Schweiz
«Niemand hat Lust, von einem betäubten Arzt narkotisiert zu werden»
Interview: Claudio Habicht. Aktualisiert am 12.01.2010
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Michael Soyka
Der gebürtige Deutsche ist Psychiatrieprofessor und Ärztlicher Direktor der Privatklinik Meiringen. Er ist zudem Verfasser des Krimis «Schwarze Ufer», der in einer psychiatrischen Klinik spielt.
Am Abend eine Flasche Wein, frühmorgens vor Arbeitsantritt Tabletten. Laut ausländischen Studien sind viele Ärzte alkohol- und medikamentensüchtig. Wie gravierend ist das Problem in der Schweiz?
Für die Schweiz existieren leider keine Studien. Als Psychiater habe ich jedoch viele suchtkranke Ärzte begutachtet und behandelt, das Phänomen ist mir daher bekannt. Allgemein lässt sich sagen, dass es unter den Ärzten nicht mehr Alkoholiker gibt als sonst in der Bevölkerung. Überdurchschnittlich oft kommt jedoch der Medikamentenmissbrauch vor: So schlucken Ärzte laut Forschungen aus den USA doppelt so viele Schmerzmittel und Psychopharmaka wie der Durchschnitt. Das trifft wahrscheinlich auch auf die Schweiz zu.
Wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer ein?
Das lässt sich nicht eruieren. Eine Befragung unter Schweizer Hausärzten zeigte jedoch, dass die Suchtgefährdung sehr hoch ist. So gab jeder Dritte an, regelmässig Schmerzmittel einzunehmen. Und fast jeder Zehnte nimmt oft Beruhigungs- und Schlafmittel oder Antidepressiva. Zusammengefasst kann man sagen, dass der Medikamentenkonsum der Schweizer Ärzte relativ hoch ist.
Warum greifen so viele Ärzte zu Tabletten?
Eine grosse Rolle spielt sicher die Griffnähe der Medikamente. Zudem wissen die Ärzte, wie die Substanzen wirken. Es gibt sogar Anästhesisten, die sich Propofol spritzen – das Narkotikum, an dem Michael Jackson gestorben ist. Das zeigt, dass sich manch einer überschätzt und mit dem Missbrauch nicht mehr klarkommt.
Kann man sagen, dass Mediziner anfälliger für Suchterkrankungen sind als andere Berufsgruppen?
In gewissem Sinne schon. Bei der hohen Arbeitsbelastung, der Schicht- und Nachtarbeit sowie dem hohen Ich-Ideal der Ärzte kommt schnell der Wunsch auf, sich zu manipulieren, um die Arbeitsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Viele gestehen sich auch nach der vierten Operation nicht ein, dass sie müde sind. Leider ist eine gesunde Selbstkritik in unserem Berufsbild oft nicht ausreichend verankert.
Oft arbeiten süchtige Ärzte jahrelang, ohne aufzufallen.
Solange sie einigermassen funktionieren, gibt es keine Probleme. Suchtkranke Ärzte versuchen meist auch, ihre Sucht zu verheimlichen. Denn die Folgen, die sie tragen müssten, sind besonders hart: Sie gehen das Risiko ein, ihre Arbeitserlaubnis zu verlieren. Heute ist man sensibilisierter als früher, denn es hat niemand Lust, von einem betäubten Arzt narkotisiert oder behandelt zu werden.
Wie fliegen sie letztlich auf?
Oft werden sie – wie andere Süchtige auch – bei Strassenkontrollen erwischt. Oder aber das Spitalpersonal merkt, dass gewisse Medikamente auf der Station fehlen. Auch dass jemand seine Sucht durch auffälliges Verhalten verrät, kann vorkommen.
Ist es schwierig, süchtige Ärzte zu behandeln?
Ärzte sind sicher keine einfachen Patienten, sie flüchten gerne in eine Expertenrolle in eigener Sache. Auch tun sie sich schwer damit, plötzlich Patient zu sein. Eine typische Déformation professionelle eben. Unsere Erfahrungen in der Klinik sind aber günstig. Wichtig ist nur immer der erste Schritt. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 12.01.2010, 17:35 Uhr
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