Leibstadt bleibt länger vom Netz als geplant

Das Atomkraftwerk wollte morgen seinen Betrieb wiederaufnehmen. Die Atomaufsicht des Bundes hat die Freigabe aber nicht erteilt.

Die Wiederinbetriebnahme des Leibstadt-Reaktors verzögert sich – für wie lange, ist offen.

Die Wiederinbetriebnahme des Leibstadt-Reaktors verzögert sich – für wie lange, ist offen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Leibstadt-Betreiber haben damit gerechnet, den Reaktor morgen Mittwoch wieder hochfahren zu können. Entsprechend haben sie ihn an der führenden europäischen Energiebörse EEX in Leipzig für den 15. Februar angemeldet. Doch diesen Termin haben sie heute Morgen auf den kommenden Freitag verschoben, wie Karin Giacomuzzi, Sprecherin des KKW Leibstadt, auf Anfrage sagt. Die Atomaufsicht des Bundes (Ensi) habe den Betreibern die Freigabe zum Wiederhochfahren des Meilers noch nicht erteilt.

Zu den Gründen sagt Giacomuzzi nichts. Sie verweist auf das Ensi, das für die Freigabe zuständig ist. Und sie hält fest, der Termin vom 15. Februar sei im Dezember basierend auf der eigenen Betriebsplanung festgelegt worden; dass er sich nun verschiebe, sei bei einer solchen Planung «nicht unüblich».

Beschädigte Brennstäbe

Die Leibstadt-Betreiber stellten 2014 Schäden an Brennstäben fest. Die Ursachenanalyse ergab, dass es sich um ein sogenanntes Dryout handelt. In diesem Fall sind die Brennstäbe laut dem Ensi nicht mehr vollständig mit einem Wasserfilm bedeckt, weil das Wasser bereits in Dampf übergegangen ist. Solche Stellen heizen sich dann stark auf. Dabei verstärkt sich die Oxidation. Das stellten die Leibstadt-Betreiber 2015 fest und reagierten mit entsprechenden Massnahmen darauf.

Im vergangenen Jahr wurden im Rahmen der Brennstoffinspektionen gemäss Angaben der Betreiber erneut an mehreren Hüllrohren der Brennelemente lokale Verfärbungen entdeckt, die auf eine Oxidation hinweisen. In einer Medienmitteilung der Betreiber Mitte August 2016 heisst es:« Die Untersuchungen haben nun gezeigt, dass die Oxidschicht bereits so weit fortgeschritten ist, dass die betroffenen Brennelemente nicht wieder für den nächsten Betriebszyklus verwendet werden können.» Aus einer mehrwöchigen Verzögerung der Hauptjahresrevision sind so Monate geworden – teure Monate. Die Betriebsausfallkosten belaufen sich auf rund 1 Million Franken – pro Tag. Bis jetzt also auf etwa 180 Millionen Franken.

«Wenn das Ensi eine Freigabe – allenfalls mit Auflagen – erteilt, wird es die Öffentlichkeit wie üblich aktiv auf seiner Website darüber informieren.»Atomaufsicht des Bundes, Ensi

Atomkritische Kreise reagieren auf die Verzögerung mit gemischten Gefühlen. Kaspar Schuler, Geschäftsleiter der Allianz Atomausstieg, sieht zwei mögliche Erklärungen für die Verzögerung. So könnte das Ensi mit seiner Prüfung administrativ noch nicht ganz so weit wie geplant sein, um die Freigabe zu erteilen, wird dies aber demnächst tun können; darauf könnte die nur um zwei Tage hinausgeschobene Anmeldung an der Strombörse EEX hindeuten.

Der zweite Erklärungsansatz: Die Leibstadt-Betreiber müssen auf Geheiss des Ensi die Ursache für die Korrosionsschäden an den Brennelementen fundierter als bis anhin abklären. «Eine gute Nachricht ist die Verzögerung nur, wenn Letzteres zutrifft und darüber auch transparent informiert wird», sagt Schuler.

Ensi schweigt zu Brief von Ausstiegsallianz

Doch das Ensi gibt sich ebenso zugeknöpft wie die Leibstadt-Betreiber. Auf Anfrage schreibt die Atomaufsicht des Bundes nur, die Detailprüfung der eingereichten Unterlagen laufe noch. Und weiter: «Wenn das Ensi eine Freigabe – allenfalls mit Auflagen – erteilt, wird es die Öffentlichkeit wie üblich aktiv auf seiner Website darüber informieren.»

Keine Stellung nimmt das Ensi zum Brief, den die SP und die Grünen zusammen mit mehreren Umweltverbänden am letzten Freitag dem Ensi-Rat geschickt haben. Das ist jenes sechsköpfige Gremium, das unter anderem die Geschäftsführung und die Aufsichtstätigkeit des Ensi zu überwachen hat. Der Ensi-Rat werde den Autoren des Schreibens «direkt und nicht über die Medien antworten», so das Ensi.

Im Schreiben, das auch an Energieministerin Doris Leuthard (CVP) ging, äussert die atomkritische Allianz ihre Besorgnis: «Bestimmt würde es Bürgerinnen und Bürger befremden, wenn ohne gründliche Abklärung der Korrosionsursache(n) der Reaktor wieder hochgefahren würde.» Um das Vertrauen der Bevölkerung zu bewahren respektive wiederzugewinnen, erscheine es unerlässlich, dass vor der Wiederinbetriebnahme die wissenschaftliche Untersuchung der Ursachen abgeschlossen sei und publiziert werde.

Wo steht die Untersuchung?

Das Ensi stuft die Vorkommnisse im KKW Leibstadt der Stufe 1 der internationalen Ereignisskala zu. Gemäss Definition ist das eine Störung, die allenfalls zu einem höherstufigen Folgeereignis führen kann. Auf der Website heisst es, das Vorkommnis habe zu einer geringfügigen Reduktion der nuklearen Sicherheit geführt. Auf dem Internet findet man zwar eine grobe Einschätzung der Situation, datierend vom 19. Dezember 2016.

Wo die Experten in ihren Abklärungen heute stehen, ist jedoch nicht ersichtlich. Das verunsichert Umweltorganisationen und linke Parteien. Sie fordern deshalb einmal mehr unabhängige Überprüfungen, um Lecks an den Brennelementen zu vermeiden. Neu eingesetzte Brennelemente, so verlangen sie, sollen vor dem Einsatz im Reaktor von unabhängiger Stelle überprüft werden. Das Ensi weist auf Anfrage nur darauf hin, dass «Kernkraftwerke in der Schweiz nur betrieben werden dürfen, wenn sie die Anforderungen des Gesetzgebers erfüllen». Das Ensi halte sich an die Vorgaben des Gesetzgebers. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2017, 14:04 Uhr

Artikel zum Thema

AKW Leibstadt muss bis Februar 2017 vom Netz

Bei Untersuchungen sind auf mehreren Brennstäben Oxidablagerungen entdeckt worden. Somit muss die Jahreshauptrevision verlängert werden. Mehr...

Blog

Blogs

Sweet Home Italianità im Zürcher Hochhaus

History Reloaded Der sehr wacklige Wetterprophet

Die Welt in Bildern

Der alte Zopf erlebt derzeit eine Renaissance: Besucherinnen des Coachella Valley Music & Art Festivals 2017 im Empire Polo Club in Indio, Kalifornien. Das Festival findet jährlich statt und dauert über zwei Wochenenden. Es zählt weltweit zu den grössten Festivals. (22. April 2017)
(Bild: Rich Fury / Getty) Mehr...