Schweiz
Rhonekorrektion: Viel Beton oder viel Natur
Von Richard Diethelm. Aktualisiert am 22.07.2009
Nach mehr als zehn Jahren Planung war es so weit: Ende Januar fuhren in der Region Visp die Bagger auf, um die Arbeiten an einem Jahrhundertbauwerk im Wallis aufzunehmen. Zum dritten Mal in der Geschichte wird der Lauf der Rhone von der Quelle bis zum Genfersee korrigiert, um die Bevölkerung, die Industrie und die Infrastruktur im Haupttal besser vor Hochwasser zu schützen. Die Regierung ist überzeugt, sie habe «nach Prüfung aller Varianten ohne Dogmatismus das bestmögliche Projekt erstellt».
Im Wallis ist man sich einig, dass der Schutz nach den Unwettern in jüngerer Zeit verstärkt werden muss. Mit dem Beispiel der Region Visp warnte die Regierung, die Rhone würde im Fall eines sehr grossen Hochwassers, das statistisch alle 100 Jahre vorkomme, 600 Hektaren Land überschwemmen, die hier konzentrierte Industrie lahmlegen und Schäden in Milliardenhöhe verursachen. Uneinigkeit herrscht jedoch im Kanton, wie viel Land der Flusskorrektion geopfert werden soll. Ein Verein für den Erhalt des landwirtschaftlichen Bodens (ADSA), dem hauptsächlich Bauern angehören, verlangt, den Landbedarf strikt auf das für die Sicherheit notwendige Minimum zu beschränken.
Kampf um jeden Quadratmeter
Ganz anderer Meinung sind der WWF, Pro Natura Wallis, die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, der VCS und lokale Naturschutzorganisationen, die ihre Interessen in der Umweltplattform «Lebensraum Rotten – Rhone vivant» gebündelt haben. Sie möchten die Rhone an möglichst vielen Stellen aus ihrem Korsett befreien. Marie Thérèse Sangra vom WWF Unterwallis anerkennt, dass die Ingenieure, die das generelle Projekt erarbeiteten, «gute Arbeit geleistet und die Gesetze respektiert haben». Dennoch fordert «Rhone vivant», man solle dem Fluss zusätzlich zu den rund 400 Hektaren Landwirtschaftsland, die das Projekt beansprucht, auf weiteren 50 Hektaren Auslauf lassen. «Die Korrektion wird so zu einem grossen Vorteil für die Fauna und Flora entlang dem Fluss, die Bevölkerung und den Tourismus», betont Sangra.
Um jeden Quadratmeter Bauernland kämpft dagegen der Landwirt und SVP-Grossrat Albert Pitteloud. Vor vier Jahren schlug der Mitbegründer der ADSA vor, einen unterirdischen Stollen zu bauen, statt den Flusslauf ein weiteres Mal zu korrigieren. Im Frühjahr 2008 war in der Bauernlobby die Variante «Erhöhung der Schutzdämme» Trumpf. Danach verlangte sie, die Flusssohle durchgehend um durchschnittlich 1,5 Meter abzusenken. «Studien unserer Ingenieure ergaben, dass die Absenkung hydraulisch dieselbe Wirkung hat wie Ausweitungen und die Dämme somit nicht erhöht werden müssen», sagt der in der ADSA aktive Ingenieur Jacques Dorsaz.
Kampagne mit «Fehlaussagen»
Dieser Behauptung widersprechen die Planer der Rhonekorrektion und neutrale Gutachter. So warnte der Neuenburger Uni-Professor und Hydrologe François Zwahlen, die fortlaufende Eintiefung der Flusssohle von Brig bis zum Genfersee hätte «eine erhebliche Absenkung» des Grundwasserspiegels zur Folge. Doch die ADSA wagte kurz vor der Juni-Session des Parlaments, das über einen Kredit zum Landerwerb hätte befinden sollen, eine Kraftprobe mit dem neuen Baudirektor Jacques Melly (CVP). In einem Brief an alle Grossräte kritisierte die Lobby, die Ausweitungen des Flusses seien «eine Katastrophe» und das generelle Projekt «eher ein ökologischer Pakt mit gewissen Bundesämtern und kantonalen Diensten als die technische Lösung eines hydrologischen Sicherheitsproblems». Der Staatsrat reagierte scharf und warf der ADSA vor, sie führe eine Kampagne mit «Fehlaussagen und Unterlassungen» und ignoriere selbst die Stellungnahmen der auf ihren Wunsch ernannten Experten. Der Baudirektor verschob das Kreditgesuch und versprach, die Abgeordneten «systematisch» über diese Elemente des Jahrhundertwerks zu informieren. Auf Anfrage versichert Melly: «Ich will keinen Betonkanal von Brig bis zum Genfersee bauen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.07.2009, 22:48 Uhr
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