Schweiz
«Letzten Mittwoch ist er selbst durch eine neue Tür gegangen»
Von Chantal Hebeisen, Jan Derrer, Olivia Müller. Aktualisiert am 23.06.2012 4 Kommentare
«Bei ihm gehörte der Mensch ins Zentrum»: Bundesrat Johann Schneider-Ammann. (Video: Jan Derrer)
Beeindruckt von Otto Ineichen: «Er war ein sehr herzhafter Mensch». (Video: Jan Derrer)
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In Sursee hat heute die Abdankungsfeier für den verstorbenen Unternehmer und Nationalrat Otto Ineichen stattgefunden. Weit über 1000 Trauergäste erwiesen Ineichen die letzte Ehre, unter ihnen die Bundesräte Johann Schneider-Ammann, Didier Burkhalter sowie der FDP-Parteipräsident Philipp Müller. Die Besucher sassen dichtgedrängt auf den Bänken, einige mussten hinten in der Kirche sogar stehen.
«Wir nehmen Abschied von Otto Ineichen, der in unserer Mitte so gut gewirkt hat», eröffnete Pfarrer Thomas Ruckstuhl, ein langjähriger Freund der Familie Ineichen, die Trauerfeier. «Er ist so gestorben, wie er gelebt hat – mitten auf dem Weg», sagte Ruckstuhl, «vielen Menschen hat er im Leben eine Tür geöffnet. Letzten Mittwoch ist er selbst durch eine neue Tür gegangen.»
Das Handy mit ins Grab?
«Lieber Otto, Lieber Papi, wir wünschen dir auf deiner letzten Reise alles Gute. Wir vermissen dich», sagte Mark Ineichen, ältester Sohn und CEO von Otto's Warenposten. «Es wurde in den letzten Tage viel über dich geschrieben, darum wollen wir uns als Familie an dich wenden: Wir glauben, dass du uns von da, wo du jetzt bist, mit einem Lächeln zusiehst», sagte Mark Ineichen weiter. «Dein plötzlicher Tod hat uns alle aus dem Alltag gerissen, doch wir sind dankbar, dass du so gehen konntest, wie du es dir immer gewünscht hast – ohne eine lange Krankheit erdulden zu müssen», sagte der Unternehmer gefasst.
Dass Nationalrat Otto Ineichen bis kurz vor seinem Tod (zwei Tage vor seinem 71. Geburtstag am 8. Juni) ein gefragter Mann war, davon erzähle sein silbernes Handy: «Dein Handy, dessen Nummer jedermann bekannt war, hat dich auch auf deinem letzten Weg letzten Mittwoch begleitet. Du hast es geschafft, die silberne Farbe abzutelefonieren», typisierte Mark Ineichen seinen Vater. «Wir haben erst überlegt, dir das Handy mit ins Grab zu geben; doch wir haben entschieden, es zu behalten. Als symbolische Verbindung zu dir.»
«Fröhlicher Mitbürger»
Der Stadtpräsident von Sursee, Ruedi Amrein, richtete das Wort an die Trauergemeinde: «Wir sind stolz, eine so innovative und visionäre Persönlichkeit als unseren Mitbürger gewusst zu haben». Otto Ineichen sei stets ein fröhlicher und hilfsbereiter Bewohner der Stadt gewesen.
Als nächstes ergriff der seit April als Parteipräsident amtierende Philipp Müller das Wort: Er spreche für die FDP und für das Parlament, wenn er sage, dass Otto niemanden unberührt gelassen habe. Otto habe selbst hinter dem hartgesottensten Politiker stets den Menschen gesehen. Mit seiner Art, in seinen Anliegen hartnäckig an der Sache zu bleiben, habe er manchmal auch unglaublich nervig sein und Politierkollegen regelrecht in Rage versetzen können. Aber man habe ihm nie böse sein können. Er habe als einer von wenigen die Grösse gehabt, zu sagen «Ich habe einen Fehler gemacht», sagt sein Parteikollege über ihn. Für diese Art habe man ihn weit über die Fraktions- und Parteigrenzen hinaus geschätzt. «Otto hat gezeigt, dass Politik auch Spass machen kann – ein Tag ohne Otto ist ein langweiliger Tag», so der Parteipräsident der Liberalen.
