Schweiz

«Russland bietet enorme Chancen»

Von Beni Gafner. Aktualisiert am 28.07.2014 55 Kommentare

Berater und Unternehmer Klaus J. Stoehlker versteht die Kritik an Ständerat Lombardi nicht. Für ihn ist klar: Der jetzige Ukraine-Konflikt wurde von der EU ausgelöst.

«Macht das sehr Vernünftige»: Der Tessiner Ständerat Filippo Lombardi (rechts)umarmt Russlands Präsident Wladimir Wladimirowitsch Putin.

«Macht das sehr Vernünftige»: Der Tessiner Ständerat Filippo Lombardi (rechts)umarmt Russlands Präsident Wladimir Wladimirowitsch Putin.
Bild: House of Switzerland

Klaus Stoehlker, Berater und Unternehmer. (Bild: Keystone )

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Klaus Stoehlker, wie beurteilen Sie das offizielle Verhältnis zwischen der Schweizer Politik und Russland?
Die Schweiz hat mit Russland sehr gute Beziehungen, die sich in den letzten zehn Jahren ­intensiviert haben. Sie wurden laufend besser. Entsprechend hat die Schweiz keinerlei Veranlassung, das Verhältnis zu Russland zu verschlechtern.

Welches ist Ihr persönliches Verhältnis zu Russland?
Dieses ist ausserordentlich intensiv. Ich musste mich seit der Zeit des frühen Kalten Krieges mit Russland ­beschäftigen, gleich wie mit der europäischen Geschichte allgemein. Ich habe mich auch mit den Ambitionen Charles de Gaulles auseinandergesetzt, dem ein Europa vom Atlantik bis zum Ural vorschwebte. Und, das muss ich auch sagen, die Stoehlker AG hat seit sechs bis acht Jahren immer wieder Mandate von grossen russischen Konzernen.

Was bringen Sanktionen der EU gegen Russland?
Der Versuch der EU-Behörden, die Ukraine im Blitzangriff zu integrieren, ist weitgehend gescheitert. Die Finanzierung der Westukraine, die, jetzt ohne Regierung, sich dem Westen zuwenden soll, ist völlig offen. Das Land ist aus eigener Kraft nicht überlebensfähig. Das wird ein Loch ohne Boden. Die neuen Auflagen gegen Russland sind weiterhin schwächlich, denn dieser Markt ist wirklich wichtig für die wichtigsten EU-Staaten. Es handelt sich also um einen Bluff, um Zeit zu gewinnen. Putin, der es auch nicht einfach hat, balanciert recht geschickt zwischen Asien/China und Europa. Er baut jetzt seinen eigenen Eurasischen Gerichtshof auf, das Pendant zum EuGH.

Soll die Schweiz die Sanktionen der EU ebenfalls beschliessen?
Die grosse Frage wird sein, ob die Schweiz derart unter Druck kommt, dass sie sich Sanktionen anschliessen muss. Ich hoffe, das ist nicht der Fall. Der Schweizer Export war nicht so gut in den letzten vier Jahren wie offiziell dargestellt. Er war vor allem bei einigen grossen Chemie- und Pharmafirmen gut, im Maschinenbau gilt dies weniger. Russland bietet enorme Chancen für unseren Export. Ich plädiere für einen vernünftigen, gegenseitigen Ausgleich, wie er bei uns im Land üblich war.

Ständerat Lombardi steht in der Kritik aufgrund seiner Russlandnähe. Können Sie diese nachvollziehen?
Nein, die kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Ständerat Lombardi, ein Tessiner – das muss man betonen –, macht das sehr Vernünftige. Das Tessin hat in den letzten Jahren stark von den Russen profitiert. Es haben sich über 500 Familien im Tessin angesiedelt, die Häuser und Wohnungen gekauft haben und die recht viel Geld ausgeben dort. Einige von ihnen haben auch Betriebe gegründet. Das Tessin profitiert also stark von den guten Beziehungen zu Russland. Deswegen versteh ich Ständerat Lombardi sehr gut, dass er jetzt Russisch lernt.

Welche Schweizer sind es eigentlich, die Beziehungen zu Russland pflegen?
Einerseits handelt es sich um Vertreter der Exportbranche. Unternehmer Peter Spuhler ist einer von ihnen. Spuhler hat von Berlin aus massiv in Russland investiert und er will dies weiter tun. Immer wieder handelt es sich auch um kulturelle Beziehungen. Es gibt im Kulturbereich feine Netze zwischen Russland und den Regionen Basel, Zürich, Tessin sowie, natürlich, der Westschweiz. Es handelt sich meistens um kleinere, elitäre Kreise, die zahlenmässig tendenziell zunehmen. Auf der politischen Ebene schliesslich sind die Beziehungen meines Erachtens besser geworden. Die grosse Frage ist hier, welche Aussenpolitik das Team Rossier/Burkhalter macht. Ich nenne diesen Doppelnamen bewusst. Hier bin ich noch skeptisch, dass die etwas einseitige EU-Freundschaft, die vom EDA ausgeht, etwas stärker auch in Richtung Osten geht.

