Neue Ausbildung für Sexualbegleiterinnen

Von Simone Rau. Aktualisiert am 02.01.2014 102 Kommentare

Seit 2004 gibt es in der Schweiz professionell ausgebildete Sexualassistentinnen, auch Berührerinnen genannt. Jetzt soll eine neue Ausbildung die grosse Nachfrage abdecken – inklusive Geschlechtsverkehr.

Oskarkandidaten: Helen Hunt und John Hawkes im Film «The Sessions». (Bild: PD)

Oskarkandidaten: Helen Hunt und John Hawkes im Film «The Sessions». (Bild: PD)

Rührseliges Berührungsdrama

Oscarnominationen soll es dereinst hageln für «The Sessions», wurde schon im Herbst am Zurich Film Festival versprochen, und mit zwei Golden-Globe-Nominationen für den besten Hauptdarsteller (John Hawkes) und die beste Hauptdarstellerin (Helen Hunt) scheinen die Weichen nun tatsächlich gestellt. «The Session» rührte bereits 2012 am Sundance Festival zu Tränen und wurde mit Preisen überschüttet. Und warum? Weil der Film von Regisseur Ben Levin, der selbst einmal unter Kinderlähmung litt, eine dieser Kitscharien über einen wahnsinnig witzigen, intelligenten und auch die Frauen verstehenden Mann mit einer körperlichen Behinderung geliefert hat und selbstverständlich auch noch «nach einer wahren Geschichte».

John Hawkes und Helen Hunt spielen die wahre Geschichte des vom Hals abwärts gelähmten Journalisten und Lyrikers Mark O’Brien und dessen Sextherapeutin. Selbstverständlich wird aus dem Sex der beiden – und es geht hier wirklich zur Sache, schliesslich ist der Film ein Independent-Film, da darf man das – so was wie Liebe, jedenfalls eine Beziehung voller Gefühl und schliesslich Verzicht. Der Film wird ganz vom Spiel der beiden getragen, von Hunts nüchternem Umgang mit einer männlichen Jungfrau, von Hawkes’ schon fast aberwitziger Kunst, einzig mit dem Kopf zu spielen.

Leider ist die Absicht, mit dem Berührungsdrama auch so richtig zu rühren, in jedem Moment viel zu schamlos spürbar. Und so dermassen voller Herzensgüte wie im Film können die wahren Menschen hinter der «wahren Geschichte» eigentlich gar nicht gewesen sein. Wenn das kein Oscarmaterial ist.

(Simone Meier)

The Sessions (USA 2012). Regie: Ben Lewin. Mit: John Hawkes, Helen Hunt u. a. Ab 3. Januar in den Schweizer Kinos.

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Bald zehn Jahre ist es her, seit der TA titelte: «Erotik gegen Geld – Behinderte sollen Angebote bekommen». Sexualität sollten alle leben dürfen, so der Artikel, darum lasse Pro Infirmis für behinderte Menschen Berührerinnen und Berührer ausbilden. Gesucht würden «couragierte Frauen und Männer», die bereit seien, «körperlich oder geistig behinderten Menschen durch Zärtlichkeit, Körperkontakt und Anleitung zur Selbstbefriedigung zu helfen, ihren Körper zu geniessen». Sie sollten Massagen, Streicheln, Umarmen anbieten, nicht aber Geschlechts- und Oralverkehr.

Was folgte, waren Dutzende von Medienberichten, rund 300 Bewerbungsschreiben von Interessierten bei Pro Infirmis – und eine Protestlawine eben dort. Obwohl die Organisation beteuerte, keine Spendengelder für die Ausbildung zu verwenden, brachen die Spenden nach eigenen Angaben um rund 400'000 Franken ein. Pro Infirmis stieg aus dem Projekt aus; es übernahm die neu gegründete (und mittlerweile wieder geschlossene) Fachstelle Behinderung und Sexualität (Fabs) unter der Leitung der 2011 verstorbenen Aiha Zemp, eine Pionierin der politischen Behindertenbewegung in der Schweiz. Im Juni 2004 schlossen sechs Frauen und vier Männer die Ausbildung ab – unter dem weniger verfänglichen Namen «Sexualassistenten». 2007 wurden weitere acht Personen zertifiziert.

