Schweiz

Pensionskassen sollen in junge Firmen investieren

Von Urs Zurlinden. Aktualisiert am 10.07.2014

Über den Zukunftsfonds Schweiz könnte viel Risikokapital in einheimische Start-ups fliessen. Die sind verglichen mit dem Ausland schlecht bedient. Die Idee kommt jetzt in den Nationalrat.

Das Start-up PLV Fashion betreibt einen virtuellen Flohmarkt für gebrauchte Kleider von Privatpersonen. Gerade für Jungfirmen ist es schwierig, an Risikokapital zu kommen.

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Das in den Pensionskassen angesparte Geld sei nicht für riskante Investitionen zu verwenden, mahnt der Bundesrat und will den Vorbezug von Alterskapital einschränken. Eine gegenteilige Stossrichtung verfolgen die Initianten des Zukunftsfonds Schweiz: Pensionskassen sollen sehr wohl einen Teil ihres Vermögens in Risikokapital investieren. Konkret: in Start-ups mit ungewissen Erfolgsaussichten. Das schlägt der Luzerner CVP-Ständerat Konrad Graber in einer Motion vor (siehe Interview).

Die Schweizer sind ein Volk von Sparern

Die Kassen der Altersvorsorge sind prall gefüllt. Seit die zweite Säule 1985 für obligatorisch erklärt wurde, haben die Versicherten die gewaltige Summe von über 850 Milliarden Franken angespart. Die Schweizer sind ein Volk von Sparern: Mit über 30 Prozent des Volkseinkommens liegt die gesamtwirtschaftliche Sparquote hinter derjenigen von Norwegen auf Platz zwei aller OECD-Länder. Doch der volkswirtschaftliche Nutzen dieser Mentalität ist bescheiden. Des Schweizers Ersparnisse sind weitgehend blockiert: Konnte die produktive Wirtschaft vor sechzig Jahren über 90 Prozent der Ersparnisse verfügen, disponiert sie heute noch über etwa 40 Prozent. Die übrigen 60 Prozent fliessen, so die Berechnungen von Simon Zaby von der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel, in behördlich reglementierte «Spartöpfe» wie Pensionskassen und Lebensversicherungen. Und dort wird das Geld grösstenteils in vermeintlich sichere Anlagen investiert. Eine latente Angst vor Verlusten sitzt den Kassenverwaltern im Genick. Das Beispiel der Bernischen Lehrerversicherungskasse, die über 50 Millionen Franken mit Risikoanlagen verspekuliert hatte, ist nach wie vor präsent. Bei diesem Sicherheitsdenken gehen jene Bereiche leer aus, welche die Wirtschaft vorantreiben könnten: Jungunternehmen und ihre etwas risikoreicheren Geschäfte.

Nur 0,02 Prozent der Pensionskassengelder fliessen in der Schweiz in Wagniskapital, in Amerika sind es 250-mal so viel. Die Praxis der US-Pensionskassen im Umgang mit Venturecapital ermöglichte Wachstumsmotoren der amerikanischen Wirtschaft wie Intel, Google oder Hewlett-Packard. Investitionen in Jungunternehmen mögen riskanter sein als der Kauf von Nestlé- oder Novartis-Aktien, aber sie zahlen sich volkswirtschaftlich aus: Schätzungen der Schweizerischen Vereinigung für Unternehmensfinanzierung (Seca) gehen davon aus, dass US-Start-ups pro Jahr drei Millionen Jobs schaffen.

In der Schweiz fehlt das Geld für Start-ups

In der Schweiz schaffen die neu gegründeten Unternehmen in wachstumsstarken Sektoren laut Seca jährlich über 20 000 Arbeitsstellen. Gemäss Schätzungen des Bundesamtes für Statistik (BFS) wurden über 350 000 der heutigen Arbeitsplätze durch Jungunternehmen in den letzten Jahren geschaffen. Trotz dieser Erkenntnisse ist der Umgang mit Start-ups hierzulande knausrig. Gerade mal 300 Millionen Franken wurden 2012 in 70 Schweizer Start-ups investiert. Im vergangenen Jahr waren es mit 415,5 Millionen zwar deutlich mehr, aber noch lange nicht so viel wie im Jahr 2000, als fast 1,4 Milliarden Franken als Venturecapital vorhanden waren. Auch hier der Vergleich mit den USA, wo 2012 total 26,5 Milliarden Dollar in Wagniskapital flossen. Würden die schweizerischen Pensionskassen dasselbe tun, könnten nach den Berechnungen der Basler Ökonomen bis 2030 etwa 40 Milliarden Franken Risikokapital geäufnet werden.

Mentor des Projekts Zukunftsfonds Schweiz ist Henri B. Meier, ehemaliger Finanzchef und Verwaltungsrat von Roche, Biotech-Unternehmer und seit vierzehn Jahren Förderer von Start-ups. Die zentrale Herausforderung der Schweiz sei das Kanalisieren von Ersparnissen in wertschöpfende Zukunftstechnologien, ist Meier überzeugt. Da es sich dabei um langfristige Anlagen handelt, sind die Pensionskassen dafür besonders prädestiniert. Weil die individuelle Investition in ein Jungunternehmen aber ein hohes Verlustrisiko beinhaltet, könnten die etwa 2500 Pensionskassen der Schweiz ihre Ressourcen bündeln und via Fonds ein gemeinsames, auf Wagniskapital spezialisiertes Vehikel schaffen. Alimentiert würde der Fonds mit einem Minimum von einem halben Prozent der Schweizer Pensionskassenvermögen in den ersten Jahren, graduell ansteigend bis 5 Prozent nach zehn Jahren. Über den Fonds lassen sich auch jene Spezialisten finanzieren, welche die Start-up-Szene bestens kennen und dadurch die Risiken von Fehlinvestitionen minimieren.

Im Nationalrat könnte es der Zukunftsfonds schwer haben

Der Staat soll sich an dieser Form von Start-up-Förderung nicht aktiv beteiligen, versichern die Initianten. Aber der Bundesrat könnte die Pensionskassen ermuntern, sich am Fonds zu beteiligen. Anzupassen wären nur gewisse fiskalische Rahmenbedingungen wie etwa die Abschaffung der Stempelsteuer auf der Ausgabe von Wagniskapital.

Im Ständerat ist der entsprechende Vorstoss von Graber auf Wohlwollen gestossen und ohne Gegenstimme überwiesen worden. Im Nationalrat könnte es der Zukunftsfonds schwerer haben: Die dafür zuständige Kommission für Soziale Sicherheit und Gesundheit begrüsst zwar das Anliegen, allerdings nur mit 11 Ja- und 7 Nein-Stimmen. Entscheiden wird die grosse Kammer in der Herbstsession. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.07.2014, 10:15 Uhr

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