Schweiz
«Neue Kampfjets sind gar nicht nötig»
Von Patrick Feuz. Aktualisiert am 28.08.2009 6 Kommentare
Zur Person
Hans-Ulrich Ernst wirkte von 1979 bis 1996 als Generalsekretär des EMD. Er war Kommandant einer Kampfbrigade und Gründungspräsident des Genfer Zentrums für Sicherheitspolitik.
Der Bundesrat hält nichts von der Forderung der GSoA, zehn Jahre auf den Kauf neuer Kampfjets zu verzichten. Wie dringend braucht die Schweizer Luftwaffe neue Flugzeuge?
Die Luftwaffe fordert neue Kampfjets, um die 30-jährigen Tiger zu ersetzen. Aber das ist gar nicht nötig. Wir verfügen über 33 F/A-18-Kampfflugzeuge – diese genügen bei weitem. Erst wenn die F/A-18 ins Alter kommen, braucht es eine Diskussion über neue Kampfjets. Das ist in 10 bis 15 Jahren der Fall.
Braucht eine Armee, die glaubwürdig sein will, nicht eine potente Luftwaffe?
Doch. Aber man muss die Aufgabe unserer Luftwaffe im Auge behalten. Im Vordergrund stehen heute Luftpolizeidienste: Die Luftwaffe muss verhindern können, dass ein Terrorist mit einem Flugzeug in einen gesperrten Raum eindringt. Das macht sie jedes Jahr am WEF in Davos, und auch an der Euro 08 war das ihr Job. Für solche Einsätze reichen die 33 F/A-18.
Aber die Luftwaffe sagt, ohne neue Kampfjets sei sie nicht in der Lage, den Schweizer Luftraum im Krisenfall rund um die Uhr zu verteidigen.
Österreich hat einen dreimal grösseren Luftraum als die Schweiz und erfüllt die Luftpolizeiaufgabe mit 15 Eurofightern.
Schätzen also der Bundesrat und die Luftwaffe die Bedrohungslage falsch ein?
Viele Militärs pflegen ein exzessives Worstcase-Denken: Alles, was auf diesem Planeten früher passiert ist und künftig noch passieren könnte, wird in direkten Zusammenhang mit der Schweiz gebracht. Ein vielsagendes Beispiel: Vor anderthalb Jahren hat der heutige Luftwaffenchef den Wunsch nach neuen Kampfflugzeugen damit begründet, dass die Wasserknappheit weltweit zunehmen werde. Nichts gegen die militärische Lagebeurteilung – aber die Politik muss sich an plausible Szenarien halten.
Wie sehen plausible Szenarien aus?
Ich sehe kein plausibles Szenario, in dem die Schweiz feindliche Kampfjets abwehren muss. Ich sehe auch kein realistisches Szenario, in dem die Luftwaffe unsere Bodentruppen in einer grossen Panzerschlacht unterstützen muss oder Aufklärungsflüge in der Tiefe über die Grenze hinaus nötig sind. Die Luftwaffe soll die Fähigkeit der Luftverteidigung weiterhin üben. Aber sie braucht nicht Maschinen, um sie tatsächlich auszuführen. Es müsste enorm viel passieren, bis in Europa ein Krieg vorstellbar und Verteidigung nötig wird. Alle Generalstäbe der westlichen Staaten gehen von einer Vorwarnzeit von 10 bis 15 Jahren aus.
Was müsste in dieser Zeit passieren?
Die EU müsste auseinanderbrechen und die Nato verschwinden. Amerika würde sich nicht mehr um Europas Sicherheit kümmern. Die einzelnen Staaten würden wieder eine chauvinistische Politik betreiben und versuchen, einst verlorene Territorien zurückzuerobern.
Im Georgienkrieg vom Sommer 2008 ging es um ein Territorium.
Das war ein begrenzter Konflikt am Rande Europas. Wer aber soll schweizerisches Territorium beanspruchen? Österreich? Weil es auf die Idee kommen könnte, als Rechtsnachfolger der Habsburgermonarchie das Fricktal zurückzuerobern?
