Schweiz
«Ist es nötig, jede Lebenskrise medizinisch zu therapieren?»
Von Fabian Renz. Aktualisiert am 20.02.2012 236 Kommentare
Wenig begeistert: CVP-Nationalrätin Ruth Humbel (AG).
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Der neue SP-Gesundheitsminister Alain Berset schickt sich an, Furore zu machen. Erst präsentierte er letzte Woche eine nach SP-Wünschen korrigierte Vorlage zur Aufsicht über die Krankenkassen. Nun hat sein Bundesamt für Gesundheit (BAG) übers Wochenende eine weitere provokante Idee lanciert: Laut «NZZ am Sonntag» will das BAG selbstständigen Psychologen ohne Medizinstudium ab 2013 den Zugang zur Krankengrundversicherung ermöglichen.
In der weitestgehenden Variante würden sie als «selbstständige Leistungserbringer» definiert. Ihre Dienste stünden jedermann offen, ohne dass es eine Zusatzversicherung oder eine ärztliche Zuweisung bräuchte. In der milderen Variante müsste sich der Versicherte von einem Arzt dem Psychologen zuweisen lassen, worauf dieser mit der Krankenkasse abrechnet («Anordnungsmodell»).
Angst vor neuem Kostenschub
Zu den finanziellen Auswirkungen existieren offenbar keine zuverlässigen Prognosen. Erklärte Absicht ist aber, dass mehr Schweizer psychotherapeutische Leistungen in Anspruch nehmen. «Es finden zu wenig Therapien statt angesichts dessen, was therapiert werden müsste», zitiert die «NZZ am Sonntag» einen BAG-Vertreter. Das Amt beruft sich auf Untersuchungen, nach denen nur ein Drittel aller Einwohner mit schwerer psychischer Belastung in Therapie gehe. Bei den Menschen mit mittlerer Belastung sei es sogar nur jeder Zehnte.
Die bürgerlichen Parteien sind von den Folgerungen des BAG wenig begeistert. «Ist es nötig, jede Lebenskrise medizinisch zu therapieren?», fragt CVP-Nationalrätin Ruth Humbel (AG). Und Ratskollege Jürg Stahl (SVP, ZH) doppelt nach: «Man kann die Bevölkerung auch künstlich krankmachen.» Beide lehnen es ab, den Leistungskatalog der Grundversicherung wie vorgeschlagen zu erweitern. «Mit viel Aufwand haben wir das Kostenwachstum im Gesundheitswesen etwas in den Griff bekommen. Da sollten wir nicht dem Begehren einer neuen Berufsgruppe nachgeben, die es an die staatlichen Töpfe drängt», findet Stahl.
Unterstützung für die BAG-Pläne kommt von links: «Dass sich Patienten heute vom Arzt zum Psychologen delegieren lassen müssen, verursacht unnötigen Mehraufwand», sagt die grüne Nationalrätin Yvonne Gilli (SG). Überdies entspreche es den Bedürfnissen der Betroffenen, sich mit ihren sehr persönlichen und intimen Problemen direkt an eine Fachkraft zu wenden.
Auf Managed Care setzen
Immerhin ist nicht ganz ausgeschlossen, dass Berset auch die bürgerliche Mehrheit noch für sich gewinnen könnte. «Falls die heutige freie Arzt- und Therapeutenwahl durch das Managed-Care-Modell ersetzt würde, hätten wir eine bessere Ausgangslage. Wenn Psychologen als eigenständige Leistungsträger innerhalb von Ärzte-Netzwerken arbeiteten, wäre eine gute Kostenkontrolle gewährleistet», meint FDP-Nationalrat Ignazio Cassis (TI). Ähnlich argumentiert auch Ruth Humbel. Die Einführung eines Managed-Care-Modells ist grundsätzlich beschlossen, wird aber mit dem Referendum bekämpft.
Auf das «Anordnungsmodell» kann Berset unabhängig von den Ansichten des Parlaments setzen. Hierfür braucht es nur das Ja des Gesamtbundesrats. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.02.2012, 07:15 Uhr
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236 Kommentare
Angst vor neuem Kostenschub --- das ist wohl nur der Vorname dessen, was uns erwarten würde, wenn auch noch Psychologie zur Pflichtleistung für Kassen würde. Statt den Leistungskatalog von Unnötigem (z.B. Heroinabgabe, Pränatalbildern usw.) zu entschlacken, wollen Linke und Ärztelobbyisten noch mehr mediz. Luxus und Kostenexplosion generieren. Das muss verhindert werden. Antworten
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