Behinderte kaufen Zeit statt Akt

Jetzt nimmt das Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter (ISBB) Zürich einen neuen Anlauf: Ab Mitte März 2013 sollen rund 10 Personen während eines halben Jahres zu Sexualbegleitern ausgebildet werden. Im Unterschied zu Sexualassistenten oder Berührern sollen sie eine sexuell aktivere Rolle einnehmen. «Sexualbegleitung bietet eine Ersatzpartnerschaft», sagt Erich Hassler, Leiter des ISBB Zürich. «Für eine begrenzte Zeit gehen Sexualbegleiter und Behinderte eine emotionale Partnerschaft ein wie im richtigen Leben.» Dazu gehörten auch körperlich-sexuelle Erfahrungen, einschliesslich Geschlechtsverkehr, wenn dieser beidseitig erwünscht sei.

Die Behinderten können laut Hassler jedoch keine speziellen sexuellen Akte kaufen, die dann auch noch unterschiedliche Preise hätten, sondern lediglich «Zeiten der Begegnung». Ein Date beim ISBB Trebel in Deutschland, wo Sexualbegleitung bereits seit einigen Jahren angeboten wird, kostet pro Stunde etwa immer 90 Euro. Was die Sexualbegleiter und die Behinderten in dieser Zeit miteinander erleben, kommt auf die jeweiligen Bedürfnisse an. «Wenn der Behinderte Geschlechtsverkehr möchte, soll er das auch dürfen – sofern die Sexualbegleiterin offen ist dafür», sagt Hassler. «Wie im richtigen Leben gibt es aber auch in der Sexualbegleitung kein Recht auf Sexualität – weder auf der einen noch auf der anderen Seite.»

Ist Sexualbegleitung nicht nur ein verharmlosendes Wort für Prostitution? Die Abgrenzung sei in der Tat unscharf, sagt Hassler. Bezahlt werde im Unterschied zur Prostitution zwar die zwischenmenschliche Begegnung, nicht der sexuelle Akt. Doch die Sexualbegleitung sei ebenfalls eine Dienstleistung, die offen für Sexualität sei. «Also ist sie für uns eine Form von Prostitution.»

«Jede Begegnung ist anders»

Ähnlich äussert sich Verena Gattiker, die seit fünf Jahren «sinnlich-erotische Begegnungen» anbietet, wie sie es nennt. Zwei Drittel ihrer rund 40 Stammkunden sind körperlich oder geistig behindert, der Rest ist gesund. IV-Bezüger bezahlen 250 Franken pro Stunde, die anderen 350. «Jede Begegnung ist anders. Manche wollen nur kuscheln, andere an intimen Stellen gestreichelt werden oder aber mich berühren. Wenn es passt, gehe ich mit Männern bis zur Vereinigung.» Das Bedürfnis von Behinderten nach Geschlechtsverkehr sei unbestritten vorhanden – gleichzeitig aber «nicht das Wichtigste». Für sie als Sexualbegleiterin sei entscheidend, dass «der Akt möglich sein könnte und nicht kategorisch ausgeschlossen wird». Eben dies sähen klassische Berührerinnen anders.

Als Prostituierte sieht sich Gattiker dennoch nicht; sie verspreche nichts. Zudem hätten ihre Kunden ein Bedürfnis nach «längeren, emotionaleren, wärmeren Beziehungen», auf das sie einzugehen versuche. Eine Prostituierte könne und wolle das nicht. Aus diesem Grund hofft Gattiker, dass sich für die neue Ausbildung möglichst viele Frauen anmelden, die Sexualität als etwas Lustvolles empfänden – auch für sich selbst. «Wer die Arbeit nur der Behinderten wegen macht, läuft Gefahr, ins Moralische abzudriften. Man soll auch sich selbst etwas Gutes tun wollen, statt nur als Assistentin zu dienen.» Das Ziel sei, authentisch zu bleiben. Überhaupt hoffe sie auf Frauenüberzahl in der Ausbildung, sagt Gattiker. Die überwiegende Mehrheit der am Angebot Interessierten seien Männer.

