Schweiz

Schlussspurt in den Bergen

Von René Lenzin. Aktualisiert am 15.08.2012 48 Kommentare

In vielen Tourismusgemeinden hat die Anzahl Baugesuche im zweiten Quartal massiv zugenommen. Die Behörden setzen alles daran, so viele Zweitwohnungen wie möglich zu bewilligen. Das hat seine Gründe.

Baugesuche in ausgewählten touristischen Gemeinden.<br>
Bild: TA-Grafik str / Quelle: Baublatt, Credit Suisse Economic Research

Baugesuche in ausgewählten touristischen Gemeinden.
Bild: TA-Grafik str / Quelle: Baublatt, Credit Suisse Economic Research

Bauen, bevor es zu spät ist: Bau von Eigentumswohnungen in Flims.
(Bild: Keystone )

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Heute verabschiedet der Bundesrat die Verordnung zur Zweitwohnungsinitiative. Dabei muss er auch entscheiden, ab wann der Baustopp in Gemeinden mit einem Zweitwohnungsanteil von über 20 Prozent gilt. Zur Debatte stehen der 1. September 2012 und der 1. Januar 2013. Die Aussicht auf eine schnelle Umsetzung der Initiative hat in vielen Tourismusorten zu einer deutlichen Zunahme von Baugesuchen geführt

Baugesuche für 17 Wohnungen pro Quartal hat die Berner Gemeinde Saanen, zu welcher der Ferienort Gstaad gehört, zwischen 1994 und 2011 durchschnittlich verzeichnet. Im laufenden Jahr haben sich die Anträge vervielfacht. Gesuche für 98 Wohnungen nahmen die Behörden im ersten Quartal entgegen, für 51 Wohnungen im zweiten. Der Grund für diese erhebliche Zunahme liegt auf der Hand: die Zweitwohnungsinitiative, der Volk und Stände am 11. März zugestimmt haben. In Gemeinden, deren Zweitwohnungsanteil über 20 Prozent liegt, lässt sie neue Zweitresidenzen nur noch zu, wenn diese vor Inkrafttreten bewilligt sind. Mit Annahme der Initiative, schreibt die Gemeinde Saanen auf ihrer Website, «ist die Zahl der eingereichten Gesuche stark angestiegen».

Dieser Baugesuchsboom beschränkt sich nicht auf den Nobelort im Berner Oberland. Laut dem jüngsten Bauindex Schweiz der Credit Suisse und des Baumeisterverbands stapeln sich «als Reaktion auf den baldigen Baustopp Baugesuche für Zweitwohnungen» im ganzen Alpenraum. Allein in Graubünden seien im Mai und Juni jeweils Gesuche für mehr als 450 Wohnungen eingegangen, was dem Dreifachen des langjährigen Monatsmittels entspricht. Ähnlich verhalte es sich im Wallis.

Effekt der Initiative war absehbar

Besonders krass ist die Abweichung vom langjährigen Durchschnitt in den Bündner Orten Flims und Laax. In beiden Gemeinden lässt sich die Zunahme zum Teil mit grösseren Überbauungen erklären, die nicht oder nur teilweise Zweitwohnungen umfassen. Trotzdem ist der Effekt der Initiative spürbar. Weniger in Flims, wo es laut Bauamtschef Marco Maranta nur wenige Baugesuche gegeben hat, die direkt auf die Initiative zurückzuführen sind. Hingegen schätzt der Laaxer Gemeindepräsident Toni Camathias die Anzahl zusätzlicher Baugesuche, die aufgrund der Volksabstimmung eingereicht worden seien, auf rund hundert. Teilweise handle es sich um vorgezogene Projekte, teilweise aber auch um neue. «Dieser Effekt der Initiative ist absehbar gewesen», sagt Camathias.

Tatsächlich war sofort nach dem überraschenden Ja des Volks über eine Gesuchszunahme spekuliert worden. Jetzt zeigen die Zahlen, dass ein solcher Boom stattgefunden hat wenn auch längst nicht in allen Tourismusregionen. In bekannten Ferienorten wie Zermatt, Engelberg, Saas-Fee oder Davos liegt die Zahl der aktuellen Baugesuche nur leicht über oder gar unter dem langjährigen Mittel. In andern Gemeinden hat der Boom bereits in den ersten drei Monaten des Jahres eingesetzt. Im Unterwalliser Dorf Randogne, das zur Destination Crans-Montana gehört, haben sich die Gesuche im ersten Quartal mehr als verzehnfacht, sind aber im zweiten auf einen unterdurchschnittlichen Wert gesunken.

Klare Anweisungen an Bauherren

«Allenfalls wurden diese Gesuche gar vor der Abstimmung eingereicht, um ein mögliches Ja zu antizipieren», vermutet Thomas Rieder, der sich in der Abteilung Economic Research der Credit Suisse um Immobilienfragen kümmert. Ein Gesuch sei jedoch nicht automatisch mit einer Baubewilligung gleichzusetzen, gibt Rieder zu bedenken. Die Bearbeitung brauche eine gewisse Zeit, zudem gebe es Einsprachefristen von 20 bis 30 Tagen.

Dieses Problems sind sich die Gemeinden bewusst. Jedenfalls erteilt Saanen potenziellen Bauherren klare Anweisungen. Die Behörden würden «alles unternehmen, möglichst viele Gesuche zu bewilligen», heisst es in einer Mitteilung vom 10. August, die auf der Website nachzulesen ist. Im Gegenzug müssten Architekten und Bauherren aber auch «einwandfreie und vollständige» Unterlagen einreichen. Zu den Fristen heisst es: Sollte der Bundesrat die Verordnung zur Zweitwohnungsinitiative bereits per 1. September in Kraft setzen, seien neue Baugesuche «nicht mehr zielführend». Lege der Bundesrat hingegen den 1. Januar 2013 als Stichtag fest, bestehe «weiterhin die Möglichkeit, eine Bewilligung zu erhalten».

Laax schiebt Überstunden

Möglichst viele Gesuche erledigen will auch Laax. «Wir werden alles daran setzen, die Bewilligungen zu erteilen», sagt Gemeindepräsident Toni Camathias, nötigenfalls auch mit Überstunden im Bauamt. Bei einer 20-tägigen Einsprachefrist hofft er, alle Anträge noch durchzubringen, die bis zum 3. August eingegangen sind. Sollte der Bundesrat die Verordnung wider Erwarten erst per Anfang 2013 in Kraft setzen, wären gar noch weitere Gesuche möglich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.08.2012, 06:54 Uhr

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48 Kommentare

Daniel Frick

15.08.2012, 09:49 Uhr
Melden 109 Empfehlung 0

Da kann man doch nur den Kopf schütteln. Anstatt das man alternative Einnahmequellen oder Jobs schafft (für all die meist Ausländischen Bauarbeiter), investiert man lieber Geld und Zeit in Bauerlaubnisse auf Vorrat. Das war es sicher nicht was das Volk wollte aber unsere Abstimmungen die wir da sporadisch abhalten sind in den letzten Jahren doch eh zur Farce geworden. Antworten


Rolf Iseli

15.08.2012, 10:34 Uhr
Melden 72 Empfehlung 0

Das Volk will den 1. September 2012 und keine Verschleppung damit die Abstimmung zur Farce wird. Antworten



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