Romands besonders anfällig auf Depressionen

Westschweizer Hausärzte stellen bei ihren Patienten wesentlich mehr Depressionen fest als ihre Deutschschweizer Kollegen. Besonders häufig betroffen sind Frauen.

Depressionen sind unter Männern stärker stigmatisiert als unter Frauen. Sie gehen deswegen seltener zum Arzt.

Depressionen sind unter Männern stärker stigmatisiert als unter Frauen. Sie gehen deswegen seltener zum Arzt. Bild: Keystone

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Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat gestern eine interessante Studie veröffentlicht: Es wertete zum ersten Mal aus, wie häufig die Hausärzte wegen Depressionen konsultiert werden. Zu diesem Zweck meldeten 195 Ärzte, die insgesamt 194 000 Patienten betreuen, ihre Konsultationen im Rahmen der sogenannten Sentinella-Statistik.

Dabei zeigten sich riesige Unterschiede zwischen den Regionen: Während im Erhebungsjahr 2008 in Graubünden und im Tessin auf 1000 Konsultationen 2,5 Depressionsmeldungen kamen, waren es in der Westschweiz fast zehnmal mehr – nämlich 21,1. Damit liegt die Romandie mit Abstand an der Spitze aller Regionen (siehe Grafik). Im gesamtschweizerischen Schnitt zählte das BAG 11 Depressionsmeldungen pro 1000 Konsultationen.

Das Leben nicht im Griff

Heisst dies nun, dass die Westschweizer deutlich unglücklicher sind als die Deutschschweizer? Oder erkennen die dortigen Ärzte einfach schneller eine Depression? Beides sei möglich, sagt Regula Ricka vom BAG.

Es spricht allerdings einiges dafür, dass sich die Romands tatsächlich schlechter fühlen als die übrigen Schweizer. Darauf deutet zum Beispiel eine Studie des Bundesamts für Statistik aus dem Jahr 2004 hin. Damals wurde nicht die Ärzteschaft, sondern die Bevölkerung selbst gefragt. Mit dem Resultat, dass die Westschweizer im Allgemeinen und die Genfer im Speziellen besonders oft bekundeten, ihr Leben nicht im Griff zu haben. Stattdessen gaben sie an, sich einsam und depressiv zu fühlen. Am glücklichsten schätzten sich damals die Deutschschweizer auf dem Land – insbesondere die Zugerinnen und Zuger.

Häufung bei 15- bis 34-Jährigen

Ein ähnliches Bild zeichnete die Schweizerische Gesundheitsbefragung 2007. Sie erhob unter anderem, wer in den letzten sieben Tagen ein Medikament eingenommen hatte. In der Romandie waren es 52 Prozent der Befragten, in der Deutschschweiz 45 Prozent. Noch grösser fiel die Differenz zwischen den Männern (41 Prozent) und den Frauen (51 Prozent) aus.

Dazu passt die zweite Erkenntnis der gestern publizierten Depressionsstudie: Über zwei Drittel der Menschen, die erstmals wegen Depressionen einen Arzt aufsuchen, sind Frauen. Das BAG erklärt sich dies damit, dass Depressionen unter Männern stärker stigmatisiert werden als unter Frauen. Statt niedergeschlagen zum Arzt zu gehen, könnten Männer eher aggressiv reagieren, so Ricka.

345'000 Depressionskonsultationen

Rechnet man die Studienergebnisse auf die Gesamtbevölkerung hoch, so kam es 2008 schweizweit zu 345'000 Depressionskonsultationen. Im Vergleich zu Deutschland ist das wenig. Dort wurde durchschnittlich fast zehnmal häufiger eine Depression diagnostiziert.

Aber auch in der Schweiz taucht die Krankheit häufiger auf. «Ein Grund dürfte die wachsende Akzeptanz sein, bei psychischen Beschwerden professionelle Hilfe aufzusuchen», glaubt das BAG. Am häufigsten sind Diagnosen wegen Depressionen bei jungen Erwachsenen sowie im Alter zwischen 45 und 55 Jahren. Danach nehmen sie ab, steigen bei den über 75-Jährigen aber wieder an (siehe Grafik).

Ausländer halten sich zurück

Die Ausländerinnen und Ausländer suchen den Arzt unterdurchschnittlich häufig wegen Depressionen auf: Ihr Anteil an den Erstkonsultationen beträgt 17,8 Prozent und liegt damit unter ihrem Anteil an der Schweizer Bevölkerung von 21,7 Prozent. «Dieses Ergebnis», schreibt das BAG, «ist insoweit überraschend, als Depressionen zum Beispiel bei Flüchtlingen oder bei Integrationsschwierigkeiten ein bekanntes Problem sind.» Möglicherweise scheuen sich die Ausländer aber, den Arzt aufzusuchen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.11.2010, 12:40 Uhr

Depressionen zählen zu den schlimmsten affektiven Störungen.

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