Schweiz

«Nicht alle Alten haben ein Vermögen»

Interview: Thomas Lüthi. Aktualisiert am 30.12.2011 24 Kommentare

Der Seniorenrat wehrt sich gegen höhere Krankenkassen-Prämien für ältere Menschen.

(Bild: z.V.g.)

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Karl Vögeli (69) ist selbstständiger Medienconsultant und wohnt in Uster. Er ist Co-Präsident des schweizerischen Seniorenrates (SSR) mit Sitz im bernischen Ittigen. Der Seniorenrat vertritt die wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Anliegen der älteren Menschen. Es sind ihm laut Homepage 220'000 Seniorinnen und Senioren angeschlossen. Der SSR ist von der damaligen Bundesrätin Ruth Dreifuss eingesetzt worden als beratendes Organ der Behörden in Altersfragen. Er feiert im Februar 2012 seinen elften Geburtstag. tl

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Ein 27-jähriger Krankenversicherter bezahlt eine Durchschnitts-prämie von 274 Franken pro Monat. Er verursacht aber Gesundheitskosten von nur 61 Franken. Ein 95-jähriger Mann bezahlt die gleiche Einheitsprämie, belastet die Grundversicherung aber mit 1214 Franken, das ist das 20-fache des 27-jährigen. Milliarden von Franken bezahlen so die jüngeren Versicherten für ihre älteren Mitversicherten. Das sei eine falsche Solidarität, sagte die Allianz Schweizer Krankenversicherer Anfang Dezember (die BaZ berichtete). Ihr gehören die Krankenkassen Helsana, Groupe Mutuel und Sanitas an.

Die drei Versicherer möchten darum das aktuelle Finanzierungsregime mit Kopfprämien, Risikoausgleich und Prämienverbilligung überdenken. Denn die Menschen werden immer älter und verursachen mit zunehmendem Alter überdurchschnittlich hohe Gesundheitskosten. Die Solidarität zwischen den Generationen würde weiter belastet, sagt die Allianz. Mit unterschiedlichen Prämienstufen und tieferen Prämienrabatten bei den Wahlfranchisen (die vor allem die jüngeren beanspruchen, Red.) liesse sich das Problem reduzieren, ohne die Solidarität zu schmälern. Nichts von den Vorschlägen hält der Schweizerische Seniorenrat (SSR). Er wehrt sich laut Medienmitteilung «vehement gegen den jüngsten Angriff grosser Krankenkassen». Die Krankenversicherer würden damit gegen den Grundsatz der Solidarität handeln. Dazu SSR-Co-Präsident Karl Vögeli.

BaZ: Ältere Menschen verursachen deutlich höhere Gesundheitskosten als junge. Es wäre doch nur gerecht, wenn die Seniorinnen und Senioren auch etwas höhere Prämien bezahlten.
Karl Vögeli:Nein, das würde komplett gegen den Solidaritätsgedanken verstossen. Bei der Krankenversicherung bezahlen die Gesunden für die Kranken und nicht die Jungen für die Alten. Ausserdem sind junge Familien entlastet worden, indem man ihnen die Kinderprämien erlassen hat.

Das ist vom Parlament noch nicht beschlossen, die Detailvorlage wird erst ausgearbeitet.
Ja, aber es läuft in Richtung Entlastung junger Familien.

Junge sind weniger häufig krank als Senioren, bezahlen aber die gleiche Einheitsprämie. Da wäre es doch gerechter, die Senioren stärker zu belasten.
Die Rentner von heute haben ein Leben lang Prämien einbezahlt. Als sie jung waren, bezahlten sie auch für die damals älteren Versicherten. Zudem zahlte die jetzige Rentnergeneration die AHV für ihre Eltern, welche die Eintrittsgeneration in die AHV war.

Die obligatorische Krankenversicherung, um die es jetzt geht, gibt es erst seit 1996. Und mit der AHV hat sie nichts zu tun.
Es geht nicht nur um die Krankenversicherung, sondern um ein gesamtheitliches Denken. Wir haben die AHV, die Pensionskasse, wir haben eine Pflegefinanzierung – auch bei diesen Sozialwerken werden die Senioren zum Teil benachteiligt. Etwa bei den Pflegekosten, für welche die älteren Menschen massiv mehr bezahlen müssen. Es ist auch nicht so, dass alle Rentner im Geld schwimmen. Untersuchungen haben gezeigt, dass 16 Prozent der über 65-Jährigen arm sind.

