Schweiz

Mühleberg: Erst seit gestern kennt das Ensi die Pläne der BKW

Von Simon Thönen, Bern. Aktualisiert am 01.07.2011 13 Kommentare

Die Atomaufsicht muss Arbeiten in einem AKW bewilligen – sie erhielt die Unterlagen zur dringlichen Nachrüstung in Mühleberg erst gestern.

Seit gestern Nacht nicht mehr am Netz: AKW Mühleberg.

Seit gestern Nacht nicht mehr am Netz: AKW Mühleberg.
Bild: Keystone

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Der Reaktor in Mühleberg wurde in der Nacht auf gestern heruntergefahren, wie die Betreiberin BKW bestätigt. Das Unternehmen hatte am Mittwoch überraschend angekündigt, dass sie ihr Atomkraftwerk fünf Wochen vor der ordentlichen Revision abschaltet, um Zeit für dringliche Sicherheitsnachrüstungen zu gewinnen. Ein Gutachten der ETH Zürich hatte gezeigt, dass bei einem extremen Hochwasser die Wasserversorgung des Notkühlsystems versagen könnte. «Die Arbeiten haben schon begonnen», sagt BKW-Sprecher Antonio Sommavilla.

Nichts von Abschaltung gewusst

In einer sensiblen Anlage wie einem Atomkraftwerk können bauliche Veränderungen nicht ohne das Einverständnis der Atomaufsicht vorgenommen werden. Die Rückfrage beim Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) ergibt Erstaunliches. «Wir kennen erst die Grundzüge des Nachrüstprojekts», sagt der stellvertretende Ensi-Direktor Georg Schwarz. Das Ensi sei erst am Dienstag von der BKW offiziell darüber informiert worden, dass der Reaktor fünf Wochen früher als geplant abgeschaltet werde. Schriftliche Unterlagen zur geplanten Sicherheitsnachrüstung erhielt das Ensi laut Schwarz gestern von der BKW – zusammen mit dem Nachweis zum Hochwasserschutz, den die BKW wie alle AKW-Betreiber ebenfalls gestern einreichen musste. Die Unterlagen zur Nachrüstung hat das Ensi denn auch noch nicht ausgewertet.

«Wir stehen im ständigen Kontakt mit dem Ensi», betont BKW-Sprecher Sommavilla. Insbesondere der Werksinspektor des Ensi, der das Werk wöchentlich besuche, sei über die Arbeiten informiert gewesen. Sommavilla bestätigt jedoch, dass die BKW das Ensi tatsächlich erst gestern schriftlich «über den Stand der begonnenen Arbeiten informiert hat».

«Der Zeitplan ist eng»

Das Vorgehen wirft Fragen auf. Denn das Ensi muss Umbauarbeiten bewilligen. «Es gibt ein abgestuftes Bewilligungsverfahren», sagt Georg Schwarz. Es reicht von einer Meldepflicht für einfachere Änderungen bis zu einem Freigabeverfahren mit vier Verfahrensstufen. Schwarz: «Falls relevante Komponenten betroffen sind, braucht es eine Freigabe von unserer Seite.» Hat die BKW die Arbeiten ohne Erlaubnis der Atomaufsicht begonnen? Sommavilla bestreitet dies. Die BKW sei sich durchaus bewusst, dass das Ensi einen Teil der Umbauarbeiten bewilligen müsse, sagt er. «Wir werden sie im ordentlichen Freigabeprozess eingeben und dann sehen, ob das Ensi sie akzeptiert.»

Offen ist allerdings, ob das Ensi die von der BKW geplante Nachrüstung überhaupt als sinnvoll erachtet und bewilligen wird. Trotz dieser Ungewissheit gibt sich Sommavilla zuversichtlich, dass die Arbeiten planmässig bis im September abgeschlossen und das Werk danach wieder angefahren werden könne. Dazu will sich Schwarz nicht äussern. Er fügt jedoch an: «Der Zeitplan ist eng.»

Kritiker fordern Transparenz

Unzufrieden mit der Informationspolitik der BKW sind die AKW-Gegner. «Die BKW muss im Detail offenlegen, welche Nachrüstungen sie vornehmen will», fordert Markus Kühni von der Organisation Fokus Anti-Atom. Kühni hatte bereits kurz nach Fukushima auf die Gefahr aufmerksam gemacht, dass die Wasserzufuhr bei einem Hochwasser verstopfen könnte. Unter dem Deckel der Geheimhaltung könnte die BKW «ein Flickwerk beginnen, welches insgesamt eher negative Auswirkungen auf die nukleare Sicherheit haben könnte», schreibt Fokus Anti-Atom. Völlig unklar sei etwa, kritisiert Kühni, wo die BKW im Notfall das Kühlwasser fassen wolle, falls die Wasserzufuhr für das Notstandsystem Susan verstopft wäre.

In diesem Fall kämen «mobile Hochleistungspumpen» zum Einsatz, sagt Sommavilla . «Sie können an geeigneten Orten eingesetzt werden, um Wasser für die Kühlung aus der Aare zu pumpen.» Die Antwort des BKW-Sprechers erstaunt Kühni. «Dies wäre extrem improvisiert», betont er. «Ich kann mir nicht recht vorstellen, dass die BKW dies dem Ensi wirklich als Ersatz für die Wasserzufuhr für das Notstandsystem Susan vorschlägt.»

Die BKW unter Druck

Der geforderte Nachweis der Hochwassersicherheit von Mühleberg setzte die BKW offensichtlich unter Druck und bewog sie zu raschem Handeln – allerdings, wie es scheint, ohne Absprache mit der Atomaufsicht. Das Ensi habe der BKW keinen Hinweis gegeben, sie müsse umgehend Nachrüstungen einleiten, weil sonst den Nachweis der Hochwassersicherheit gefährdet sei, sagt Schwarz: «Wir geben nie Hinweise und schreiben auch keine Lösungen vor. Dies würde unseren Entscheidungsspielraum als Aufsichtsbehörde einengen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.06.2011, 22:55 Uhr

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13 Kommentare

Walter Huber

01.07.2011, 08:09 Uhr
Melden 19 Empfehlung

Lügen, Verwirrspiel und Dilettantismus bei diesem AKW, genau wie bei Fukushima!! Es bleibt zu hoffen und wünschen, dass es für immer abgeschaltet bleibt genau wie die ältesten deutschen AKW's. Antworten


Paul Baumgartner

01.07.2011, 08:46 Uhr
Melden 19 Empfehlung

Dieses Trauerspiel um Mühleberg muss sofort beendet werden. Abstellen! Basta! Antworten



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