Kommentar

Leben in der Konservenbüchse

Zehn, zwölf Millionen Einwohner? Wann ist die Schweiz besiedelt? Ein Kommentar zur Frage des Masses.

Mini Metropolen: Nie in unserer Geschichte konnte sich ein Ort mit den europäischen Metropolen messen (im Bild: Basel).

Mini Metropolen: Nie in unserer Geschichte konnte sich ein Ort mit den europäischen Metropolen messen (im Bild: Basel). Bild: Keystone

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Beim Joggen neulich im Wald – das Wetter war prächtig – kamen mir unablässig Leute entgegen. Spaziergänger mit Hund, Kinder, Familien mit Kinderwagen oder ohne, Singles, Velofahrer, andere Läufer, auch ein Auto, das vorsichtig vordrang, ein Liebespaar, schliesslich ein Pferd mit Reiterin: Es kam mir vor, als rannte ich im Central Park in New York an einem schönen Sonntagmorgen. Fühlte ich mich urban? War ich in der Zukunft angekommen?

Manche Schweizer, besonders oft, wenn sie noch nie im Ausland gelebt haben, singen derzeit Hymnen auf die Verdichtung. Wer die Aussicht einer Schweiz mit zwölf Millionen Einwohnern nicht von vornherein feiert, muss sich fragen lassen: Sind Sie verwöhnt? Warum beanspruchen Sie so viel Raum? Geht es nicht in einer kleineren Wohnung? Wozu ein Garten?

Anschwellendes Gestöhne

In einem Interview mit dem Zürcher «Tages-Anzeiger» hat sich der Basler Stadtentwickler Thomas Kessler vor kurzem Gedanken zu Fragen der Zuwanderung gemacht und zum Eindruck der zunehmenden Dichte, den manchen Einheimischen beschäftigt. Kessler kann das nicht verstehen. «Das Problem der Schweiz ist nicht die Anzahl ihrer Einwohner. Auch nicht die Zunahme der Wohnbevölkerung. Im Vergleich zur Generation unserer Urgrosseltern sind das alles sehr moderate Entwicklungen. Das allgemeine Gestöhne über die Zuwanderung, die Hektik und die raschen Veränderungen unserer Zeit sind die Wohlstandsprobleme von Verwöhnten.»

Nun habe ich durchaus Sympathie für Aussagen, wonach wir uns in einem Zeitalter der Dekadenz befinden, doch frage ich mich: Wer ist hier verwöhnt? So viel ich weiss, lebt Kessler selber nicht in einem verdichteten Wolkenkratzer, sondern in einem hübschen Reihenhaus im Basler Gellert-Quartier. Ist auch er ein Opfer der bürgerlichen Ideologie, die er im gleichen Interview diagnostiziert? Auf die Frage des Journalisten, (der in einem kleinen Dorf im ländlichen Baselbiet aufgewachsen ist), ob die Schweizer den Traum nach einem Haus im Grünen aufgegeben haben, entgegnet Kessler: «Nein, der Nachkriegstraum vom Häuschen, vom Auto und der Kleinfamilie ist in der Schweiz noch lange nicht ausgeträumt. Diese Sehnsucht, deren innerer Kern die Idealisierung des Bauernlebens ist, wurde über Generationen kultiviert und in der Gesetzgebung festgeschrieben. Das System stilisiert das Eigenheim im Grünen und die Kleinfamilie zum Ideal.»

Allein in Tusculum

An dieser Aussage sind viele Dinge bemerkenswert. Glaubt Kessler tatsächlich, das «System», was immer das heissen mag, sei imstande, den Menschen den «Traum» von einem Leben im Grünen einzureden? Cicero, einer der verschlagensten Politiker Roms, der Metropole des damaligen Erdkreises, wünschte sich nichts sehnlicher als ein Leben auf dem Land – selbst dann noch, als er nicht mehr freiwillig in seiner Villa im ländlichen Tusculum versauerte, weil seine Karriere in Rom ins Stocken geraten war.

Wer die Lustschlösser des Adels im Ancien Régime oder die Landsitze wohlhabender Tycoons in Amerika bewundert, dem kann nicht entgehen, wie alt und universal dieser angebliche Traum ist, zu dem uns laut Kessler ein «System» und die bürgerlichen Parteien mit allerlei Vergünstigungen verführt haben sollen. Wer reich war, leistete sich ein Haus in der Stadt und eine Villa auf dem Land – das ist heute so, das war immer so.