Soll die Schweiz aufgrund ihrer Wirtschaftsinteressen die Machtpolitik Putins kritiklos hinnehmen?
Der jetzige Ukraine-Konflikt wurde eindeutig von der EU ausgelöst. Die EU hat offensichtlich in einer Form des Grössenwahns beschlossen, die Ukraine still zu vereinnahmen. Dass dann Widerstand entstehen muss, gehört zur Ukraine historisch dazu. Die Ukraine war immer im hohen Masse russisch geprägt. Für mich war die Ukraine immer russisches Land. Dass sich der Westen und die EU in diesem Masse eingemischt haben, war sicher ungeschickt. Darüber wird viel zu wenig geschrieben.

Weshalb ist in der Wahrnehmung vieler eigentlich jeder, der Beziehungen zu Russen hat, entweder korrupt oder zumindest verdächtig?
Zu Russland haben viele seit Tolstoi und Maria Schell ein sehr schwieriges Verhältnis. Der alte russische Adel, der nach 1917/1918 in den Westen geflüchtet ist, hatte das Bild des dekadenten Russlands sehr lange geprägt. Ich selber hab noch Russen erlebt, die diesen alten Stil, auch der Sowjetunion, verkörperten – diese kleinen, untersetzten Männer mit kräftigen Figuren und starken Armen. Da musste man tatsächlich Wodka trinken, und zwar nach jeder Sitzung, obwohl ich nicht unbedingt ein Wodka-Fan bin. Aber das hat sich längst gelegt. Heute sind die russischen Führungskräfte genauso elegant und genauso gut ausgebildet wie die im Westen. Man ist manchmal erstaunt, welch eleganten Geschäftsleute man aus Russland trifft.

Welche Möglichkeiten hat ein Schweizer Geschäftsmann ohne Beziehungen zum Kreml?
Es ist sicher so, dass Russland aufgrund seiner Grösse mehr zentral gelenkt wird, als dies in Deutschland oder der Schweiz der Fall ist. Wer, in dem Sinne, akkreditiert ist im Kreml, hat natürlich besseren Zugang, als wenn man irgendwo versucht, mit ­irgendjemand einen Deal zu machen. Das enge Zusammenspiel zwischen der Kreml-Führung und den grossen Konzernen ist schon sehr wichtig.

ln welche Richtung sollte sich die west­liche Russlandpolitik bewegen?
Erstens sollten sich Westeuropa und die EU nicht übernehmen mit der Ukraine. Die EU hat ja jetzt einfach zuerst einmal 20 Milliarden Euro eingeschossen, damit die Ukraine, die sich in Kiew westlich nennt, überhaupt am Leben bleibt. Jeder weiss: Sollte die EU tatsächlich die Verantwortung für die Ukraine übernehmen, würde dies zu einem Fall, der Hunderte von Milliarden kosten wird. Zweitens sollte die Schweiz tun, was wir in allen Sonntagsreden zu hören bekommen. Wir sollten unabhängig bleiben. Wir sollten uns nicht nur von den USA allein abhängig machen, sondern uns öffnen, in die neuen Märkte hinein. Die Bric-Staaten, eine Vereinigung von aufstrebenden Volkswirtschaften, in der Russland eine wichtige Rolle spielt, sind für die Schweizer Wirtschaft eine grosse Chance. Sie bieten uns Wachstum. Es gibt seit 200 Jahren exzellente Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland. Diese sollten wir auch verlängern.

Und feiern?
Warum nicht? Mit den Russen lässt sich gut feiern. (Basler Zeitung)

Erstellt: 28.07.2014, 16:18 Uhr

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55 Kommentare

Rudolf Beuggert

28.07.2014, 16:41 Uhr
Melden 423 Empfehlung 68

Vielen Dank für dieses ehrliche Interview. Ich glaube, Herr Stoehlker sagt, was viele Schweizer denken. Ich hoffe doch sehr, dass unser Aussenministerium nicht auf Druck der EU die Beziehungen zu Russland riskiert. Solche Anstiftungen traue ich nämlich der EU noch zu, nach dem Motto: meine Feinde haben auch deine Feinde zu sein. Spätestens dann sollten wir uns eine Einmischung der EU verbitten. Antworten


Chr. Beck

28.07.2014, 16:42 Uhr
Melden 409 Empfehlung 69

Ich mag Stoehlker eigentlich nicht,(er gehört zu jenen, welche fast nur Ausländer für die Wirtschaft holen), und Lombardi mag ich schon gar nicht. Dass Stoehlker als Deutscher jedoch dazu steht, dass die EU den Ukraine-Konflikt ausgelöst habe, das finde ich stark. Dazu braucht es Mut, der allen Sieben sowie den Parlamentariern in Bern fehlt! Antworten