Angst vor Konkurrenz hat die Sexualbegleiterin nicht – im Gegenteil: «Ich finde es sehr sinnvoll, dass neue Sexualbegleiterinnen ausgebildet werden. Die Nachfrage ist viel grösser als das Angebot.» Ebendies würden auch ihre Kolleginnen bestätigen, die eine der beiden Fabs-Ausbildung absolviert hätten. Die einstige Leiterin einer anthroposophischen Behindertenwerkstatt ist über die Tantra-Bewegung zur Sexualbegleitung gekommen, hat die bisher in der Schweiz angebotenen Ausbildungen jedoch interessiert mitverfolgt, wie sie sagt.

«Manche wollen nur kuscheln»

Auch Michelle Gut, die die Fabs-Ausbildung 2004 abgeschlossen hat und heute ein Massagestudio für behinderte und nicht behinderte Menschen in Zürich führt, findet es «gut, wenn in dieser Richtung wieder etwas läuft». Sie habe in ihrem Studio täglich Besuch von Behinderten, und viele Heimleiter und Betreuer würden sich gerade «Hilfe suchend» an sie wenden. Oft seien die Pflegenden mit sexuellen Bedürfnissen der Behinderten konfrontiert, umso mehr würden ihre Besuche in den Heimen geschätzt.

Als problematisch erachtet Gut den «Kampf um die Finanzen», sprich: die Tatsache, dass viele Behinderte nicht selbst über ihr Budget verfügen können. «Zum Teil müssen sich meine ‹Schützlinge› recht bemühen, dass ihnen ihr Vormund beispielsweise alle sechs Wochen 100 Franken für einen Besuch bei mir freigibt.» ISBB-Leiter Hassler bestätigt das Problem. Es komme leider noch immer häufig vor, dass die gesetzlichen Vertreter der Behinderten die eigenen moralischen Vorbehalte über deren Bedürfnisse stellen würden. «Damit missachten sie das Recht der Behinderten auf Selbstbestimmung.» Eine allfällige Übernahme der sexuellen Dienstleistungen durch die Krankenkasse lehnt Hassler trotzdem ab. Sexualität sei keine Krankheit, ebenso wenig ihr «Nicht-ausleben-Können aufgrund einer Behinderung». Vielmehr würde man den Behinderten-Organisationen empfehlen, sexuelle Dienstleistungen konsequent in das persönliche Budget der Behinderten mit einzubeziehen.

Für mehr Selbstbestimmung der Behinderten plädiert auch Pro-Infirmis-Sprecher Mark Zumbühl. Die geplante Ausbildung sei «absolut im Sinn der Betroffenen», überhaupt begrüsse er jede Initiative zur Weiterführung der Idee. Das Berührerinnen-Projekt habe man im Jahr 2003 nur ungern an Aiha Zemp abgegeben. «Das Bedürfnis der Behinderten nach Sexualität ist genauso gross wie bei nicht behinderten Menschen», sagt Zumbühl. Dazu gehöre im Sinne der Selbstbestimmung eben auch Geschlechtsverkehr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.12.2012, 06:29 Uhr

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102 Kommentare

Sandra Bühler

31.12.2012, 08:14 Uhr
Melden 659 Empfehlung 71

Wenn die Behinderten 250.- bis 350.- pro Stunde zahlen müssen, wäre doch eine Prostituierte sinnvoller, ehrlicher und effizienter. Auch diese könnte nur kuscheln, wenn das erwünscht ist. Antworten


Martin Buchmann

31.12.2012, 07:45 Uhr
Melden 532 Empfehlung 99

Wo ist der Unterschied zur Prostitution? Antworten



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