Schweiz

«Personenkontrolle im Extremfall bis in den Intimbereich»

Interview: Matthias Chapman. Aktualisiert am 04.10.2011 103 Kommentare

Nach den Gewaltexzessen im Letzigrund müssen sich die Klubs auf härtere Massnahmen gefasst machen, sagt der Zentralschweizer Sicherheitsdirektor Beat Villiger.

1/9 Nach dem Petardenwurf steigt im GC-Block Rauch auf.
Bild: Keystone

   

«Die Sicherheit lässt sich über die Kosten steuern»: Beat Villiger, Sicherheitsdirektor des Kantons Zug und Mitglied des Konkordats der kantonalen Polizei- und Justizdirektoren (KKJPD). (Bild: zvg)

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Herr Villiger, gestern eskalierte die Situation im Zürcher Letzigrund und führte zu wüsten Szenen. Wie denken Sie als Sicherheitsdirektor darüber?
Was passierte, ist inakzeptabel und schadet dem Sport aufs Schlimmste. Mich trifft es doppelt; als Sicherheitsdirektor und als bekennender Sportfan.

Vor einem Monat endete ein Runder Tisch genau zu diesem Thema ergebnislos. Warum lässt sich die Politik von den Klubs hinhalten?
Dies ist zu bedauern. Es ist aber nicht so, dass die Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren nichts erreicht hat. Stichwort ist zum Beispiel das Konkordat über Massnahmen gegen Gewalt anlässlich von Sportveranstaltungen. Aber wie sich nun zeigt, genügt das offenbar noch nicht.

Das heisst, Sie werden die Schraube anziehen?
Am 10./11. November findet die nächste Versammlung der KKJPD statt. Auf Antrag des Vorstands wird eine Verschärfung des bestehenden Konkordats vorgeschlagen. Das heisst: Eine Bewilligungspflicht für Spiele – mit der Möglichkeit, klare Auflagen zu machen – soll eingeführt werden. Zum Beispiel bezüglich Eingangskontrollen, Kombiticket für Fanzüge, Alkoholabgabe und so weiter.

Was bringt die Bewilligungspflicht für Fussballspiele?
Die Klubs müssen Spiele bewilligen lassen und bei der Sicherheit mit den Behörden zusammenarbeiten. Dieses Zusammenspiel geschieht natürlich jetzt schon vielerorts. Es dürfte aber künftig den Behörden obliegen, Massnahmen einseitig durchzusetzen, wenn Unsicherheiten bestehen.

Woran denken Sie?
Wir wollen die Sanktionen gegen Gewalttäter verschärfen, indem wir längere Rayonverbote einführen und die Schwelle für Meldeauflagen senken.

Sie sprechen auch von strengeren Richtlinien bei den Eingangskontrollen. Muss man sich künftig ausziehen, wenn man in ein Stadion will?
Wenn der Verdacht besteht, dass verbotenes Material ins Stadion geschmuggelt wird, müssen die Sicherheitsdienste der Klubs eine Personenkontrolle im Extremfall bis in den Intimbereich durchführen können.

Nicht nur gegen die oben erwähnten Massnahmen wehren sich die Klubs. Auch ein Kombiticket für Auswärtsspiele wollen sie nicht.
Die Politik muss nun handeln und die vorgeschlagenen Massnahmen durchziehen.

Das kann allerdings noch lange dauern. Denn die Massnahmen gehen zuerst in die Vernehmlassung und dann müssen sie noch von den Parlamenten verabschiedet werden.
Ja, das ist nun mal so. Die Kantone werden das Problem hoffentlich als dringlich betrachten und die Zusätze zum Konkordat noch vor der neuen Spielsaison ratifizieren.

Was kann sofort getan werden?
Mehr Aufwand in die Identifikation und Sanktion von Gewalttätern stecken. Im Kanton Zug zum Beispiel hat letzte Woche der Kantonsrat ein Zeichen gesetzt. Das Parlament hat beschlossen, dass die Organisatoren von Veranstaltungen künftig 60 Prozent der Sicherheitskosten selber bezahlen müssen. Das gilt dann natürlich auch für den EV Zug.

Sie würden das für andere Kantone auch begrüssen?
Ich kann nicht für andere Kantone sprechen. Aber es ist doch klar, wenn Klubs sich anteilsmässig an den Sicherheitskosten beteiligen müssen, sie selber auch ein Interesse daran haben, dass diese Kosten möglichst tief bleiben.