Sehnsucht nach der Pyramide

Warum Menschen dies tun, ist eine interessante Frage. Vielleicht ist es trivial: Man schätzt die Ruhe, die Natur und allenfalls eine weite Aussicht. Ist es so schwer zu erklären, warum ein Haus am See schon immer als begehrenswert galt – und warum die Reichen auf der ganzen Welt zu allen Zeiten an die höheren Wohnlagen strebten? Oben und unten ist uralt, soziale Hierarchien stellen sich für alle sichtbar auch in der Topographie des Wohnens dar, seit Urzeiten. Es ist die Sehnsucht nach der Pyramide. Hätte sich ein Pharao je in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im Stadtzentrum begraben lassen?

Was sich seit dem Zweiten Weltkrieg aber geändert hat, ist nicht der Umstand, dass der Traum vom Eigenheim sich plötzlich auch in den Köpfen der Kleinbürger und Arbeiter festgesetzt hätte, nein, zum ersten Mal in der Weltgeschichte konnten sich jetzt auch einfache Leute ein Leben auf dem Land leisten, ohne dass sie deshalb zu Bauern werden mussten. Es war das Wirtschaftswunder – und die Demokratisierung des Besitzes infolge des wachsenden Wohlstands, der es auch dem Büezer erlaubte, ein eigenes Häuschen zu erwerben, gerne auch mit einem Garten, den er oder seine Frau mit der Hingabe eines königlichen Gärtners im Park von Versailles pflegten.

Was ist daran auszusetzen, was ist daran falsch – gerade aus einer linken Sicht, wie sie Thomas Kessler, dem ehemaligen grünen Kantonsrat vertraut sein müsste?

Ermahnungen aus dem Grünen

Auch Simonetta Sommaruga, die Bundesrätin, die im verschlafenen Freiamt im Aargau aufgewachsen ist, möchte die Schweiz neuerdings verdichten. «Unsere Städte dürfen durchaus noch urbaner werden», sagte sie im Tages-Anzeiger: «Der Begriff Verdichtung hat in der Schweiz einen schlechten Ruf. Es herrscht noch immer die falsche Vorstellung, Verdichtung heisse beengtes Wohnen, wo man sich auf den Füssen herumsteht. Zu Unrecht. Komfortables Wohnen mit Privatsphäre und hoher Lebensqualität gibt es nicht bloss in Streusiedlungen und Häusern mit grossem Umschwung.» Sommaruga selber lebt aber in einem Haus mit Umschwung am Hang des Gurtens, dem Ausflugberg des verdichteten Bern.

Es hat etwas Hilfloses: Weil manche Linke, wie etwa die Sozialdemokratin Sommaruga, spüren, wie nervös die Menschen ob des grassierenden Bevölkerungswachstums in diesem engen Land geworden sind – weil sie das merken, suchen sie verzweifelt nach Alternativen zur naheliegenden Antwort darauf, die darin bestünde, die Zuwanderung irgendwie zu regulieren – wie es die Schweiz in ihrer Geschichte fast immer getan hat. Man hofft stattdessen unter anderem auf die Verdichtung in unseren Agglomerationen – und ignoriert, was doch jeder Schweizer weiss, der sich hin und wieder im Ausland aufhält: Wir sind ein kleines Land, das die kleinen Massstäbe schätzt. Wir verzwergen gerne freiwillig. Wenn wir können, dann verkleinern wir alles: unsere Maschinen, unsere Uhren, gar unsere Wörter. Ein Hüüsli, ein Gärtli, ein Schätzli. Leben im Diminutiv.

Falsches Bewusstsein

Vielleicht kennen wir deshalb keine richtigen Grossstädte. Nie in unserer Geschichte konnte sich ein Ort mit den europäischen Metropolen messen. Ende des 18. Jahrhunderts war Genf die grösste Stadt in der heutigen Schweiz: sie kam auf 30'000 Einwohner – während die zweite, Basel, 15'000 aufwies, wogegen Paris damals, kurz vor der Revolution, bereits gegen eine halbe Million Bürger zählte. Dass sich Zürich, unsere derzeit bevölkerungsreichste Stadt, bis vor kurzem Downtown Switzerland nannte, in der Hoffnung, irgendein Amerikaner hielte die kleine Stadt an der kleinen Limmat für Manhattan: Es hat etwas Rührendes, es hat etwas Peinliches. Man geniert sich, es auch nur auszusprechen.

