Schweiz

Neue Designerdrogen überfordern Kontrolleure

Von Maurice Thiriet. Aktualisiert am 04.01.2010

Neue synthetische Aufputschmittel umgehen die Betäubungsmittelverbote. Swissmedic reagiert im Wettkampf mit Dealern langsamer als andere Länder.

Kann aufgrund ihres Aussehens als alles mögliche verkauft werden: Die Designerdroge Mephedron.

Kann aufgrund ihres Aussehens als alles mögliche verkauft werden: Die Designerdroge Mephedron.

Es trägt den Handelsnamen Mephedron, wird unter dem Label «Badesalz» oder «Dünger» verkauft, und man kann über den Internetversand so viel davon bestellen, wie man sich leisten kann. Die Rede ist von 4-MMC, einer synthetisch hergestellten Substanz. Sie wirkt ähnlich wie Amphetamin oder der Ecstasy-Grundstoff MDMA und ist so neu, dass sie in vielen Ländern auf keiner Liste von verbotenen Substanzen auftaucht. So auch in der Schweiz.

Hunderte Webshops

Das weisse Pulver ist ein sogenanntes Research Chemical (RC), eine chemische Verbindung also, die beim Konsumenten halluzinogene oder aufputschende Effekte hervorruft, jedoch kaum erforscht ist. Die Herstellung und der Vertrieb dieser Substanzen unterliegen desto weniger Restriktionen, je neuer sie sind. Dementsprechend breit gefächert ist der Markt an Anbietern und Produkten. Die europäische Strafverfolgungsbehörde Europol geht davon aus, das rund 200 ständig wechselnde Internetshops in Europa immer neue Produkte auf den Markt werfen.

Unter Namen wie Dusted, Buzz Powder, Northface Ice Cold oder Charge+ werden die Substanzen angeboten – und gekauft: «Ungefähr ein Prozent der User, die bei uns Substanzen testen lassen, geben an, Erfahrungen mit RCs gemacht zu haben», sagt Alex Bücheli, Substanzenfachmann der Jugendberatung Streetwork Zürich.

Szene lebt gefährlich

Zwar sei die Szene der RC-Liebhaber klein, aber sie lebe gefährlich. «Im Gegensatz zu MDMA oder Kokain weiss man über die Neben- und Spätwirkungen dieser Substanzen wenig bis nichts. Konsumenten machen sich zu Versuchskaninchen», sagt Bücheli. Mitunter auch mit tödlichen Folgen: Am 3. Oktober starb der dänische RC-Dealer Dannie Haupt nach dem Testkonsum einer Substanz, ebenso einer seiner Kunden in Kalifornien, den er bereits beliefert hatte. Auch im Zusammenhang mit Mephedron ist mindestens ein Todesfall bekannt. Bereits im Oktober 2008 ist eine junge Frau nach dem Konsum von Mephedron gestorben.

Das hält die Schweizer RC-Community aber nicht vom Konsum ab. Mephedron ist laut Bücheli in der Szene die am meisten verbreitete Substanz unter den RCs. Im August hat Streetwork auch Mephedron in Pillen gefunden, die als Ecstasy verkauft worden sind.

Die Wirkung ähnelt sich, ist aber von kürzerer Dauer. Das macht Mephedron tückisch. «Die Substanz hat ein hohes Abhängigkeitspotenzial, die Wirkung dauert nur eine Stunde an, danach setzt das Craving ein, der Konsument will die euphorisierende Wirkung gleich nochmals erleben», sagt Alex Bücheli von der Jugendberatung Streetwork Zürich.

Entwicklung verschlafen

Die Schweizer Betäubungsmittelkontrolleure von Swissmedic haben die Entwicklung verschlafen. Auf der aktualisierten Liste verbotener Betäubungsmittel, die im November präsentiert wurde und die Ende Januar in die Vernehmlassung geht, sind ausser dem Cannabis-Ersatz Spice keine der bereits als problematisch bekannten RCs aufgeführt. Auch Mephedron nicht. Joachim Gross, Sprecher von Swissmedic, räumt ein, dass die Behörden mit den Entwicklern der immer neuen Substanzen nicht mithalten können. «Die Problematik dieser Designerdrogen ist uns bekannt, aber es ist unmöglich, alle aufzuführen», sagt Gross. «Das ist ein internationales Problem.» Immerhin sei die im November präsentierte Liste noch nicht ganz vollständig. «Da kann sich noch einiges ändern, wir werden nun auch darüber nachdenken, Mephedron und andere RCs aufzunehmen.»

Rausverkauf in Deutschland

Mit einem Verbot würde die Schweiz im internationalen Vergleich indes massiv nachhinken. Europol warnte bereits im Sommer 2008 vor Mephedron. Länder wie England, Schweden, Norwegen, Finnland, Israel verboten die Substanz umgehend, nachdem zunehmend Konsumenten hospitalisiert worden waren. Und weil auch das deutsche Gesundheitsministerium Mephedron per 22. Januar verbietet, ist nun bei sämtlichen deutschen Anbietern Rausverkauf.

Ein Teil der nun stark verbilligten Ware wird auch in der Schweiz landen. Denn hiesige Abnehmer des Stoffes haben noch lange nichts zu befürchten, auch wenn Swissmedic einen Teil der bekannten RCs in die Liste der verbotenen Betäubungsmittel aufnehmen würde. Die revidierte Betäubungsmittelverordnung tritt frühestens Anfang 2011 in Kraft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.01.2010, 06:04 Uhr

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