Lauert die Gefahr in den Schweizer Gefängnissen?

Die Pariser Terroristen haben sich in der Haft radikalisiert. Wie sieht die Situation in Schweizer Gefängnissen aus?

Radikalisierung hinter den Schweizer Gefängnismauern? Die Justizvollzugsanstalt Lenzburg. (Archivbild)

Radikalisierung hinter den Schweizer Gefängnismauern? Die Justizvollzugsanstalt Lenzburg. (Archivbild) Bild: Keystone

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Zwei der drei Pariser Attentäter hatten sich während Gefängnisaufenthalten radikalisiert. Haftanstalten als Brutstätten des Terrors – gilt das auch für die Schweiz? «Wie in jedem westlichen Land besteht auch hier die Gefahr, dass sich muslimische Straftäter im Gefängnis radikalisieren. Sie ist aber deutlich geringer als in Frankreich», sagt dazu Lorenzo Vidino. Der Terrorismusexperte hat eine Studie über die jihadistische Radikalisierung in der Schweiz verfasst. Trotz dieses Potenzials fehlten in Schweizer Gefängnissen bisher Richtlinien, wie damit umzugehen sei, bemängelt Vidino.

Schätzungen verschiedener Haftanstalten zufolge sind in der Schweiz durchschnittlich rund ein Drittel der Insassen Muslime. Deren Betreuung in Glaubensfragen sei unzureichend, kritisierte Farhad Afshar in der «Aargauer Zeitung»: Die meisten Imame in den Gefängnissen seien keine Seelsorger, sondern Koranprediger, die Menschen zur Religion zurückführen wollten, so der Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (Kios). Und Vidino sagt: «Prinzipiell kann jeder Imam Gefängnisseelsorger werden – der Hintergrund wird zu wenig geprüft.»

Fokus auf die Moral

Mustafa Memeti ist einer dieser Imame, der Muslime in der Haft besucht. In der Berner Anstalt Thorberg etwa stellt er 67 Insassen seine Dienste zur Verfügung. Auch er sagt: «Die mangelhafte Überprüfung der Imame bereitet mir Sorgen.» Denn als Gefängnisseelsorger habe man eine Verantwortung: «Es wäre zum Beispiel gefährlich, in der psychisch schwierigen Haftsituation die Differenzen zwischen den Religionen zum Thema zu machen. Stattdessen gilt es, die Moral zu erhöhen und den Insassen eine Perspektive zu geben.»

Seitens der Gefängnisleitungen heisst es unisono, ein Auszug aus dem Strafregister sowie ein einwandfreier Leumund seien Voraussetzungen für die Tätigkeit als Seelsorger. Die Imame würden aus den islamischen Zentren rekrutiert und seien insofern breits anerkannt in den Glaubensgemeinschaften. Doch für Memeti beginnt das Problem bereits dort: Zahlreiche Imame stammten aus dem Ausland und seien mit den Gepflogenheiten in der Schweiz zu wenig vertraut. «Es entzieht sich zudem meiner Kenntnis, wo welche Imame predigen. Die Situation ist unübersichtlich.»

Wenig Nachfrage nach religiösen Ritualen

Die Gefängnisdirektoren zeichnen ein anderes Bild der Lage. Sie sagen, viele Häftlinge benötigten die Dienste der Imame gar nicht. In der Justizvollzugsanstalt Lenzburg etwa sind zurzeit 27 Prozent der knapp 200 Häftlinge Muslime. Sie stammen vor allem aus Albanien und Kosovo und haben gemäss Direktor Marcel Ruf ein pragmatisches Verhältnis zur Religion. «Bei uns gibt es keine Nachfrage nach Gebetsteppichen oder Freitagsgebeten – und kein Bedürfnis, mit einem Imam zu sprechen.» Viele Häftlinge tauschten sich stattdessen mit einem christlichen Seelsorger aus. Als Bezugspersonen genauso wichtig seien die Gewerbemeister, die täglich acht Stunden mit den Straftätern arbeiten. Thomas Egger, Direktor der Berner Haftanstalt Thorberg, bestätigt, dass sich das Bedürfnis nach einer muslimischen Seelsorge in Grenzen halte.

In der Zürcher Anstalt Pöschwies, in der 133 der 426 Insassen islamischen Glaubens sind, sind dagegen drei Imame verschiedener Kulturkreise und Sprachen im Einsatz. Gefangene im Normalvollzug dürften zudem am wöchentlichen Freitagsgebet teilnehmen, sagt Rebecca de Silva, Kommunikationsbeauftragte des Amtes für Justizvollzug. Die Imame stünden in regelmässigem Austausch mit der Anstaltsleitung.

Engmaschige Begleitung der Häftlinge

Trotzdem gibt es auch in der Schweiz Fälle ehemaliger Häftlinge, die später mit ihrer Radikalität auffielen. Ein prominentes Beispiel ist Cendrim R., der drei Jahre in Lenzburg einsass, ehe er ausgeschafft wurde. Danach soll sich der Kosovare dem Jihad verschrieben und in der Türkei drei Menschen getötet haben. Medienberichten, wonach R. sich im Aargauer Gefängnis radikalisiert habe, widerspricht Direktor Ruf aber: Während seiner Haft habe er sich weder mit Gefangenen noch mit einem Imam über Glaubensfragen ausgetauscht; andere Insassen hätten ihn gemieden. Auch äusserlich habe sich der spätere Jihadist während dieser Zeit nicht verändert. Ruf weiss deshalb so genau über R.s Verhalten Bescheid, weil seine Strafanstalt – wie die meisten anderen Schweizer Gefängnisse – übersichtliche Strukturen hat: «Ich kenne alle Häftlinge persönlich. Zudem fliessen die Informationen zwischen den Insassen und den Mitarbeitern zuverlässig.»

Egger fände es zwar «vermessen zu behaupten, Radikalisierungstendenzen in jedem Fall sofort zu erkennen». Aber die engmaschige Begleitung der Häftlinge minimiere das Risiko erheblich. Die geringeren Gefängnisgrössen, die Arbeitspflicht, die festen Tagesstrukturen, die gezielte ethnische Durchmischung, das strikte Internetverbot sowie der Fokus auf die Wiedereingliederung sind gemäss den Gefängnisdirektoren denn auch die Faktoren, die eine Radikalisierung der Insassen massgeblich erschweren.

In Frankreich seien die Häftlinge demgegenüber weitgehend sich selbst überlassen – Perspektiven für die Zeit nach der Haft fehlten. Darum gibt es sogar in der Westschweiz, wo manche Gefängnisse chronisch überfüllt sind, keine spezifischen Probleme mit muslimischen Gefangenen, wie Blaise Péquignot, Generalsekretär des Strafvollzugskonkordats der lateinischen Schweiz, sagt: In den vergleichsweise kleinen Anstalten würden islamistische Zellen rasch identifiziert.

Dennoch sei es wichtig, die Augen nach radikalen Tendenzen hinter den Gefängnismauern offen zu halten, betont Ruf. Das gelte aber für fanatische Islamisten genauso wie für Rechts- oder Linksextreme und kriminelle Organisationen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.01.2015, 06:46 Uhr

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