Schweiz

Reiche Kantone beschleunigen SBB-Projekte

Von Richard Diethelm, Lausanne. Aktualisiert am 22.12.2009

Nach dem Vorbild Zürichs finanzieren Genf und die Waadt Ausbauten einer SBB-Linie vor. Gehen ärmere Kantone bei der Netzerweiterung leer aus?

Mehr Schienen für mehr Attraktivität: Der Waatländer Regierungspräsident Pascal Broulis, sein Genfer Amtskollege François Longchamp und SBB-Generaldirektor Andreas Meyer sprechen über den bevorstehenden Schienenausbau.

Mehr Schienen für mehr Attraktivität: Der Waatländer Regierungspräsident Pascal Broulis, sein Genfer Amtskollege François Longchamp und SBB-Generaldirektor Andreas Meyer sprechen über den bevorstehenden Schienenausbau.
Bild: Keystone

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Der Waadtländer Regierungspräsident Pascal Broulis weiss: Die Beschleunigung von Bahnprojekten zwischen Lausanne und Genf könnte den Neid anderer Kantone wecken. Daher unterstrich er gestern, wie wichtig die wirtschaftlich florierende Genferseeregion für die ganze Schweiz sei – bevor sein Genfer Amtskollege François Longchamp, SBB-Generaldirektor Andreas Meyer und Max Friedli, der Direktor des Bundesamts für Verkehr, eine Rahmenvereinbarung über die Zukunft der Bahnverbindung Lausanne–Genf-Flughafen unterzeichneten. «Genf und die Waadt gehören zu den acht Kantonen, die Nettozahler des Neuen Finanzausgleichs sind», sagte Broulis. Falls das öffentliche Verkehrsangebot nicht dringend ausgebaut werde, verliere die Genferseeregion an Attraktivität für Firmen und an wirtschaftlicher Dynamik.

Rückstand von 15 Jahren

Im Grundsatz hatten sich die Waadtländer und die Genfer Regierung bereits im Frühjahr darauf geeinigt, die Beseitigung von Engpässen auf dieser Strecke vorzufinanzieren. Die Rahmenvereinbarung legt nun die Eckpunkte für die Verbesserung des Bahnangebots bis 2030 fest. Danach schiessen die beiden Kantone dem Bund 238 Millionen Franken für den vorzeitigen Bau eines vierten Gleises zwischen Lausanne und Renens sowie von zwei Kreuzungen in der Nähe von Genf vor. Ferner finanzieren sie im Umfang von 75 Millionen Franken Studien und Vorprojekte für das dritte Gleis zwischen Renens und Allaman, die Modernisierung der Bahnhöfe Lausanne und Genf und weitere Projekte. Ob der Bund diese 75 Millionen je zurückzahlen wird, ist offen. Dafür fehlt (noch) eine Gesetzesgrundlage.

Die Genferseeregion weist bezüglich Kapazitäten und Dichte des Fahrplans einen Rückstand von mindestens 15 Jahren gegenüber der Agglomeration Zürich auf. Der Genfer Regierungspräsident Longchamp legte dar, wie viele potenzielle Bahnbenutzer es im Grossraum um den Genfersee gäbe. Aus einer Bevölkerung von 1,5 Millionen Einwohnern benutzen heute 90 000 täglich die Bahn. In der Agglomeration Zürich, wo 1,4 Millionen wohnen, sind es dagegen 380 000 Passagiere.

Zürich als Vorbild

Die Zürcher sind auch punkto Vorinvestitionen ein Vorbild. Seit 1968 beteiligte sich der Kanton Zürich mit fast 1,9 Milliarden an Ausbauten des Bahnnetzes. Darin sind 677 Millionen Franken Mitfinanzierung des künftigen Durchgangsbahnhofs Löwenstrasse eingeschlossen. Letztes Jahr beschloss Zürich zudem, den Bundesanteil dieses Grossbauwerks bis höchstens 500 Millionen vorzufinanzieren, weil sonst die Baumaschinen beim Hauptbahnhof stillgestanden wären. Für ein anderes Grossprojekt des Fernverkehrs, den zweiten Zimmerberg-Basistunnel von Thalwil nach Baar, ist der Kanton Zug bereit, bis zu 400 Millionen Franken vorzuschiessen.

Andere Kantone haben allerdings nicht die Finanzkraft, um die Realisierung von dringenden Bahnbauten mittels Vorschuss um mehrere Jahre zu beschleunigen. Droht damit beim Ausbau des SBB-Netzes eine Zweiklassengesellschaft? Max Friedli relativierte gestern diese Gefahr: «Der Bund muss die zukünftige Entwicklung der Bahninfrastruktur aus einer Gesamtschau planen.» Der Ausbau von derart zentralen Verkehrsknoten wie Zürich sei jedoch für das ganze Bahnnetz wichtig. Kein Problem sieht der Zuger Volkswirtschaftsdirektor Matthias Michel in der Vorfinanzierung. «Ein Bahntunnel im Jura wird ja nicht später gebaut, wenn wir einen Teil der Kosten des zweiten Zimmerbergtunnels vorfinanzieren. Der frühere Bau dieses Basistunnels wird nicht nur uns etwas nützen, sondern der ganzen Schweiz.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.12.2009, 07:35 Uhr

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