Schweiz
Müssen Kinder bald draussen bleiben?
Von Maurice Thiriet. Aktualisiert am 23.11.2009
Taxifahrer mögen keine Kinder. Zumindest keine von der kleinen Sorte. Diesen Eindruck erhält, wer in Zürich einen Wagen mit Kindersitz bestellen möchte. Marktführer Alpha-Taxi bietet für Kinder bis 35 Kilo überhaupt keinen Service an, Konkurrent Taxi 444 nur bei expliziter Bestellung und einem Aufschlag von 20 Franken. Direkt am Taxistand finden Familien mit Kindern überhaupt kein genügend ausgerüstetes Taxi. In Bern ist es ähnlich. Die Marktführer Bären-Taxi und Nova-Taxi bieten den Zusatzservice nur für 20 Franken extra an.
Unmut auf Kosten der Kunden
Ab 1. April 2010 weitet sich der Konflikt zwischen Taxiunternehmen und Kindern aus. Dann müssen im Auto alle Kinder bis 12 Jahre und unter 1,50 Meter Körpergrösse mit einem Kindersitz gesichert sein statt wie bis anhin nur Kinder bis sieben Jahre. Diese neue Verordnung des Bundesamts für Strassen (Astra) sorgt bei den Taxiunternehmen für Unmut, was wohl die Kunden ausbaden müssen. «Nach der neuen Verordnung müssten die Fahrer vier verschiedene Kindersitze mitführen. Babyschalen, Sitze für Kleinkinder bis 18 Kilo, solche für Kinder bis 35 Kilo und Sitzauflagen für grössere Kinder», sagt Alfred Luterbacher, Geschäftsführer von Bären-Taxi. Das sei nur schon aus Platzgründen unmöglich.
«Dabei wird sich die Zahl der Kinder, die einen Sitz brauchen, verdoppeln», sagt Luterbacher. «Die Fahrer müssen die Sitze in der Zentrale holen und wieder zurückbringen, was einen grossen Umweg bedeutet», sagt Luterbacher. Selbst der Aufschlag von 20 Franken mache das nicht wett. Deshalb überlege man sich, den Transport von Kindern, die mehr als eine Sitzauflage benötigen, ganz einzustellen.
Auch die Kunden sind sauer
Auch Jürg Huber, Geschäftsleiter von Taxi 444 in Zürich möchte eigentlich lieber keine Kindersitze mehr anbieten, wie es Konkurrent Alpha-Taxi schon macht. «Die Fahrer sind unzufrieden, weil sie in der Zeit, in der sie Kindersitze in der Zentrale holen müssen, mit anderen Fahrten mehr verdienen könnten. Und die Kunden sind sauer, wenn sie einen Zuschlag von 20 Franken zahlen müssen», sagt Huber. «Die Tendenz geht eher in die Richtung, diesen Service nicht mehr anzubieten», schreibt Huber an eine ungehaltene Mutter und erstattet ihr den Aufschlag von 20 Franken in Taxi-Bons zurück. Diesen hätte er laut der Zürcher Verordnung für Taxitarife auch gar nicht erheben dürfen, Pauschalen sind nur für das Tragen von Gepäck erlaubt. «Von Gesetzes wegen müsste also die ganze Tour vom Abholen des Kindersitzes bis zum Ziel der Fahrgäste normal abgerechnet werden, was allerdings ein Vielfaches des eigentlich illegalen Zuschlages kosten würde», sagt Huber.
Das Astra ist über den Unmut der Taxibranche und ihrer Kunden in Kenntnis. Ausnahmebewilligungen gebe es aber nicht, sagt Astra-Sprecher Thomas Rohrbach. Und dass die Taxifahrer nun mit einer Verweigerung von Kindertransporten drohe, liege nicht drin: «Wenn den Taxiunternehmen nach den kommunalen oder kantonalen Bestimmungen eine Beförderungspflicht auferlegt ist, dann müssen sie den Kindersitzservice anbieten.» Sowohl die Berner als auch die Zürcher Taxiverordnung halten die Beförderungspflicht fest. Es sei denn, der Zustand des Fahrgastes ist für den Chauffeur nicht zumutbar. Zusätzlicher Aufwand für Kindersicherung ist aber kein Ausnahmegrund.
Kantone müssten mehr zahlen
Ausnahmen kann auch Markus Kunz, Betriebsleiter der Berner Nova-Taxi keine machen. Er fährt täglich rund 50 behinderte Kinder in die Schule und zurück. «Mit der jetzigen Regelung kriege ich bis zu sechs Kinder in einen Siebenplätzer. Nun müssen mehr Kindersitze eingebaut werden. Das nimmt Platz weg. Wir brauchen für die gleiche Menge Kinder mehr Fahrzeuge und machen mehr Kilometer», sagt Kunz. Momentan rechnet er mit bis ein Drittel höheren Kosten.
Die Kosten für Schultransporte behinderter Kinder tragen die Kantone. In Bern handelt es sich um einen jährlichen Betrag von sechs Millionen Franken, der sich bedeutend erhöhen könnte. In Zürich belaufen sich die Transportkosten insgesamt auf rund sieben Millionen Franken. Davon werden 3,2 Millionen für 482 Kinder ausgegeben, die täglich mit dem Taxi zur Schule gefahren werden. Allenfalls könnten anstehende Mehrkosten nun auch bei der Zürcher Bildungsdirektion zum Thema werden, sagt Urs Meier, Abteilungsleiter Sonderpädagogisches: «Ob und wie die die Kosten steigen, hängt davon ab, wie die Taxis belegt sind. Falls es ein Problem gibt, werden wir dies an einer der nächsten Koordinationssitzungen mit den Sonderschulvertretungen thematisieren.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.11.2009, 06:30 Uhr
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