Schweiz
SP-Nationalrätin Hildegard Fässler holt auf
Bildstrecke
Artikel zum Thema
Wenn die SP heute ihre beiden Kandidatinnen für die Bundesratswahlen nominiert, muss sie mit in Betracht ziehen, dass Aussenseiterin Hildegard Fässler im bürgerlichen Lager deutlich Aufwind bekommt. Möglich ist, dass das SPZweierticket nicht wie seit Wochen vermutet aus den Favoritinnen Simonetta Sommaruga und Jacqueline Fehr bestehen wird. Und selbst wenn die SP auf die Bernerin und die Winterthurerin setzten sollte, hätte Fässler immer noch intakte Chancen, Bundesrätin zu werden.
Es fällt nämlich auf, das sich viele Stimmen aus dem bürgerlichen Lager sehr positiv über die 59-jährige St. Gallerin äussern, die früher die Wirtschaftskommission des Nationalrats präsidiert hat. Aufhorchen lässt insbesondere, dass wirtschaftsnahe Kräfte aus FDP und CVP exakt die gleichen Adjektive verwenden, um Fässlers Vorzüge zu beschreiben: «linientreu», «ehrlich» und «etwas burschikos». Wähle man Fässler, wisse man, woran man sei.
Kollegial, aber hemdsärmelig
Die gemeinsame Sprachwahl könnte darauf hindeuten, dass sich Wirtschaftspolitiker über die Parteigrenzen hinaus abgesprochen und Fässler zur Favoritin erkoren haben: nicht etwa, weil sie darauf hoffen, dass die gewerkschaftsnahe Linke bürgerliche Anliegen vertreten wird. Im Gegenteil: Im Vergleich zu Sommaruga, die sich als Mitte-Politikerin gibt, hätte man in Fässler eine Gegnerin mit klaren Konturen. Eine, die sich zum linken Feindbild stempeln lässt. Überdies gilt Fässler als aufbrausend und gelegentlich als ruppig: «Wir dürften also damit rechnen, dass sie hie und da zum Schaden der SP in ein Fettnäpfchen tritt», sagt schmunzelnd einer aus dem Rechtsfreisinn.
Trotz dieser – aus taktischen Gründen willkommenen – Gefahr des gelegentlichen Ausrutschens, halten die Bürgerlichen Fässler für kompetent. Auch wenn man sie aus strategischen Überlegungen wähle, bestehe nicht die Gefahr, dass sie dem Amt nicht gewachsen sei: «Fässler wäre eine gute Bundesrätin», sagt ein CVP-Nationalrat. «Und trotz ihres hemdsärmeligen Stils ist sie kollegial.» Eine Einzelkämpferin, die ihre Kollegen diskreditieren würde, sei sie nicht.
Auch Fehr hat gute Chancen
Eine wichtige Rolle spielt auch, wen die anderen Parteien beim zweiten Wahlgang um den Sitz der FDP favorisieren: Die Wirtschaftskreise drängen auf den Berner Unternehmer Johann Schneider-Ammann. Um seiner Wahl alle möglichen Steine aus dem Weg zu räumen, dürften sich etliche Bürgerliche gegen die Bernerin Sommaruga entscheiden.
Unter diesen Voraussetzungen hat die Winterthurerin Fehr ebenfalls gute Chancen – obwohl auch sie weniger links als Fässler steht. Unklar ist, ob Fehr die Herkunft aus dem Kanton Zürich zum Problem werden könnte. Einige Bürgerliche meinen, Zürich habe seit 2004 eine Doppelvertretung und sei übervertreten. Andere erklären: «Als Winterthurerin ist Fehr eine halbe Ostschweizerin.» Die Ostschweizer Parlamentarier werden dies allerdings anders sehen.
SVP will zwei Frauen
Ins Gewicht fallen wird auch das Verhalten der SVP – der grössten Kraft im Parlament. Die Partei wird zwar bei beiden Vakanzen versuchen, mit ihrem Kandidaten Jean-François Rime einen Sitz zu erobern. Ihre Chancen sind aber minim. Fällt Rime jeweils vor dem letzten Wahlgang raus, dürfte die SVP bei der Unterstützung eines anderen Kandidaten bereits auf die Gesamterneuerungswahlen 2011 schielen.
Die besten Chancen, einen zweiten Sitz zu erobern, hat sie dann, wenn bald fünf Frauen im Bundesrat sitzen und die SVP künftig heftigen Druck auf eine Abwahl von Eveline Widmer-Schlumpf machen kann. Einige SVP-Stimmen drängen daher darauf, dass die Partei auf keinen Fall Fässler unterstützt. Eine Wahl der St. Gallerin Fässler würde nämlich der St. Gallerin Karin Keller-Sutter im Weg stehen. Der Glarner Ständerat This Jenny indes meint: «Keller-Sutter hat so oder so kaum Chancen.» Fässler müsse nicht fürchten, gar keine Stimmen der SVP zu erhalten. «Fässler ist bei uns nicht chancenlos», so Jenny. Die Grünen werden aller Voraussicht nach Stimmfreigabe beschliessen.
Auch ohne Ticket wählbar
Noch ist nichts entschieden. Noch haben die Hearings bei den anderen Parteien nicht stattgefunden. Selbst die heutige Nomination muss für jene, die nicht aufs Ticket kommen, nicht das Ende bedeuten. Zwar haben alle SP-Kandidatinnen erklärt, «eine Wahl ausserhalb des Wahlvorschlages der SP nicht anzunehmen». Ein Hintertürchen hat sich die Partei allerdings offen gelassen: Eine solche Wahl dürfe nur «nicht gegen den Willen der Fraktion» angenommen werden, steht im Communiqué. Denkbar ist also, dass die SP im Nachhinein trotzdem die Wahl einer nicht nominierten Kandidatin akzeptieren wird. Grundsätzliche Fragen wie das Geschlecht oder die politische Ausrichtung stellen dieses Mal kein Hindernis dar. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.09.2010, 10:30 Uhr
Schweiz
Umfrage
Erst Metropolitanregion dann Kantonslobbyist – und nun eine parlamentarische Gruppe: Die Region Basel will in Bern besser gehört werden. Braucht es diese neue Organisation?



