Schweiz
Kinderschänder von St. Johannsen: Richter liess Polizeidirektor abblitzen
Hier brach der Mann aus: Massnahmenzentrum St. Johannsen.
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Der Fall liegt zwei Monate zurück. Doch erst gestern wurde er in der Öffentlichkeit bekannt. Für Empörung sorgte nicht nur die Tatsache, dass ein verurteilter Sexualstraftäter aus dem bernischen Massnahmenzentrum St.Johannsen am Bielersee flüchten, den Zihlkanal durchschwimmen und am andern Ufer ein Mädchen missbrauchen konnte. Nicht verstanden wurde auch, weshalb die Öffentlichkeit über den Fall nicht informiert wurde und weshalb sich der zuständige Untersuchungsrichter erst zu einer Medienmitteilung genötigt sah, als der «Blick» in der Sache zu recherchieren begann.
Das Schweigen hat auch den Berner Polizeidirektor Hans-Jürg Käser (FDP) irritiert. Nachdem sich der Vorfall Ende August ereignet hatte, habe er zuerst einmal eine Abklärung in Auftrag gegeben. «Meine persönliche Einschätzung war, dass es zu einer Nachlässigkeit in der Aufsicht bei der Aussenarbeit gekommen war», sagt Käser. Ob dem so sei, werde gegenwärtig ebenso abgeklärt wie die Frage, ob die Prozesse im Massnahmenzentrum noch richtig seien.
In Bezug auf die Information der Öffentlichkeit hatte der Polizeidirektor jedoch nichts zu befehlen. Das ist Sache der Justiz respektive des zuständigen Untersuchungsrichters. In diesem Fall war das Pascal Fischer, der für das Untersuchungsrichteramt Berner Jura-Seeland in der Filiale in Moutier arbeitet. Käser sagt, am 14.September habe er Fischer einen Brief geschrieben und ihn gebeten, den Vorfall in «geeigneter Form» zu kommunizieren. Ein paar Tage später habe das Untersuchungsrichteramt geantwortet und mitgeteilt, Fischer sei den ganzen September abwesend, aber es werde «zu gegebener Zeit» informiert. «Ich habe keinen Einfluss auf die Justiz», stellt Käser klar. «Es ist in der Kompetenz und Verantwortung des Untersuchungsrichters, wann er informiert.» Aber als der Polizeidirektor gestern im «Blick» lesen musste, «die Behörden wollen alles vertuschen», konnte Käser seinen Ärger nicht mehr verbergen. Wäre es nach ihm gegangen, wäre frühzeitig und offen informiert worden.
Zum Schutz des Opfers
Untersuchungsrichter Pascal Fischer weilte gestern an einer Sitzung und war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Auch der Geschäftsleiter des Untersuchungsrichteramtes, Peter Thoma, war den ganzen Tag abwesend. Niemand konnte erklären, weshalb auf die Information verzichtet wurde, obwohl es sich um eine «Aufsehen erregende», wenn nicht gar um eine «besonders schwere Straftat» gehandelt hatte. In beiden Fällen ist die Orientierung der Öffentlichkeit gesetzlich vorgeschrieben. Franz Walter, der das Massnahmenzentrum St.Johannsen leitet, kennt Fischers Überlegungen: «Er hat sich überlegt, was das im Opfer auslöst, wenn die Medien darüber berichten.» Um das Mädchen nicht noch stärker zu traumatisieren, habe er nach Kontakten mit der Familie beschlossen, die Medien nicht zu informieren. «Ich konnte das nachvollziehen», sagt Walter.
Tatsächlich sei bei der Information der Öffentlichkeit auch der Opferschutz zu berücksichtigen, gibt Rolf Grädel, stellvertretender Generalprokurator des Kantons Bern, zu bedenken. Fischers Vorgehen will er nicht kommentieren, dafür kenne er den Fall nicht gut genug. «Information ist immer eine Gratwanderung», sagt Grädel und fügt an: «Im Nachhinein wäre es sicher besser gewesen, von sich aus zu informieren, als danach zu reagieren.»
Der Ruf nach Transparenz
Ein ungutes Gefühl löste die Informationspolitik des Untersuchungsrichteramtes Berner Jura-Seeland jedenfalls bei der SVP aus. Sie forderte in einer Medienmitteilung «Transparenz gegenüber der Bevölkerung». «Es kann nicht sein, dass unsere Strafanstalten wegen solcher Sachen in den nationalen Medien herumgeschleppt werden», sagt SVP-Grossrat Andreas Blank (Aarberg). Ihn stört auch, dass nie öffentlich mitgeteilt wurde, woran der 24-Jährige gestorben war, der vor drei Wochen in Witzwil ums Leben kam. Er sei mit Drogen aus dem Hafturlaub zurückgekehrt und habe sich den «goldenen Schuss» gesetzt, klärt Polizeidirektor Käser auf.
> (Berner Zeitung)
Erstellt: 31.10.2009, 17:12 Uhr
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