Mit der Aussage, dass der Kauf neuer Kampfjets nicht eile, stimmen Sie mit der Stossrichtung der GSoA-Initiative überein. Man staunt: der ehemalige EMD-Generalsekretär Hans-Ulrich Ernst auf der gleichen Linie wie die Armeeabschaffer.
Ich teile die Einschätzung der Initianten, dass wir in den nächsten 10 bis 15 Jahren keine neuen Kampfflugzeuge kaufen müssen. Die Initiative selber lehne ich aber ab, weil auch die Schweiz in Vorwarnzeiten denken muss: Wenn sich die Lage strategisch verschlechtert, sollten wir nicht zuerst die Verfassung ändern müssen, um neue Flieger beschaffen zu können.
VBS-Chef Ueli Maurer will Ende Jahr gestützt auf den neuen sicherheitspolitischen Bericht entscheiden, wie es mit den Plänen für die Kampfjet-Beschaffung weitergeht. Was ist Ihre Prognose?
Ende Jahr werden wir präziser wissen, was wir eigentlich heute schon wissen: Wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise muss der Bund bei den Ausgaben in den Jahren 2011 bis 2013 insgesamt 10 Milliarden sparen. Das VBS wird nicht ungeschoren davonkommen. Allein schon aus finanziellen Gründen wird also der Druck steigen, auf die Beschaffung neuer Flugzeuge zu verzichten.
Sie rechnen ernsthaft damit, dass der Bundesrat die Beschaffung auf die lange Bank schieben wird?
Er wird es vielleicht nicht so offen sagen. Aber faktisch wird der Bundesrat oder später das Parlament das Geschäft wohl immer weiter hinausschieben. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.08.2009, 10:29 Uhr
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6 Kommentare
Wahrlich erstaunlich diese Aussage ... wurde der Souveraen ueber die Jahre hinweg nun belogen oder ist dieSchweiz endlich in das jetzige Jahrhundert angekommen? Ich verstehe nichts von der Aviatik aber ich kann mir vorstellen, dass wir jegliche Einsparung im Ruestungsbereich sehr gut anderweitig einsetzen koennen - aber nicht um Flieger nach Tripoli auszusenden und leer zurueckkehren lassen. Antworten
Das einzige Mal, dass unsere Luftwaffe wirklich erfolgreich eingesetzt werden musste im 2. Weltkrieg gegen die Deutschen, befahl der Bundesrat, dass die Flieger am Boden bleiben mussten. Gegen Lybien werden die Flugzeuge auch nicht eingesetzt. Also brauchen wir ganz klar keine neuen Flugzeuge. Wir haben das Geld ja schon für die UBS ausgegeben. Antworten
Die UBS und die anderen Banken mit faktischer Staatsgarantie könnten ja das eine oder andere Flugzeug sponsern. Da kämen dann vielleicht 10 Stück zusammen, sofern man direkt einkauft und nicht noch hier in der Schweiz fertigen will. Die restlichen 20-30 Stück könnte man dann gestaffelt einkaufen. Antworten
Ich bin auch der Meinung dass wir in den naechsten 10 Jahren keine neuen Kampfjets brauchen.Das Geld das fuer die Jets eingesetzt werden soll,koennte zum Beispiel gut in die AHV Kasse landen.Es wuerde dort sicher gut gebraucht werden. Warum sollte fuer ein Spielzeug gewisser Herren so viel Geld ausgegeben werden wenn es nicht dringend notwendig ist Antworten
Im 2.Weltkrieg hat die schweizer Luftwaffe einige deutsche Messerschmidt-Flugzeuge zur Landung gezwungen. Die Folge davon war, dass die Politik entschieden hat, dass die schweizer Flugzeuge künftig am Boden bleiben müssen. Wir brauchen keine Flugzeuge, die aus politischen Gründen am Boden bleiben müssen. Für die Polizeidienste der Luftwaffe genügt eine stark verkleinerte Anzahl von Flugzeugen. Antworten





Gottlieb Dändliker
Warum kommt un der Kampfflugzeug -Diskussion eigentlich nie das thema der kommendenVrteidigung und Kriegsführung mit Dronen vor? Siehe Israel und Afganistan. Antworten