Fakt ist, dass es den Rentnern finanziell noch nie so gut gegangen ist wie heute. Das bestätigte auch Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf am Alterskongress auf Schloss Lenzburg Anfang September. AHV, Pensionskasse, private Vorsorge (3. Säule), Einkünfte aus Immobilien, Erbschaften plus ein angespartes Vermögen – da liegt es doch drin, von den Senioren etwas mehr Krankenkassenprämie zu verlangen.
Es haben doch nicht alle Alten ein Vermögen, es sind nur etwa 20 Prozent der Senioren. Es gibt sehr viele Rentner, die kein Vermögen besitzen.

Natürlich gibt es arme Rentner. Trotzdem: Laut dem Forschungsbericht des Bundes von 2008 «Die wirtschaftliche Situation von Erwerbstätigen und Personen im Ruhestand» versteuern die Rentner ein durchschnittliches Bruttoeinkommen von über 68'000 Franken. Ihr Vermögen ist dreimal höher als jenes eines Erwerbstätigen.
Es ist eine kleine Schicht der Senioren, die Vermögen hat. Natürlich sammeln sich auch grosse Vermögen an, aber daraus kann man nicht folgern, dass es allen Senioren gut geht.

Kommen wir zurück zur Solidarität: Vielleicht müsste man in der Krankenversicherung risikogerechte Prämien einführen, wie es sie vor Einführung des Krankenversicherungsgesetzes gegeben hat. Dann würden die Älteren, die hohe Gesundheitskosten verursachen, mehr bezahlen als die Jungen und Gesunden.
Es gibt ja heute schon drei Prämienstufen. Ihre Idee ist also schon realisiert. Ausserdem müssten auch die Frauen mehr bezahlen. Sie verursachen höhere Gesundheitskosten als die Männer. Aber das alles hätte mit Solidarität nichts mehr zu tun.

Ich gebe Ihnen Recht – risikogerechte Prämien wären der falsche Weg. Aber die Finanzierung der ständig steigenden Gesundheitskosten verlangt nach einer verursachergerechteren Verteilung. Und die älteren Menschen verursachen am meisten Kosten.
Nein, das stimmt nicht. Wirklich teuer ist nur das letzte Lebensjahr vor dem Tod – unabhängig vom Alter. Die Menschen werden halt älter. Viele Kosten werden über die Pflegefinanzierung gedeckt und dafür bezahlen die Senioren seit diesem Jahr mehr.

Sie haben die drei Prämienstufen angesprochen. Sie meinen damit die drei Altersklassen der Krankenversicherung, nämlich null bis 18 Jahre, 19 bis 25 Jahre und über 25 Jahre. Innerhalb dieser Klassen gelten Einheitsprämien. Die über 66-Jährigen bezahlen aber laut Statistik des Bundes nur 23 Prozent der Prämien, verursachen aber 44 Prozent der Gesundheitskosten. Eine feinere Abstufung der Altersklassen wäre doch zu diskutieren mit dem Ziel, die jüngeren Versicherten zu entlasten und die älteren etwas stärker zu belasten.
Nein, das hat mit einer Krankenversicherung nach dem Solidaritätsprinzip einfach nichts mehr zu tun. Wenn schon, müssten wir die Kosten aller Sozialwerke samt Krankenversicherung gesamtheitlich betrachten und dann über die Verteilung der Lasten diskutieren. Dieses Scheibchendenken, indem einfach nur die Krankenversicherung herausgebrochen wird, bringt nichts. Wenn man die Rentnerinnen und Rentner immer stärker belastet, müssen einfach wieder mehr Ergänzungsleistungen bezahlt werden, welche über die Steuern auch wieder von vielen Rentnern finanziert werden. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.12.2011, 12:24 Uhr

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24 Kommentare

pauline overath

30.12.2011, 13:45 Uhr
Melden 24 Empfehlung

Die Alten waren jung und haben dann auch schon eingezahlt ohne dass sie krank waren.Demnach hat man rein theoretisch schon für seine eventuelle Krankheiten selber gezahlt, falls man dann krank wird. Antworten


Freiburghaus Matthias

30.12.2011, 14:57 Uhr
Melden 23 Empfehlung

Ich habe mein Leben lang hohe Krankenkassenprämien bezahlt und weit weniger aus dem Topf entnommen, als ich einbezahlt habe. Unter der Prämisse, dass die Mittel für mich vorhanden sind, wenn ich sie mal brauche, war das ok für mich.
Ich will nicht eines Tages alt und krank sein und dann zu hören bekommen: Sorry, falsche Solidarität,jetzt wo Du
so teuer bist musst Du auch mehr bezahlen.
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