«Mancher denkt: Die Schweizer sind die besseren Schwaben»

Interview: Vincenzo Capodici. Aktualisiert am 23.07.2010 200 Kommentare

Was ist dran am angeblichen Wunsch vieler Baden-Württemberger, der Schweiz beizutreten? Und wie sehen diese ihr Verhältnis zu den Schweizern? Zwei Journalisten aus Baden-Württemberg geben Antworten.

Reizvolles Gedankenspiel: Baden-Württemberg als Teil der Schweiz.

Reizvolles Gedankenspiel: Baden-Württemberg als Teil der Schweiz.

Arnold Rieger, Stuttgarter Nachrichten, Redakteur im Ressort Landesnachrichten.

Wilhelm Hölkemeier, Südwest Presse, Ressortleiter Politik.

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Ach wie schön wäre es, Schweizer zu sein

Ach wie schön wäre es, Schweizer zu sein
Eine Mehrheit der Stimmberechtigten in den grenznahen Regionen Deutschlands, Frankreichs, Italiens und Österreichs möchte der Schweiz beitreten. Das zeigt eine repräsentative Umfrage.

Gemäss einer repräsentativen «Weltwoche»-Umfrage sympathisiert rund die Hälfte der Stimmberechtigten von Baden-Württemberg mit einem Beitritt zur Schweiz. Wie ist dieses Ergebnis zu interpretieren?
Arnold Rieger: Ich habe grosse Zweifel, ob diese Umfrage repräsentativ ist. Sie deckt sich überhaupt nicht mit meiner Erfahrung, denn ich kenne niemanden in Baden-Württemberg, der lieber zur Schweiz gehören würde.
Wilhem Hölkemeier: Mit einer latenten Unzufriedenheit über die Berliner Bundesregierung und die oft abgehoben erscheinende EU-Politik.

Was halten Sie von dieser Idee?
Rieger: Persönlich halte ich überhaupt nichts von dieser Idee, weil sie von vorgestern ist. Sie betont viel zu sehr den Unterschied der Nationalstaaten. Wenn ich will, kann ich morgen nach Strassburg ziehen, dort ein Haus kaufen, arbeiten, meine Kinder aber in Deutschland zur Schule schicken. Das interessiert in der EU niemanden mehr. Das wird irgendwann auch mit der Schweiz möglich sein, und das ist die Zukunft.
Hölkemeier: Gar nichts. Reine Sandkastenspielerei.

Haben die Baden-Württemberger nicht langsam genug davon, Zahlmeister der Republik zu sein? Oder welche Vorteile hat Baden-Württemberg als Bundesland Deutschlands?
Rieger: Die Sache mit dem Länderfinanzausgleich, in den Baden-Württemberg so viel einzahlen muss, ist ein Thema der Politiker. Den normalen Bürger interessiert das wenig. Dem ist wichtig, dass er einen sicheren Arbeitsplatz hat und auch sonst gut lebt. Aber vielleicht bin ich in dieser Hinsicht zu sehr Badener. Deren Motto lautet: Leben und leben lassen.
Hölkemeier: Baden-Württemberg hat als rohstoffarmes Land nach dem Krieg sehr vom Länderfinanzausgleich profitiert. Und auch wenn heute der Saldo dieses Ausgleichs für Baden-Württemberg negativ ist, ist die florierende baden-württembergische Wirtschaft ohne Einbindung in die Bundesrepublik kaum vorstellbar, auch wenn wir uns mit Bayern als Vorreiter verstehen.

Welches wären die grössten Hindernisse für eine Fusion von Baden-Württemberg und der Schweiz?
Rieger: Ich bin kein Jurist. Aber ich glaube, das wäre verfassungsrechtlich ziemlich schwierig. Da müsste wohl auch der Bund mitreden. Aber nochmal: Ich bezweifle, dass die Baden-Württemberger das wollten.
Hölkemeier: Das Grundgesetz und die EU-Verträge.

