In der Schweiz wird es eng

Eine CS-Studie erwartet ein Wirtschaftswachstum, das bis 2020 eine weitere Million Menschen in unser Land lockt. Dafür drohen horrende Mieten und Dauerstau.

Der Oerlikerpark in Zürich: Hier reiht sich Wohnung an Wohnung. Ein Quadratmeter Land wird in der Schweiz pro Sekunde verbaut.

Der Oerlikerpark in Zürich: Hier reiht sich Wohnung an Wohnung. Ein Quadratmeter Land wird in der Schweiz pro Sekunde verbaut. Bild: Keystone

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Die Schweiz eine «Insel der Glückseligen»? In Anführungszeichen könne man das schreiben, sagt Martin Neff, Chefökonom der Credit Suisse Schweiz. Zumindest so glücklich, dass alle hierher kommen wollen. Aufgrund seiner Studie «Struktur der Schweizer Wirtschaft 1998–2020» sagt er eine Wirtschaftsentwicklung voraus, die zu einer Zunahme der Bevölkerung um eine Million innerhalb von zehn Jahren führen würde.

Hoch qualifizierte Zuwanderer

Von 7,8 auf fast 9 Millionen Einwohner bis 2020: Die Prognose basiert auf den Zuwanderungszahlen der Boomjahre vor der Krise. Pro Jahr sind im Schnitt fast 100 000 Personen vom Ausland zugezogen – hauptsächlich gut ausgebildete Zuwanderer, die hier Arbeit fanden. Diese Entwicklung werde weitergehen, weil die Schweiz aus der Finanzkrise gestärkt hervorgehe, zumindest verglichen mit den schuldengeplagten Wirtschaftsmächten Westeuropa, USA und Japan. Für Unternehmen und hoch qualifizierte Arbeitskräfte, so Neff, werde die wenig verschuldete, steuergünstige und stabile Schweiz als Standort tendenziell eher noch attraktiver. Fast 9 Millionen Menschen in einem Land, das nur 41 285 Quadratkilometer umfasst? Das tönt mehr nach Gedränge als nach Glück. Ausserdem würde der Ausländeranteil von heute 22 auf 30 Prozent steigen. Aus Sicht des Bundesamtes für Statistik (BFS) ist Neffs Prognose zwar etwas hoch. Doch auch das BFS rechnet mit einer halben Million mehr Einwohner bis 2020 – wenn der Trend seit dem Zweiten Weltkrieg anhält.

Die Folgen

Pro Jahr wächst die Schweiz also mindestens um eine mittelgrosse Stadt. Bereits heute haben wir rund 190 Einwohner pro Quadratkilometer. In Europa sind es im Schnitt 116. Eng wird es vor allem im Mittelland, weil auf Bergen und Seen niemand leben kann. Da müssen wir uns an die Bevölkerungsdichte des Kantons Zug mit 460 Einwohnern pro Quadratkilometer gewöhnen (Text unten). Was für Folgen hat das genau?

  • Wohnen: Pro Sekunde wird heute in der Schweiz ein Quadratmeter Land verbaut. Pro Tag sind das zehn Fussballfelder. An der Zersiedelung ist nicht nur das Bevölkerungswachstum schuld, sondern auch der gestiegene Platzbedarf: 50 Quadratmeter beansprucht eine Person heute, doppelt so viel wie vor 50 Jahren. Am liebsten breiten sich die Schweizer im Eigenheim im Grünen aus: 2008 waren von 16 678 neu gebauten Wohngebäuden 70 Prozent Einfamilienhäuser. Gesetzliche Grundlagen für die Steuerung der Siedlungsentwicklung gibt es nicht. Ein revidiertes Raumplanungsgesetz, mit dem der Bund mehr Kompetenzen erhalten sollte, haben Kantone und Gemeinden in der Vernehmlassung zerpflückt. Sie bestehen auf ihrem Recht zu bestimmen, wo gebaut werden darf. Die Landschaftsinitiative hingegen will, dass 20 Jahre lang kein Bauland mehr eingezont wird. Sie steht im Ständerat auf dem Programm der Session, die heute beginnt.

    Wird Bauland knapper, steigen die Mieten. Neff schätzt, dass 3000 Franken für eine 3-Zimmer-Wohnung an zentraler Lage keine Ausnahme sein werden. In den Innenstädten werden die Reichen wohnen. «Auch solche, denen die Steueroasen verleidet sind, weil von dort Richtung Stadtzentrum auf der Strasse kein Durchkommen ist.»

  • Verkehr: Für gewisse Pendler wird das Gedränge die Schmerzgrenze erreichen. «Auch sie werden künftig mit deutlich höheren Preisen konfrontiert sein», sagt Ulrich Weidmann, Professor für Verkehrssysteme. Er prophezeit, dass vor allem die Intercity-Pendlerzüge chronisch überlastet sein werden. Gleiches droht den Trams und Bussen in den Städten. Weniger betroffen sei der SBahn-Verkehr, dessen weiterer Ausbau bereits im Gange ist. Schlimmer als auf den Schienen wird es auf den Strassen rund um die Städte, wo sich heute bereits der Verkehr staut. «Es ist politisch viel schwieriger, neue Strassen durchzusetzen als neue Schienen», sagt Weidmann. Niemand wolle neben einer Autobahn leben. 90 Minuten ist der Mensch im Schnitt pro Tag unterwegs. Wenn Pendeln mühsamer und teurer wird, sagt Weidmann, würden die Leute wieder näher an ihren Arbeitsplatz ziehen wollen, trotz höheren Mieten.

  • Arbeit: 600 000 neue Arbeitsplätze könnten in der Schweiz bis zum Jahr 2020 geschaffen werden, sagt Ökonom Neff. Hauptsächlich in Branchen wie Gesundheit, Spitzenindustrie, Finanzdienstleistung und Umwelttechnologie, die heute schon auf dem Vormarsch sind. Es sind anspruchsvolle Jobs für gut ausgebildetes Personal. Dafür sei der Standort Schweiz optimal. Um diese Stellen zu besetzen, brauche die Schweiz Zuwanderer, sie verdrängten die Einheimischen nicht, prophezeit Neff. Die Zuzüger bringen ihre Familien mit – so kommt er bei einer brummenden Wirtschaft auf eine Million Immigranten in zehn Jahren.
(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.09.2010, 08:59 Uhr)

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In der Schweiz wird es eng - und das Gedränge beim Pendeln die Schmerzgrenze erreichen. Würden Sie näher an den Arbeitsplatz ziehen, auch wenn die Miete dort deutlich höher wäre?

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