Schweiz
Lehrer beklagen sich über unbezahlte Überzeit
Von Samuel Reber. Aktualisiert am 08.12.2009 68 Kommentare
50-Stunden-Woche: Lehrer. (Bild: Keystone)
Umfrage
Müssen Lehrer zu viel arbeiten?
Ja
Nein
1007 Stimmen
Artikel zum Thema
Lehrerinnen und Lehrer leisten laut einer Erhebung des Lehrer-Dachverbands mehr als drei Wochen unbezahlte Überstunden pro Jahr. Dies entspricht laut dem Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) einem Gegenwert von 900 Millionen Franken jährlich. Er forderte deshalb am Dienstag eine Senkung der Pflichtlektionen-Zahl von heute 28 bis 33 auf 20 bis 24.
Effektiv arbeitsfrei und damit Ferien im eigentlichen Sinne hätten die Lehrpersonen durchschnittlich nur während 5,4 Wochen. In Unterrichtswochen betrage die Arbeitszeit 49 bis 50 Stunden. An der jüngsten LCH-Arbeitszeiterhebung hätten im vergangenen Schuljahr mehr als 5000 Lehrpersonen aller Stufen und aller Kantone der Deutschschweiz teilgenommen.
Die Gründe für die Mehrbelastung sind laut LCH: Zusätzliche Gemeinschaftsarbeit im Schulteam. Verursacht durch verschiedene Reformen wie den Frühfremdsprachenunterricht oder die Integration von Lernbehinderten, aber auch durch die Heterogenität der Klassen.
Dies bestätigt Martin Wendelspiess vom Volksschulamt des Kantons Zürich: «Wir hören immer wieder, dass Lehrpersonen sich nicht primär über den Aufwand für den Unterricht beklagen, sondern leiden unter den vielen Sitzungen, Konferenzen, Absprachen, Elternkontakten, obligatorischer Weiterbildung oder administrativen Arbeiten.» Er sagt zudem: «Vor ein paar Jahren wurde im Kanton Zürich eine Untersuchung zur Arbeitszeit von Lehrerinnen und Lehrern durchgeführt, die in erster Linie auf Selbstdeklaration beruhte. Dabei wurde festgestellt, dass viele Lehrerinnen und Lehrer mehr als ihre Sollzeit arbeiten, die Unterschiede aber gewaltig sind. Es gibt Lehrerinnen und Lehrer, die weniger arbeiten, als sie müssten.»
Andrea Aebi von der Elternkonferenz Zürich, die das Schulwesen und die Arbeit der Lehrer genau beobachtet und kommentiert, nimmt auf baz.ch/Newsnet zur Klage der Lehrer Stellung.
Frau Aebi, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie diese Forderung hören?
Einige Lehrer sind in der Tat ein bisschen viel am Jammern. Und wirklich: Es gibt vereinzelt Lehrer, die sich zurücklehnen und einen Grossteil ihrer 13 Wochen Ferien geniessen. Doch das ist eine Minderheit. Es ist bei den Lehrern wie bei jeder Berufsgruppe: Es gibt sehr engagierte und talentierte Vertreter und es gibt Superflaschen. Und dann noch das Gros dazwischen. Die Mehrheit der Lehrpersonen ist aber stark engagiert, das möchte ich betonen.
Müssen Lehrer unbezahlte Überstunden leisten?
In der Schule gibt es heute aufgrund der Reformen und aufgrund der Einführung von Schulleitungen viele Sitzungen. Das kann zu Überstunden führen, wenn es nicht gut organisiert wird. Der Anfangsaufwand ist gross. Das wird aber besser, sobald sich die neuen Aufgaben wie zum Beispiel die pädagogischen Teams eingespielt haben. Ganz klar ist: Die Schulleitungen sind sehr stark belastet und leisten oft viele Überstunden, vor allem auch in der Einführungsphase. Hier fordern wir von der Elternkonferenz und dem städtischen Elternkontaktgremium, dass diese Lehrpersonen administrativ entlastet werden.
Kann man den Aufwand eines Lehrers überhaupt kontrollieren?
Es ist stimmt schon: Die Arbeitsleistung eines Lehrers, etwa seine Vorbereitungszeit während den Ferien, ist schwieriger zu kontrollieren als etwa bei einem Büroangestellten. Zudem haben die meisten Lehrer noch nie eine Zeiterfassung von nahem gesehen. Aber mit dem neuen Berufsauftrag für die Lehrpersonen im Kanton Zürich zum Beispiel wird das kommen. Damit haben auch alle Lehrpersonen mit Überstunden endlich die Möglichkeit, diese klar zu belegen. Das wird sich einspielen.
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 08.12.2009, 12:46 Uhr
Kommentar schreiben
68 Kommentare
Heterogene Klassen, Aufarbeitung von Erziehungsdefiziten, multikulturelle Beziehungsarbeit mit bildungsfernen Eltern. Wer den links-grünen Immigrations-Turbos die Stimme gegeben hat, sollte sich nun nicht zu laut beklagen. Ein erheblicher Teil der Zusatzbelastung rührt von völlig unterschätztem Integrations-Aufwand her, vor welchem man zu lange die Augen verschlossen hat. Antworten
Komisch: In unserem Dorf sind 3 von 7 Gemeinderäten Lehrer. Man sagt, sie hätten viel Zeit und wüssten nicht recht, was damit anzufangen. In der Politik ist sie jedenfalls gut investiert - zu Gunsten der Demokratie und von uns allen. Eine Umschau zeigt, dass sehr viele Lehrer in der Politik tätig sind. So etwas kann sich ein normaler Arbeiter zeitlich nicht leisten. Antworten
Schweiz
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




