Schweiz
Lehrmeister: «Igor L. hatte viel Ehrgefühl»
Von Katharina Merkle. Aktualisiert am 26.08.2010 35 Kommentare
Artikel zum Thema
Ab 2003 machte Igor L.* eine dreijährige Lehre als Gipser in einem Gipser- und Malerunternehmen im Seeland. Im ersten Lehrjahr war Martin Grossenbacher der Ausbildungsverantwortliche des damals 15-jährigen Schüpfeners. «Ich war schockiert, als ich in den letzten Tagen die Berichte über Igor las», sagt der 43-jährige Grossenbacher. Daher hat er sich am Mittwoch in einem Mail an die Berner Zeitung gewandt. Seine Kernaussage: «Igor hat damals genau das Gegenteil von heute ausgestrahlt.» Grossenbacher stört sich daran, dass jetzt nur die negativen Seiten des heute 22-Jährigen im Vordergrund stehen. «Das Bild, das von ihm vermittelt wird, ist für mich zu wenig differenziert.»
«Leute mit Problemen»
Vom Können her war der Lehrling Igor L. eine «Ausnahmeerscheinung», sagt Grossenbacher: überdurchschnittlich interessiert und mit einer grossen handwerklichen Begabung. «ImTeam wie auch in der Einzelverantwortung trat er im ersten Lehrjahr überaus positiv in Erscheinung und gab nie Anlass zu Kritik», lobt er weiter. Und: «Er hatte viel Ehrgefühl.» Die Familie und die Geschwister von Igor L. hat Grossenbacher als unauffällig empfunden.
Der Lehrbetrieb gehört Martin Grossenbachers Bruder. Er selber stieg 2004 aus dem Geschäft aus. Er ist heute Geschäftsführer der Firma Agi AG für Isolierungen und steht nicht mehr in engem Kontakt mit Igor L. «Ich habe ihn manchmal am Kiosk oder am Bahnhof angetroffen. Wir haben einander gegrüsst.»
Grossenbacher weiss nur, dass sich der Jugendliche plötzlich stark verändert haben muss. «Details dazu und zur späteren Kündigung entziehen sich aber meinen Kenntnissen», sagt er. Die Gründe für die Wesensveränderung in den letzten Jahren kenne er nicht. Grossenbacher sagt aber: «Igor hatte Kontakt zu Leuten, die Probleme hatten. Diese Nähe hat ihm geschadet. In der Jugend braucht es wenig, damit es kippt.» Igor L. habe eine kräftige Statur und «enorm viel körperliche Energie».
Natelnummer hinterlassen
Igor L. ist für seinen ehemaligen Ausbildner nicht verloren. Der Vorbestrafte brauche jetzt «Zivilcourage, nicht Gesetze». Grossenbacher ist überzeugt: Auf steigenden Druck reagiert Igor L. mit steigendem Trotz. «Er reflektiert sein Verhalten zu wenig und gefällt sich in seinem Kollegenkreis in der Rolle des Outlaw.»
Statt Repression brauche der 22-Jährige «menschliche Wärme». Martin Grossenbacher, selber Vater von drei Töchtern, bietet ihm daher das Gespräch an. Er hat Igor L.s Eltern angerufen und die Handynummer hinterlassen. «Bis jetzt hat er sich noch nicht bei mir gemeldet», sagte Grossenbacher am Mittwoch.
Selbst ein Opfer?
Der ehemalige Ausbildner sieht Igor L. nicht nur als Täter, sondern auch als Opfer der Gesellschaft. «Nirgends liest man eine Silbe über den Menschen, der vielleicht in ihm sehnsüchtig auf gesellschaftliche und persönliche Anerkennung wartet.» Das klingt schwammig – hat Grossenbacher denn ein Rezept, wie es mit Igor L. wieder aufwärtsgehen könnte? «Die Familie von Igor ist in einer ausserordentlich schwierigen Situation. Es wäre schön, wenn die Einwohner und Nachbarn sie moralisch unterstützen würden.»
Aber Grossenbacher will nicht falsch verstanden werden. «Die Opfer der verbalen und körperlichen Gewaltausbrüche von Igor haben mein ganzes Mitgefühl und Verständnis.»
Er würde sich freuen, wenn sich Igor L. beim Löwen-Wirt entschuldigen würde, sagt Martin Grossenbacher. (Berner Zeitung)
Erstellt: 26.08.2010, 13:56 Uhr
Kommentar schreiben
35 Kommentare
Eine Tat ist nun einmal eine Tatsache.Da nützt auch eine Entschuldigung nicht viel,wenn sie von einer Aussenperson noch vorgeschlagen werden muss.Jeder Täter gehört verurteilt und im Gefängnis hat er dann Zeit,sich seine Zukunft zu überdenken.Der Löwenwirt könnte tot oder behindert sein.Was dann?Einfach so zu reden,Herr Grossenbacher,würde ganz anderst tönen,wenn es Ihre Familie betreffen würde. Antworten
Schweiz
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




