«Kanton Baden-Württemberg»: Für Deutschland ein herber Verlust

Die SVP-Idee einer Grossschweiz löst im benachbarten Ausland Debatten aus. Eine grosse deutsche Zeitung zeichnet nun ein düsteres Bild von einem Deutschland ohne Baden-Württemberg.

Neue Grössenverhältnisse: Die Schweiz und Baden-Württemberg.

Neue Grössenverhältnisse: Die Schweiz und Baden-Württemberg.

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Der jurassische SVP-Nationalrat Dominique Bättig sorgt mit seiner Motion weiterhin für Aufsehen. Eine repräsentative «Weltwoche»-Umfrage kam letzte Woche zum Schluss, dass eine Mehrheit der Stimmberechtigten in den grenznahen Regionen Deutschlands, Frankreichs, Italiens und Österreichs der Schweiz beitreten würden. Jetzt nimmt sich die Onlineausgabe der deutschen Zeitung «Welt» des Themas an. Sie geht der Frage nach, was Deutschland ohne Baden-Württemberg wert wäre.

Das Resultat dieses Gedankenspiels ist, dass es Deutschland hart treffen würde. Die arbeitsamen Schwaben sind eine Konjunkturlokomotive und die Zahlmeister der Republik. Neben Bayern und Hessen gehört Baden-Württemberg zu den drei Bundesländern, die als grosse Nettozahler jedes Jahr Milliardenbeträge in den Osten und Norden Deutschlands abliefern.

Eine der wirtschaftsstärksten Regionen Europas

Ein Kanton Baden-Württemberg wäre auch für die gesamtdeutsche Wirtschaft ein gewaltiger Aderlass, wie die «Welt» schreibt. Dort sind Weltfirmen wie Daimler, Bosch und SAP niedergelassen. Tausende mittelständische Betriebe in der Rhein-Neckar-Region bilden das deutsche Silicon Valley.

Baden-Württemberg zählt zu den wirtschaftsstärksten und wettbewerbsfähigsten Regionen Europas. Insbesondere im Bereich der industriellen Hochtechnologie sowie Forschung und Entwicklung gilt das Musterländle als innovativste Region der EU. Von den 25 deutschen Top-Regionen mit den besten Entwicklungschancen liegen allein 11 in Baden-Württemberg. Das Schweizer Wirtschaftsprüfungsinstitut Prognos stellte in einer Studie fest, Baden-Württemberg sei Deutschlands «absolute Spitzenregion für Zukunftscluster».

Ein Land der Erfinder, Dichter und Denker

Die Innovationskraft zeigt sich auch bei den Erfindungen. Schwaben erfanden unter anderem das Auto (Carl Benz), das Luftschiff (Ferdinand Graf von Zeppelin) und das erste raketenbetriebene Flugzeug (Ernst Heinkel). Weitere Erfindungen sind der Rasierapparat, der Hochkran, die Motor- und Stichsäge sowie die Schriftsetzmaschine. Heute ist Baden-Württemberg das Bundesland mit der höchsten Zahl an Patentanmeldungen. Exzellent ist auch das Bildungswesen: Vier der neun deutschen Eliteuniversitäten befinden sich in Baden-Württemberg. Dabei handelt es sich um die Hochschulen in Heidelberg, Karlsruhe, Freiburg und Konstanz.

Baden-Württemberg ist aber auch eine Region der Dichter und Denker von Weltgeltung. Für das intellektuelle Erbe der Schwaben und Badener stehen zum Beispiel die Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Martin Heidegger, die Schriftsteller Bert Brecht, Hermann Hesse und Martin Walser sowie die Dichter Friedrich Schiller und Friedrich Hölderlin. Herausragende Wissenschaftler sind der Astronom Friedrich Johannes Kepler und der Physiker Albert Einstein. Den Erfinder der Relativitätstheorie und Nobelpreisträger müssen die Schwaben allerdings mit der Schweiz teilen, da Einstein auch die schweizerische Staatsbürgerschaft besitzt und in der Schweiz lebte und forschte.

Austritt laut Grundgesetz nicht möglich

Gemäss der «Weltwoche»-Umfrage hegt rund die Hälfte der Stimmberechtigten von Baden-Württemberg Sympathien für einen Beitritt zur Schweiz. Besonders attraktiv erscheinen den Schwaben die niedrigeren Steuersätze und die direkte Demokratie. Dennoch scheint ein Kanton Baden-Württemberg weit weg, weil es unüberwindbare Hürden gibt. Aus deutscher Sicht ist es das Grundgesetz. Dieses sieht den Ausstieg eines Bundeslands respektive den Anschluss an einen Fremdstaat gar nicht vor. Und falls ein Land seine «Bundespflichten» nicht wahrnimmt, droht «Bundeszwang».

Baden-Württemberg in der heutigen Form gibt es seit 1952. Damals beschlossen Württemberg-Baden, Südbaden und Württemberg-Hohenzollern die Vereinigung zu einem Bundesland. In Baden-Württemberg leben rund 10,7 Millionen Menschen. (baz.ch/Newsnet)

(Erstellt: 22.07.2010, 12:38 Uhr)

Das benachbarte Ausland

Die zehn Nachbarregionen, die die SVP-Motion der Schweiz einverleiben will, sind: Elsass, Baden-Württemberg, Vorarlberg, Region um Bozen, Varese, Aosta, Savoyen, Hochsavoyen, Ain und Französischer Jura. «Das Schweizer Demokratiemodell liegt vielen Nachbarvölkern sehr nahe», heisst es in der Begründung der Motion von Dominique Bättig. In den zehn Grenzregionen leben rund 17 Millionen Menschen. (vin)

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