Schweiz

Kampfjet Gripen mit unbefriedigenden Noten

Von Beni Gafner. Aktualisiert am 27.11.2011 13 Kommentare

Zwei geheime Evaluationsberichte der Schweiz raten von einer Beschaffung des Schwedischen Flugzeugs Gripen ab.

Gripen des schwedischen Anbieters Saab ist deutlich schlechter als die Konkurrenz.

Gripen des schwedischen Anbieters Saab ist deutlich schlechter als die Konkurrenz.
Bild: Keystone

Artikel zum Thema

Stichworte

Blog

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Öffentlichkeit und Politik sind bei der Beschaffung neuer Kampfflugzeuge von Bundesseite bisher nicht mit der vollen Wahrheit konfrontiert worden. Dies zeigen zwei Evaluationsberichte, die Luftwaffenkommandant Markus Gygax unterschrieben hat. Der erste Bericht wurde 2008 verfasst, unmittelbar nach Abschluss der umfangreichen Flug- und Bodenerprobung der drei Kandidaten Rafale, Eurofighter und Gripen.

Der zweite Bericht datiert aus dem Jahr 2009 und schliesst die zweite, bis heute massgebende Evaluationsphase ab. Ziel dieser zweiten Evaluationsphase war es, die bei jedem der drei Flugzeuge vorgesehenen Anpassungen und Verbesserungen zwischen der praktischen Flugversuchsphase 2008 und der vorgesehenen Auslieferung im Jahr 2015 zu eruieren.

Offiziell wurde bisher stets verlautbart, alle drei Kampfflugzeuge genügten den Minimalanforderungen. In einem Interview vom vergangenen Samstag in der NZZ erklärte Korpskommandant Markus Gygax etwa: «Wir haben eine Benchmark gesetzt, wobei uns die F/A-18 als Vergleichsgrösse diente. Ich habe dem Bundesrat gemeldet, dass alle evaluierten Typen unser Anforderungsprofil erfüllen.» Und weiter gab der Kommandant der Luftwaffe zu Protokoll: «Ich bin glücklich, dass alle an der Evaluation beteiligten Typen die Benchmark erreichen. Das heisst, dass ich mit jedem Entscheid leben kann.»

Berichte widersprechen Gygax

Die beiden vertraulich klassifizierten Berichte widersprechen dieser Darstellung nun aber deutlich. Gemäss dem Evaluationsbericht 2009 ist das preislich günstigste Flugzeug unter den Anbietern klar durchgefallen, nämlich der schwedische Gripen von Saab. Im Bericht heisst es: «Der Rafale ist das einzige Flugzeug, welches die Anforderungen der Luftwaffe in allen Einsatzarten erfüllt hat.»

Gripen habe in der zweiten Evaluationsphase gegenüber den beiden anderen Flugzeugen zwar aufholen können. «Trotzdem reichte es nicht, dass Gripen diese Schwelle grundsätzlich und unabhängig vom Missionstyp überschreiten konnte.» Im ersten Evaluationsbericht, der nach einer Vielzahl von Tests sowie simulierten Kampf-, Luftpolizei und Aufklärungsaufträgen verfasst wurde, heisst es: «Der Gripen konnte in allen Einsatzarten eingesetzt werden, zeigte aber mehrere Defizite, welche eine effiziente Durchführung der Aufträge ernsthaft infrage stellten. Aufgrund seiner Konstruktion waren die Einsatzdauer, die Flugleistungen sowie die maximale Waffentraglast die am meisten einschränkenden Faktoren.»

Minimalziele nicht erreicht

Als «unbefriedigend» bezeichnen die Jet-Experten von Armasuisse und Luftwaffe den Gripen in den Bereichen «Luft-Luft» (das heisst in der Luftverteidigung und im Kampf gegen andere Flieger) sowie im Bereich «Luft-Boden». Mit «Luft-Boden» ist die Bekämpfung von Bodenzielen aus der Luft gemeint.

Demnach sei die modernisierte Version des Gripen, der MS 21 heisst, nicht in der Lage, die beiden anderen Kampfflugzeugtypen Rafale und Eurofighter zu konkurrieren. Gripen habe in allen Anforderungsbereichen die Minimalziele nicht erreicht. Noch schlechter schnitt Gripen im ersten Evaluationsbericht ab: «Die Leistung des Gripen wurde bei Luft-Luft-Einsätzen sowie Angriffseinsätzen als ungenügend beurteilt», heisst es schon in der englischsprachigen Einleitung.

Eher überraschend dürfte sein, dass der Gripen auch bei Luftpolizeieinsätzen das Prädikat «unbefriedigend» erhalten hat; dies, weil er in vier von dreizehn getesteten Punkten ungenügend abgeschnitten hat (darunter Ausdauer, Datenverbreitung, Leistung). In diesem Anforderungsprofil haben der französische Rafale und der deutsch-englisch-spanische Eurofighter klar bessere Leistungen gebracht.

Schlechter als die F/A-18

Nicht nur im Bereich Luftüberwachung haben der Rafale von Anbieter Dassault und der Eurofighter von EADS bessere Leistungen gezeigt als die Schweizer F/A-18, die als Referenz diente. Die bekannt gegebene Absicht von Luftwaffe und Verteidigungsminister Maurer ist es, künftig auf eine Einflottenpolitik zu setzen. Das heisst, der neu zu beschaffende Kampfjet soll zuerst den veralteten Tiger ersetzen, später dann auch die F/A-18. Schlecht sieht es diesbezüglich für Gripen aus. Im Bericht heisst es auf Seite 16 unter Punkt 5.3: «Rafale und Eurofighter zeigten generell bessere Leistungen als die F/A-18, Gripen schlechtere (‹the Gripen performed worse›)».

Der Bundesrat will den Typenentscheid voraussichtlich in seiner Sitzung von nächster oder übernächster Woche fällen. Wie sich dieser präsentieren wird, ist offen. Ein Bundesratsentscheid zugunsten des «Evaluationsverlierers» Gripen würde in der Öffentlichkeit, in Fachkreisen und im Parlament wohl zahlreiche Fragen aufwerfen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 27.11.2011, 17:47 Uhr

13

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.
Werbung

13 Kommentare

Hans Abächerli

27.11.2011, 20:48 Uhr
Melden 18 Empfehlung 1

Wenn man bedenkt, wie schnell heute die Entwicklung vorangeht, und eine Entscheidung basiert auf Tests, die über 3 Jahre zurückliegen....!!! Und mindestens 3 weitere Jahre vergehen, bis allenfalls die ersten Vögel geliefert werden.... damit erhält unsere Armee vor allem wieder NEUEN SCHROTT!!! Antworten


alois egelseder

28.11.2011, 09:32 Uhr
Melden 13 Empfehlung 2

Nein zu unnützem Kriegsspielzeug. Verwendet die Milliarden gefälligst für etwas Sinnvolles! Antworten