Wie verbreitet der Wunsch nach einem Eigenheim noch immer ist, offenbarte kürzlich das Jugendbarometer der Credit Suisse: Mehr als 80 Prozent der jungen Befragten wünschen sich ein eigenes Haus. 71 Prozent möchten eine Familie mit Kindern. So viele Opfer der bürgerlichen Ideologie? «Es handelt sich um eine angepasste, ja sogar langweilige Jugend», kommentierte der linke Soziologie-Professor Kurt Imhof die Ergebnisse der Umfrage schlecht gelaunt – auch beim ihm handelt es sich offenbar um einen jener Wissenschaftler, die es vorziehen, wenn sich die Wirklichkeit der Theorie anpasst und nicht umgekehrt.

Der neue, folgenreiche Begriff

Wenn Thomas Kessler meint, seine Urgrosseltern hätten viel grössere Ausmasse der Zuwanderung gemeistert, während wir es bloss mit «moderaten Entwicklungen» zu tun hätten, dann irrt er sich. Ich weiss nicht, wo seine Urgrosseltern gelebt haben, aber ich gehe davon aus, dass sie etwa um 1870 geboren wurden und Kessler wohl die Jahrzehnte von 1890 bis 1910 im Auge hat. Tatsächlich zogen in jener Epoche sehr viele Ausländer in unser Land, was den Zeitgenossen umso ungewöhnlicher erscheinen musste, als noch kurz zuvor viel mehr Leute aus der Schweiz aus- als eingewandert waren.

1888 ermittelte die eidgenössische Volkszählung eine Zahl von rund 240'000 Ausländern in unserem Land, was im Vergleich zur Gesamtbevölkerung einer Quote von acht Prozent entsprach. Bis 1910 nahmen die Ausländer auf 550'000 zu und ihr Anteil war auf etwa 15 Prozent gestiegen. Unter den Einheimischen löste dies bereits Unruhe aus – und es regte sich politischer Widerstand. Ohne sich dessen wohl bewusst zu sein, prägte zu jener Zeit ein Sozialinspektor in Zürich einen neuen, folgenreichen Begriff, indem er vor der «Überfremdung» warnte. Wäre 1914 nicht der Erste Weltkrieg ausgebrochen, wodurch die Zahl der Einwanderer rasch sank: Wir hätten vermutlich schon in den zwanziger Jahren über die ersten «Überfremdungs-Initiativen» abgestimmt. Heute leben gegen zwei Millionen Ausländer in der Schweiz und ihr Anteil beträgt rund 24 Prozent, – das ist sehr viel mehr, als Thomas Kesslers Urgrosseltern je erfahren haben.

Ein untaugliches Mittel

Wir brauchen Einwanderer – und wir verdanken ihnen einen bedeutenden Teil unseres Wohlstandes. Doch alles ist eine Frage des Masses. Die Ecopop-Initiative, über die wir bald abstimmen, ist ein untaugliches Mittel, die Einwanderung zu steuern, weil sie viel zu unflexibel und planwirtschaftlich ist – ganz abgesehen davon, dass sie in der Praxis nie die Ziele erreicht, die den Initianten vorschweben. Eine unveränderliche Zuwachsrate der Immigration festzulegen ist falsch. Diese Initiative ist mit Überzeugung abzulehnen.

Wenn der Bundesrat aber glaubt, er könnte die Schweizer dazu bewegen, in Wolkenkratzern und verdichteten Städten zu wohnen – und wenn er diesen paternalistischen Wunsch noch oft genug wiederholt, dürfte er das Gegenteil dessen erreichen, was er anstrebt. Unter dem Eindruck, man werde nicht ernst genommen, werden die Schweizer dann jede Art der Zuwanderung unterbinden wollen. Und aus Trotz dürften sie jeder Initiative zustimmen, die solches verspricht – sie mag noch so überrissen oder weltfremd sein. (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.11.2014, 07:24 Uhr

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Markus Somm, Chefredaktor der Basler Zeitung.

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