In der Schweiz holte Moussavi 83 Prozent
Während in Teheran der Streit tobt, gibt es in Zürich nichts zu diskutieren: Von den 321 Iranern, die im iranischen Kulturzentrum in Schlieren ihre Stimme abgegeben haben, stimmten 269 für Oppositionskandidat Moussavi. Präsident Ahmadinejad kam mit 33 Stimmen auf Platz zwei. Die übrigen Stimmen verteilten sich auf die übrigen zwei Kandidaten. Semkar Khiabani versichert: «Die Zahlen stimmen.» Er leitet das Zentrum in Schlieren; er hat die Wahlen organisiert und kontrolliert.
Auch gesamtschweizerisch schwang Moussavi obenaus. Knapp 3900 Iranerinnen und Iraner leben in der Schweiz. Jene, die an der Wahl teilgenommen haben, sprachen sich zu 83 Prozent für Moussavi aus. Zentrumsleiter Khiabani sagt: «Fast alle Iraner in der Schweiz haben Moussavi gewählt. Sie glauben, dass es einen Wahlbetrug gegeben hat. Entsprechend unzufrieden sind sie mit den gestrigen Aussagen von Ayatollah Khamenei.»
Entscheidend ist die Herkunft
Die iranische Diaspora in der Schweiz ist eine heterogene Gemeinde. Ein knappes Drittel, nämlich 1200, befindet sich im Asylverfahren. Die übrigen studieren oder arbeiten – nicht wenige als Ärzte, andere als Kaufleute, zum Beispiel im Teppichhandel.
Sehr heterogen ist auch das Verhältnis zur Heimat: Es reicht von Regierungstreue bis zu Fundamentalopposition. Vor allem unter jenen, die aus dem Iran geflohen seien, gebe es viele, welche die Wahlen boykottiert hätten, sagt der emeritierte Berner Soziologe Farhad Afshar. «Sie lehnen die islamische Republik grundsätzlich ab und deshalb auch alle Kandidaten, die zur Wahl zugelassen worden sind.»
Gibt es unter den Schweiz-Iranern bestimmte Berufs- oder soziale Gruppen, die entschieden mit dem Präsidenten sympathisieren – und andere, die ebenso entschieden zur Opposition stehen? Ausschlaggebend sei nicht der Beruf oder die soziale Stellung, sondern die Herkunft, sagt Soziologe Afshar: «Die Anhänger des Präsidenten kommen vom Land. Es sind Leute, die trotz Studium und Europa-Erfahrung ihre ländliche Prägung beibehalten haben.»
«Extrem individualistisch»
Ob Moussavi oder Ahmadinejad, Stadt oder Land – eines verbindet alle Schweiz-Iraner: die Angst. Alle sorgen sich um Verwandte und Bekannte. Und um die Zukunft der Heimat.
Trotzdem gibt es kaum öffentliche Manifestationen der hier lebenden Iraner. Soziologe Afshar sagt: «Die Iraner sind extrem individualistisch. Das gehört zu unserer Kultur.» Iraner seien bestrebt, sich in der Umgebung zu integrieren, in der sie leben und arbeiten würden. Von Heimweh-Vereinen und Exil-Iraner-Aktionen würden sie wenig halten. «Unsere Gewohnheiten sind anders als jene, welche die türkische oder die albanische Diaspora pflegen», sagt Afshar. Wohl verfolgen die Schweiz-Iraner aufmerksam, was in ihrer Heimat geschieht – doch das tut jeder für sich.
Deshalb herrscht auch im Zentrum in Schlieren nur selten Hochbetrieb. «Als wir die Wahlen durchführten, kamen viele. Sonst sind die Iraner zurückhaltend», sagt Zentrumsleiter Khiabani. Am Freitag, am Tag des Auftritts von Ayatollah Khamenei, blieb das Zentrum geschlossen.
Veränderungswille kommt gut an
Dass Oppositionskandidat Moussavi von den Schweiz-Iranern fast geschlossen unterstützt wird, erklärt Khiabani mit dem Veränderungswillen des Politikers. Dieser komme sehr gut an. Soziologe Afshar rückt einen anderen Aspekt ins Zentrum: «Für Iraner, die im Ausland leben, spielt die Aussenpolitik eine grosse Rolle.» Daraus lässt sich schliessen: Die Unzufriedenheit mit Präsident Ahmadinejads Aussenpolitik ist offenbar auch bei den Schweiz-Iranern gross. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.06.2009, 22:47 Uhr
Schweiz
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