Schweiz
Immer mehr Erwachsene saufen sich ins Koma
Von Andrea Sommer. Aktualisiert am 15.03.2010 6 Kommentare
«Die Zahl der Erwachsenen mit Alkoholvergiftung hat stark zugenommen»: Monika Haberkern, Leiterin der Alkoholstudie.
Der Jüngste war 10-jährig
Die Spitäler im Kanton Bern behandelten im Jahr 2008 insgesamt 462 Jugendliche und junge Erwachsene wegen Alkoholmissbrauchs und gegen dadurch entstandene Verletzungen. Im Jahr 2002 waren es noch 174 Fälle.
Dass das Rauschtrinken bei Jugendlichen zugenommen hat, bereitet der kantonalen Gesundheits- und Fürsorgedirektion Sorgen. Deshalb erteilte sie der Stiftung für Gesundheitsförderung und Suchtfragen, Berner Gesundheit, den Auftrag, Früherfassungsangebote für Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 12 und 25 Jahren zu entwickeln.
Unter dem Titel «vollRausch» und «AlcoFlop» startete die Berner Gesundheit vom Mai 2007 bis Dezember 2008 ein Pilotprojekt. Während dieser Zeit wurden insgesamt 34 Jugendliche und junge Erwachsene beraten. Die grösste Gruppe bilden die 16- bis 19-Jährigen. Der jüngste Patient mit Alkoholvergiftung war 2008 ein 10-jähriger Knabe.
Seit 2009 gehören «vollRausch» und «AlcoFlop» zum festen Beratungsangebot der Berner Gesundheit. Aktuelle Zahlen zu den Beratungen sind nicht erhältlich. Laut Berner Gesundheit bleibe jedoch bei jungen Männern die Zahl der Spitaleinweisungen auf hohem Niveau. Bei den Frauen sei die Entwicklung rückläufig.
Das Angebot wurde laut Berner Gesundheit vor allem von Jugendgerichten und Heimen genutzt. Sie wiesen die jungen Leute der Beratungsstelle zu. Die Beratung steht jedoch allen, auch Eltern, offen und ist gratis. Die Kosten trägt der Kanton. as
In der Notaufnahme des Berner Inselspitals wurden allein in der Nacht von Samstag auf Sonntag vier Patienten mit Alkoholvergiftung behandelt. Bei ihnen handelt es sich allerdings nicht um Jugendliche Komatrinker, sondern um erwachsene Männer. Der jüngste ist 18 Jahre alt, die drei andern sind 26 und 27 Jahre alt. Dass Erwachsene immer öfter bis zum Umfallen trinken, ist denn auch das Ergebnis einer neuen, noch unveröffentlichten Studie des Inselspitals.
Mit 4,4 Promille in der Insel
Von 2000 bis 2007 behandelte das Universitäre Notfallzentrum für Erwachsene am Inselspital 1763 Patienten mit Alkoholvergiftung. Davon waren 1422 Erstdiagnosen und 341 «Wiederholungstäter». Zwar nahmen laut der Studie die Fälle von Alkoholvergiftung bei 16- bis 25-Jährigen von 29 Fällen im Jahr 2000 auf 74 Fälle im Jahr 2007 zu.
Gestiegen ist jedoch auch die Zahl jener Patienten, die wiederholt mit einer Alkoholvergiftung ins Spital eingewiesen wurden. Laut Monika Haberkern, Co-Leiterin der medizinischen Notfallstation des Inselspitals und Leiterin der Alkoholstudie, handelt es sich dabei meist um Erwachsene im Alter von 25 bis 55 Jahren. Unter ihnen sind eineinhalb Mal so viele Männer wie Frauen, und sie werden im Durchschnitt mit 2,25 Promille eingeliefert.
Der höchste im Insel-Notfall gemessene Blutalkoholwert betrug 4,4 Promille. Solche Werte erreichten typischerweise 30- bis 40-jährige alkoholkranke Männer, sagt Haberkern. «Am fraglichen Abend trinken sie noch massiver als sonst. Häufig sind sie bereits arbeitslos und verwahrlost.»
