man viel Erfahrung und kann sich auf die Kollegen verlassen. Es gibt die Gefahr von Wasser- und Felseinbrüchen, von Absturz- und Rutschgefahr. Mir ist glücklicherweise nie etwas passiert. Und ich hoffe, dass es so bleiben wird.
Fahrgemeinschaft
Fast gefährlicher finde ich eigentlich meinen Nachhauseweg. Mit einigen Kollegen fahren wir alle zehn Tage nach Österreich zur Familie – rund 600 Kilometer eine Strecke. Immer in Fahrgemeinschaften. Was man auf der Strasse alles erleben kann – einfach Wahnsinn!
Ich arbeite im Schichtbetrieb, wenn die TBM läuft. Wir fahren am ersten Tag um 22 Uhr ein, beginnen um 23 Uhr und arbeiten bis 8 Uhr morgens. Um 9 Uhr bin wieder draussen und auf meinem Zimmer. Dann gehe ich schlafen. So geht das fünf Tage lang. Ich habe ein Containerzimmer. Das ist klein, aber es reicht und hat sogar eine Klimaanlage.
Am sechsten Tag gibt es einen Wechsel, da gibt es eine Schicht von 16 bis 23 Uhr. Es folgen vier Schichten von jeweils 13.30 Uhr bis 23 Uhr. Am zehnten Tag kommen wir also um 23 Uhr aus dem Tunnel. Viele meiner Kollegen fahren dann noch in der Nacht nach Hause, einige schlafen und fahren erst am Morgen. Wir haben fünf Tage zu Hause. So ein Rhythmus ist gewöhnungsbedürftig, aber für mich und meine Familie ist es normal. Ich habe drei Kinder und vier Enkelkinder. Und meine jüngste Tochter hat immer gesagt, es ist wichtiger, einen Papa zu haben, der fünf Tage wirklich präsent ist und sich der Familie widmet, als einen Papa, der jeden Abend da ist, aber sich nicht um die Familie kümmert. Auch meine Frau hat mich so kennengelernt, sie hat nie ein Problem damit gehabt.
Wie gesagt, ich arbeite schon 25 Jahre im Tunnelbau. Durch meinen Vater kam ich zu diesem Beruf, auch er war schon Tunnelbauer. Ich hatte eigentlich eine Lehre als Gas-Wasser-Leitungsinstallateur absolviert. Als ich kurz arbeitslos war, hat mich mein Vater mitgenommen. Dabei war die Arbeit auf einer Baustelle eigentlich nie mein Traum.
Doch ich übe meinen Beruf gerne aus. Ich könnte mir nicht vorstellen, einfach einen Bürojob zu machen oder in einer Fabrik zu arbeiten. Mineur ist nicht einfach ein Beruf, es ist vielleicht schon mehr, auch wenn das Wort Berufung wohl zu hoch gegriffen ist. Das Geld spielt dabei eine wichtige Rolle. Wenn ich zu Hause gleich verdienen würde wie hier, wäre ich wohl kaum da. Das gilt auch für die Kollegen. Wir verdienen gut, aber der Lohn ist für harte Arbeit.
Zentimeter um Zentimeter
Ich bin jetzt acht Jahre hier. Das ist aussergewöhnlich. So lang war ich noch nie auf einer einzigen Baustelle. Niemand hätte gedacht, dass es so lange dauert. Aber dieser Tunnel ist ein Megaprojekt und es sind einige Schwierigkeiten aufgetreten. Zweifel an der Machbarkeit kamen bei mir nie auf. Im Tunnelbau schafft man alles. Manchmal geht es vielleicht nur Zentimeter vorwärts, aber vorwärts geht es immer.
Im Sommer kann es sehr heiss im Tunnel werden, wenn es vielleicht Versorgungsprobleme mit dem Wasser gibt. Solange wir die Temperatur auf 26 bis 28 Grad halten, geht es, aber wenn es mal 34 Grad wird – meine Güte! Das kann sich niemand vorstellen.
Es gibt schon einen gewissen Stolz, am Bau des längsten Tunnels der Welt beteiligt zu sein. Bei der alltäglichen Arbeit denkt man aber nicht dran. Ein Ingenieur, der vor Kurzem tödlich verunglückt ist, sagte immer «hinter der Hacke ist es dunkel». Und er hatte recht! Tunnel ist Tunnel.
Unfälle passieren
Wenn Unfälle passieren, sprechen wir natürlich darüber. Es geht einem schon nahe. Und es bringt einen auch zum Nachdenken. Wofür das Ganze? Kollegen werden ersetzt. Irgendwie ist man eben doch nur eine Nummer.
Ich versuche immer, positiv zur Arbeit zu gehen. Und es gibt natürlich auch die Freizeit. Ich setze mich gerne aufs Rad. Da kann ich am besten abschalten. Die frische Luft tut mir gut, schlechte Luft haben wir im Tunnel genug. Und das Gebiet hier ist bestens geeignet für Touren mit dem Mountain-Bike. Wir fahren viel in der Gruppe. Ich kenne jetzt alle Strassen, Wege und Pässe in dieser Gegend. Und wenn ich mich zu müde fühle, gehe ich vielleicht nur nach Faido, um einen Kaffee zu trinken. Leider habe ich immer noch mit dem Schweizerdeutsch Mühe, und auch Italienisch habe ich in all den Jahren kaum gelernt. Das wäre wohl anders, wenn ich direkt mit Italienern zusammenarbeiten würde. Doch wir arbeiten vorwiegend in Sprachgruppen, das heisst ich arbeite mit meinen österreichischen Kollegen, die ich schon lange kenne.
Soziale Absicherung
Wie geht es weiter, wenn der Vortrieb hier beendet ist? Ich weiss es nicht, ob meine Firma wieder Arbeit erhält. Ich würde gerne nach dem Gotthard-Basistunnel weiter in der Schweiz bleiben. Die soziale Absicherung ist hier besser als im Rest von Europa. Vielleicht kommt ja der zweite Gotthard-Strassentunnel. Hier sind wir alle dafür. Wir könnten diesen in acht Jahren bauen.
Wir sprechen hier oft über den Aufwand, der nötig ist, um den Gotthard-Basistunnel zu bauen. Dereinst wird der Zug in 15 Minuten die Röhre durchfahren. Und niemand wird sich vorstellen können, welche Arbeit dahinter steckt – von den Kosten ganz zu schweigen. (Basler Zeitung)
Erstellt: 11.08.2010, 15:27 Uhr
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1 Kommentar
Im Gegensatz zu den unzähligen Milliarden Sozialgelder werden hier Werte geschaffen, die hundert und mehr Jahre überdauern und Zinsen tragen. Wen interessiert es heute noch, dass die Gotthardstrecke im 19. Jh. fürchterlich viel mehr Geld als geplant gekostet hat? Es ist bleibend und gut angelegtes Geld. Antworten
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