Ebenso persönlich fiel die Rede von Bundesrat Johann Schneider-Ammann aus: «Ich konnte die Nachricht von seinem Tod erst gar nicht glauben. Ich hatte ihn doch erst noch am Vortag gesehen», zeigte sich der Bundesrat bestürzt. Otto Ineichen habe stets allen Widerwärtigkeiten getrotzt, Kritik mit Fassung getragen, auch wenn diese ihn geschmerzt hätte. «Otto hat mich gelehrt, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg – und wo Otto ist, gibt es gleich mehrere davon», sagte Schneider-Ammann weiter. Schneider-Amman hob einmal mehr hervor, wie Otto Ineichen gewirkt hat: Er habe nie das Rampenlicht gesucht, um sich darin zu sonnen, sondern er habe die Aufmerksamkeit stets auf seine zahlreichen Engagements für die Schweizer Jugend gelenkt.
Live-Übertragung für Bevölkerung
Aufgrund des regen Interesses haben die Behörden zwei Live-Übertragung organisiert. Im Stadttheater vis-à-vis der Kirche standen rund 450 Plätze bereit, die fast bis auf den letzten Platz besetzt waren. Dort nahmen auch einige Mitarbeiter von ihrem ehemaligen Chef Abschied. Nachdem der Regen nachgelassen hatte, der just zu Beginn des Gottesdienstes eingesetzt hatte, verfolgten viele Menschen die Live-Übertragung auch auf dem Rathausplatz vor der Kirche .
Die Mitarbeiter zeigten sich sehr betroffen vom plötzlichen Hinschied des ehemaligen Unternehmers. «An Herr Ineichen werde ich seine Spontanität vermissen. Ich habe ihn ab und zu getroffen – er konnte gut auf uns Junge eingehen», sagt ein Aussendienstmitarbeiter.
«Otto war Sursees Leuchtturm»
Zwischen den Abschiedsreden seiner Familie und seinen Parteifreunden musizierten abwechselnd ein Kammerorchester, ein Jodelchor sowie ein Organist. Zum Schluss der Trauerfeier, die mit Applaus endete, spielte das Kammerorchester den Klassiker «My Way». Einige Trauergäste verlissen die Kirche anschliessend unter Tränen, so auch der Nationalrat Christian Wasserfallen.
Stadtpräsident Ruedi Amrein sagte anschliessend, die Trauerfeier habe sehr gut zu Otto Ineichen gepasst. Es sei eine Fülle an Beiträgen gewesen, «aber es war genau richtig, um Otto's Leben und Schaffen zu würdigen», beschreibt der CVP-Politiker seine Eindrücke. «Er war ein Leuchtturm für Sursee, der nun fehlen wird. Aber wir werden versuchen, die Arbeit in seinem Sinn fortzusetzen», sagt Amrein.
LAPs nebenan
Gegenüber der Kirche, in der Stadthalle von Sursee, fanden zeitgleich die Lehrabschlussprüfungen 2012 statt. Für Otto Ineichen, der sich zeitlebens mittels seiner Stiftung Speranza für die Förderung von Jugendlichen engagiert hat, ein wunderschöner Zufall.
Vergangenen Mittwoch brach Otto Ineichen auf offener Strasse in seinem Heimatort Sursee (LU) zusammen. Völlig unerwartet und unverhofft schied der charismatische FDP-Politiker und Gründer von Otto's Warenposten aus dem Leben. Todesursache: Herzversagen. Er hinterlässt eine Frau und vier Söhne. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 11.06.2012, 10:10 Uhr
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