Drogencocktail bei Jungen
Bei den jugendlichen Komatrinkern ist der durchschnittliche Promillewert mit 1,67 zwar tiefer. Dafür kommen sie oft mit Mischvergiftungen in den Notfall, weil sie Alkohol zusammen mit Drogen oder Medikamenten konsumiert haben. «96 der 418 erfassten Jugendlichen hatten neben Alkohol Drogen wie Cannabis und Kokain konsumiert», sagt Haberkern. Typische Partydrogen wie Ecstasy seien nur in 2,4 Prozent der untersuchten Fälle nachgewiesen worden. Laut Haberkern liegt dies daran, dass der Nachweis von Partydrogen, hauptsächlich von Liquid Ecstasy, schwierig sei.
Das Schweigen der Ärzte
Problematisch bei Minderjährigen, die wegen Drogen- und Alkoholmissbrauchs im Insel-Notfall landen, ist auch, dass die Ärzte die Eltern oft nicht informieren dürfen. «Ist der Patient noch ansprechbar, dann müssen wir uns an unsere Schweigepflicht halten», sagt Haberkern. Zwar erhalten die Eltern die Rechnung für die Behandlung ihrer betrunkenen Kinder – bezahlen tut sie in der Regel aber die Krankenkasse. Einzig in Zürich müssen die Komatrinker selber für das überwachte Ausnüchtern aufkommen.
Die kantonale Gesundheits- und Fürsorgedirektion hat darauf reagiert, dass das Komatrinken bei Jugendlichen zugenommen hat, und der Stiftung Berner Gesundheit den Auftrag erteilt, Früherfassungsangebote zu entwickeln.
Behandlung mit Polizeihilfe
Die Gründe, die zum Komatrinken führen, sind laut Haberkern vielfältig. Während Jugendliche trinken, weil sie Spass haben wollten, sei bei Erwachsenen oft Einsamkeit oder der Stellenverlust der Grund für den übermässigen Alkoholkonsum. Es gebe jedoch auch Geschäftsleute, die sich bis zur Besinnungslosigkeit betränken, weil sie mit dem beruflichen Druck nicht klarkämen, so Haberkern.
Für die Spitäler sind alkoholisierte Notfallpatienten eine Belastung, sagt Haberkern. Bei der Einweisung seien sie oft äusserst aggressiv, würden verbal ausfällig oder sogar gewalttätig und könnten nur mit Hilfe von Polizei oder Securitas behandelt werden. «Manchmal sind fünf bis acht Leute nötig, um einem Patienten die nötigen Medikamente zu verabreichen.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 15.03.2010, 10:12 Uhr
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6 Kommentare
Anstatt andauernd die Prämien zu erhöhen könnte man sich auch mal Gedanken machen was alles durch die Kasse zu berappen ist. Komasaufen gehört ganz sicher nicht dazu und Nachbehandlungen auch nicht, egal ob es sich um "Geschäftsleute" oder gelangweilte Jugendliche handelt. Antworten
Die Krankenkassen sollten nicht mehr dafür zahlen müssen. Auch der Gesetzgeber ist gefordert, wenn man nicht mal die Eltern der betroffenen informieren darf. Solange wir solche Misstände im Krankenkassenwesen haben ist es nicht verwunderlich dass die Prämien ausufern Antworten
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Erst Metropolitanregion dann Kantonslobbyist – und nun eine parlamentarische Gruppe: Die Region Basel will in Bern besser gehört werden. Braucht es diese neue Organisation?



Rolf Iseli
"Jugendliche trinken weil sie Spass haben wollen.". Wo bitte ist der Spassfaktor wenn man ins Koma fällt ? Dass man am nächsten Tag wieder aufwacht und es am nächsten Wochenende nochmal versuchen kann. In der Stadt Zürich tut's nun wenigstens finanziell weh - hoffentlich. Antworten