Warum nicht 100 Prozent der Sicherheitskosten auf die Veranstalter überwälzen?
Das sogenannte Xamax-Urteil des Bundesgerichts erlaubt es den zuständigen Sicherheitsbehörden, zwischen 60 und 80 Prozent der Sicherheitskosten an den Veranstalter abzuwälzen. Und zwar je nachdem, wie fest sich die Veranstalter an der Sicherheitsorganisation beteiligen.

In Zürich wurde dies über einen Fixbetrag geregelt.
Einen Pauschalbetrag halte ich für ungeeignet. So fehlt der Anreiz, intensiv an der Verbesserung der Sicherheitslage mitzuarbeiten. Es muss einen Zusammenhang geben zwischen den effektiven Sicherheitskosten und der Beteiligung der Klubs an ihnen. Der Steuerzahler ist auch nicht mehr bereit, für solche Einsätze zu bezahlen. Ich bin überzeugt: Die Sicherheit lässt sich über die Kosten steuern.

Soll die Kostenbeteiligung Teil der Ausweitung des Hooligan-Konkordats werden?
Das ist ein heikler Punkt. Leider. Meiner Meinung nach müsste das so sein. Aber wenn wir diese Ausweitung überladen, droht sie bachab zu gehen. Die Kantone sind hier aber – wie das Beispiel Zug zeigt – frei in ihrer Entscheidung.

Aber dann sind wir doch wieder am gleichen Punkt, nämlich, dass sich nicht viel verändert.
Das sehe ich nicht so. Die Ausweitung des Konkordats ist zielführend.

Sie setzen auf die Kantone. Das heisst die Politik, die Behörden, das Parlament. Sind nicht die Sportfans in diesen Gremien ein Bremsfaktor bezüglich härterer Massnahmen?
Ich bin überzeugt, die wahren Sportfans wollen faire und sichere Spiele, sportliche Auseinandersetzungen und keine Ausschreitungen. Also begrüssen sie auch härtere Massnahmen.

Für die Vereine sind die Fanklubs ganz wichtig. Was wäre der FC Zürich ohne Südkurve, der FC Basel ohne Muttenzer Kurve? Sie sorgen für Stimmung und bringen Geld. Das wissen alle, auch die Sicherheitsverantwortlichen. Rührt daher die Beisshemmung?
Mag sein, dass das eine Rolle spielt. Aber ich glaube, die Stimmung in den Kurven wäre nicht schlechter, wenn die Klubs, also auch die Fans, die Sicherheitskosten berappen müssten.

In Zürich war der frühere Stadtpräsident Elmar Ledergerber ein bekennender FCZ-Fan. Das ist auch der jetzige Sicherheitsdirektor Mario Fehr. Ein Problem?
Dazu kann ich mich nicht äussern.

Was sagen Sie abschliessend, wo stehen wir in zwei Jahren?
Offenbar braucht es solche Vorfälle wie gestern in Zürich, damit man in der Behandlung dieses Problems einen Schritt weiter kommt. Zum Glück ist nicht noch Schlimmeres passiert. Wir sind aber nicht mehr bereit, solch gravierende Zwischenfälle hinzunehmen und wollen diese Konkordatsausweitung jetzt durchsetzen. Diesbezüglich stelle ich in der Politik inzwischen eine grosse Bereitschaft fest. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.10.2011, 18:19 Uhr

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103 Kommentare

Kurt Stadler

03.10.2011, 18:29 Uhr
Melden 49 Empfehlung

Wie wäre es, einfach den schwarzen Block zusammenzustauchen, anstatt wieder die ganze Fussballergemeinde zu betatschen? Wie wäre es, mal das Hirn einschalten. In England wurden die Hools gebodigt, dank glasklarer Regeln. Spielfeld betreten? Lebenslanges Stadionverbot! Hoolschlägerei? Veröffentlichung des Bildes in Zeitung mit Meldung an Arbeitgeber, etc. etc. Nur die Schweiz saugt am Daumen..... Antworten


Martin Müller

03.10.2011, 20:01 Uhr
Melden 42 Empfehlung

England hat sein Hooligan-Problem erfolgreich in den Griff bekommen. 1. Keine Stehplätze mehr (wird auch von der Fifa gefordert!) 2. Tickets nur gegen Ausweis 3. Beim Einlass müssen Ticket und Ausweis vorgewiesen werden 4. Scharfe Strafen (zb betreten des Spielfelds 10'000.-- wie in England!). So weiss man wer wo sitzt und es gibt keinen anonymen Mob mehr! Wie gesagt, in England funktionierts! Antworten



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