Schweiz

«Neue Atomkraftwerke sind nicht mehr möglich»

Aktualisiert am 24.04.2011 225 Kommentare

Bundesrat Schneider-Ammann hat die Seiten gewechselt. Der frühere Atomstrom-Befürworter glaubt an alternative Energien. Die Economiesuisse kündigt derweil eine teure Pro-Atomstrom-Kampagne an.

«Der Ausstieg aus der Atomenergie ist wirtschaftlich möglich»: Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann.

«Der Ausstieg aus der Atomenergie ist wirtschaftlich möglich»: Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann.
Bild: Keystone

Umfrage

Begrüssen Sie einen vollständigen AKW-Ausstieg der Schweiz?

Ja, die Schweiz soll möglichst bald aussteigen

 
52.1%

Ja, die Schweiz soll in den nächsten 30 Jahren aussteigen

 
23.4%

Nein, die Schweiz braucht die Kernenergie

 
24.4%

58980 Stimmen


Artikel zum Thema

Blog

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Volkswirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann (FDP) ist nun doch für einen Atomausstieg. «Aber es braucht Zeit, vielleicht 30 Jahre», sagt der Bundesrat in einem Interview. Die Fortschritte bei den alternativen Energien seien gross, und sie würden weitergehen, sagte Schneider-Ammann gegenüber der «SonntagsZeitung». «Es sind Technologien in Entwicklung, die auch grossindustriell genutzt werden und damit den Atomstrom ersetzen können.» Für Unternehmen und damit auch für das Land sei es eine Chance, einzusteigen.

Handeln müssen aus Schneider-Ammanns Sicht in erster Linie die Privaten. Dem Bundesrat oblägen Rahmenbedingungen wie Einspeisevergütungen oder die Bewilligungspraxis. Dass es auch noch eine Anschubfinanzierung brauche, wolle er nicht ausschliessen, aber auch nicht vorwegnehmen, sagte Schneider-Ammann.

Meinung revidiert

Bundesrat Schneider-Ammanns Partei, die FDP, überprüft ihre Position zur Energieversorgung. Ein Gremium aus Energiepolitikern und -experten der Partei sucht derzeit nach neuen Ansätzen. Es sei richtig, dass die FDP nach der Katastrophe in Fukushima klargemacht habe, dass es mittelfristig eine Neuorientierung weg vom Atomstrom und hin zu Alternativen brauche, sagte Schneider-Ammann dazu. «Neue Atomkraftwerke sind nicht mehr möglich.»

Vor knapp einem Monat hatte Schneider-Ammann trotz der Katastrophe in Japan noch an der Kernenergie festgehalten. «Ich persönlich bin noch nicht zum Schluss gekommen, dass wir besser auf die Nukleartechnik verzichten sollten», hatte er Ende März in einem Interview mit der «Südostschweiz am Sonntag» und der «Zentralschweiz am Sonntag» gesagt.

Economiesuisse-Präsident widerspricht

Gerold Bührer, der Präsident des Wirtschafts-Dachverbandes Economiesuisse, ist in einem Interview mit der «SonntagsZeitung» anderer Meinung als sein Parteikollege Schneider-Ammann. Ein Ausstieg aus der Atomenergie sei «für Jahrzehnte schlicht nicht realisierbar». «Wir müssen so lange an der Kernenergie festhalten, bis Alternativen im ausreichenden Mass vorhanden sind.»

Versorgungssicherheit und konkurrenzfähige Strompreise seien für die Schweizer Wirtschaft unabdingbar. Die Industrie habe in den letzten zehn Jahren die Energieeffizienz um fast zehn Prozent gesteigert.

Aber dies sowie ein deutlich höherer Anteil an erneuerbaren Energien reiche nicht aus, um eine möglichst autonome Stromversorgung zu gewährleisten. Gaskombikraftwerke könnten als Übergangslösung unvermeidbar werden, meint Bührer, auch wenn ihm dies aus klimapolitischen Gründen widerstrebe.

Trotz des starken Fortschritts bei den erneuerbaren Energien «sollten wir mit sicherheitstechnisch aufgerüsteten Reaktoren weiterfahren», sagte Bührer. Zu prüfen seien deshalb auch die dezentralen Generation-IV-Atomkraftwerke.

Falls Beznau I und II, Mühleberg sowie die Lieferverträge mit Frankreich wegfielen, ergäbe sich am heutigen Bedarf gemessen eine Lücke von 30 Prozent. Die Schweiz würde damit in eine gefährliche Auslandabhängigkeit geraten, diese Realitäten dürfe man nicht ausblenden.

Bundesrat lässt vorzeitigen Ausstieg prüfen

Der Bundesrat lässt einen vorzeitigen Ausstieg aus der Atomenergie prüfen. Die Stilllegung aller fünf Reaktoren im Land ist in zwei von drei Szenarien enthalten, die der Bundesrat nach dem Atomkraftwerk-Unfall in Japan untersuchen lässt. Das Parlament wird in der Sommersession über Atomenergie und den Ausstieg debattieren. (jak/sda)

Erstellt: 24.04.2011, 19:49 Uhr

225

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

225 Kommentare

Flurin Schwerzmann

24.04.2011, 00:02 Uhr
Melden 144 Empfehlung

Es ist doch einfach nur primitiv: Der 2. Atom-GAU in einer Generation und die liebe economiesuisse hat nichts besseres zu tun, als ihre Milliönchen in Werbekampagnen für die Kernenergie zu stecken.... Die haben ja schon viel Geld ausgegeben, damit sie vor Fukushima eine knappe Mehrheit hatten, aber jetzt wird das ziemlich unmöglich. Spart die Millionen und investiert sie in erneuerbare Energie! Antworten


Marc Peer

24.04.2011, 00:03 Uhr
Melden 92 Empfehlung

"Noch vor der Sommersession will Economiesuisse Politik und Öffentlichkeit einspannen.."
Interessant wäre zu erfahren, wohin die Millionen der Wirtschaft fliessen werden. Dank der Heimlichtuerei in Sachen Partei'spenden' und Politiker'finanzierung' werden wirs nie erfahren. Darf man annehmen, dass jeder zukünftige pro-AKW-Politiker und jedes AVES-Mitglied von der AKW-Lobby geschmiert sein wird?
Antworten



Schweiz

Populär auf Facebook Privatsphäre


Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!