Gemäss dem deutschen Grundgesetz ist der Austritt eines Bundeslands nicht möglich. Dennoch: Welche Chancen hätte die Idee, wenn eine Volksabstimmung möglich wäre?
Rieger: Keine, da bin ich mir zu 100 Prozent sicher. Die Baden-Württemberger mögen die Schweizer zwar sehr gern, da bin ich mir sehr sicher, aber Fusion? Bestimmt nicht.
Hölkemeier: Wenn das entsprechend populistisch vertreten und repräsentiert würde, könnte es im Südwesten knapp ausgehen. Aber das ist Kaffeesatz, weil das Grundgesetz nur mit einer Zweidrittel-Mehrheit des Bundestags geändert werden kann, nicht mit einem Referendum.

Wie beurteilen Sie das Verhältnis zwischen Baden-Württemberger und Schweizern? Gemeinsamkeiten und Unterschiede?
Rieger: Baden-Württemberger und Schweizer sind sich sehr ähnlich. Sie sind fleissig, erfindungsreich, detailverliebt, und sie haben einen gewissen Minderwertigkeitskomplex wegen ihres Dialekts gegenüber den Norddeutschen. Weil man sich so ähnlich ist, fallen die kleinen Unterschiede umso mehr auf. Ich glaube, das funktioniert ähnlich wie das Verhältnis zwischen Badenern und Württembergern.
Hölkemeier: Gemeinsamkeiten sind eine gehörige Portion Eigensinn, manchmal Sturheit; der Erfindungsreichtum, der Hang zum Tüfteln, zur Innovation. Landsmannschaftlich gesehen sind die Schweizer aber wohl noch etwas «verhockter» als die Baden-Württemberger, nicht zuletzt wegen des hohen Zuwandereranteils hier. Gesellschafts- und familienpolitisch sind die Baden-Württemberger auch etwas offener.

Was bewundern die Baden-Württemberger an den Schweizern? Und was finden sie weniger gut?
Rieger: Ich glaube, mancher denkt, die Schweizer sind die besseren Schwaben. Sie können alles, was auch die Baden-Württemberger so schätzen – nur noch besser. Weniger gut kommt vielleicht an, dass sie sich relativ stark abschotten – zum Beispiel gegenüber der EU.
Hölkemeier: Viele meiner Landsleute bewundern sicher das Beharren der Schweiz auf nationaler Eigenständigkeit und Neutralität. Und lange wurden auch die ökonomische Effizienz und Kraft bewundert, aber das hat nachgelassen. Stichworte dazu sind die Swissair und das Bankgeheimnis

Zum Schluss: Welche Redewendung bringt das Selbstverständnis der Baden-Württemberger besonders gut auf den Punkt?
Rieger: «Wer feste arbeitet, darf auch feste feiern.»
Hölkemeier: «Schaffe, schaffe, Häusle baue»: Das gilt sicher noch, steht aber nicht mehr im Vordergrund. Heute ist es vielleicht: «Hoch hinaus, um weit zu blicken». (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.07.2010, 22:09 Uhr

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200 Kommentare

Florian Meier

26.07.2010, 14:12 Uhr
Melden 4 Empfehlung

Schweizer begreift endlich: Baden-Würtenberg wird niemals zu Euch gehören! Aber Ihr könnet das 17. Bundesland Deutschlands werden. Im Gegenzug übernehmen wir Euer Steuersystem und Eure direkte Demokratie. Desweiteren treten wir aus der EU aus und führen den Deutschen Franken ein. Na, wäre das nicht eine Alternative? ;-) Antworten


Hans-Peter Krähenbühl

24.07.2010, 14:05 Uhr
Melden 2 Empfehlung

@ Werner Sommer: Eine beschämende Verschrobenheit Deutschland als Schurkenstaat zu diffamieren. Einzig erklärbar über das Rechtsempfinden von Personen, die das jahrzehntelange Zusammenklauben von Blutgeldern menschenverachtender Banditen wie Marcos, Pinochet, Bokassa, Idi Amin oder der saudischen Wahabitenclique (Liste beliebig erweiterbar) gutheissen. Antworten



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