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Schnellzug, ohne Halt in Erstfeld
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Bei Erstfeld schon im Loch: Das Nordportal
des Basistunnels ist vor dem Dorf. Grafik: BaZ/reh
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Wie an einer Perlenkette sind sie entlang der Gotthardstrasse in Erstfeld aufgereiht: Die Restaurants. Kein Zufall, wie Paul Jans, Inhaber des Hotels und Restaurants Frohsinn und Gemeindepräsident von 1997 bis 2008, erklärt: «Noch zu Zeiten der Dampfzüge hatte jedes unserer Restaurants seine spezifische Kundschaft.» Im Restaurant Bahnhof, wie der «Hirschen» damals hiess, seien beispielsweise die Stationsangestellten gesessen, im «Fisch» – damals «Alpenrösli» – und «Frohsinn» das Rangierpersonal, im «Ticino» – damals «Milanese» – die Bremser, im «Schwyzerstübli» – damals «Alte Post» – die Depotangestellten und im «Gotthard» die Kohlenlader.
Bremser und Kohlenlader? Das war noch zu Zeiten der Dampfzüge. Das waren die Tage, als auf jedem Güterwagen ein Bremser stand, denn es gab noch kein System mit Druckluft, das den ganzen Zug verband. Und neben den Lokführern brauchte es auch immer Heizer, die tüchtig Kohle schaufelten. Der Gotthardtunnel wurde 1882 eröffnet. Rund zehn Jahre davor hatten die Bauarbeiten an der Strecke begonnen. Erstfeld war bis zu jenem Zeitpunkt ein unscheinbares Dörflein westlich der Reuss. Östlich des Flusses im schmalen Talgrund rangen die Ingenieure dem sumpfigen Boden das Areal ab, auf dem das Gleisfeld errichtet wurde. Der steile Hang dahinter wurde in den kommenden Jahrzehnten aufgeforstet, als Massnahme gegen Erdrutsche, Lawinen, Steinschläge. Wieso fiel die Wahl auf Erstfeld? Weil südlich davon die Steigung hinauf nach Göschenen beginnt. 26 Promille misst die Rampe gleich am Anfang, die zweitsteilste Passage am Gotthard überhaupt. In Erstfeld wurden für die Bergstrecke zusätzliche Lokomotiven vorgespannt, die Züge neu rangiert. Hier war viel Betrieb, hier errichtete man auch ein grosses Depot für die Loks.
Retortendorf Erstfeld
«Heute würde man von einem Retortendorf sprechen», sagt Paul Jans. «Die Eisenbahn sorgte für einen enormen Zuwachs von Eisenbahnpersonal. Die Männer wurden wegen ihrer Arbeit hierherverpflanzt. Und sie kamen aus fast allen Landesteilen.» Darunter waren auch Protestanten, die sich im katholischen Urnerland einleben mussten. Ein Pfarrer aus dem Bernbiet, später einer aus Zürich kamen quasi auf Stör vorbei.
«Das Dorf erlebte einen Aufschwung», sagt der ehemalige Gemeindepräsident. «Wir waren die erste Gemeinde im Kanton Uri mit Hausnummerierung, wir hatten fast vor allen anderen Wasserversorgung, schon früh eine Turnhalle, mehrere Schulhäuser, eine protestantische Kirche.» Für die Zugezogenen gründete man Eisenbahnergenossenschaften. Wohnsiedlungen, die bis heute Bestand haben. 1880 zählte man in Erstfeld rund 1200 Einwohnerinnen und Einwohner, 1910 waren es 3139, 1970 4516. Anfang der 1980er-Jahre, als der Autobahntunnel gebaut wurde, waren es schliesslich rund 4800. Es war der Höhepunkt einer kontinuierlichen Entwicklung.
Jeder Einschnitt ein Rückschritt
Danach ging es bergab. Ein erster Einschnitt erfolgte 1992, als viele Rangiererjobs abgebaut wurden. Die SBB hatten beschlossen, die Güterzüge fortan nicht mehr in Erstfeld, am Fuss der Gotthardnordrampe, neu zusammenzustellen. Zwar werden bis heute im Bahnhof je nach Bedarf zusätzliche Loks an die Züge gehängt, aber mächtig viel Betrieb wie zu den besten Zeiten gibts nicht mehr. Seit der Liberalisierung im Bahnverkehr machen in Erstfeld wenigstens Angestellte weiterer Bahnunternehmen Station, die hier Lokwechsel vornehmen. Ein sichtbares Zeichen dafür sind die Maschinen von BLS oder DB, die auf Stumpengeleisen im Bahnhof stehen. Lokomotiven von TXL, Rail4chem und Crossrail tauchen regelmässig auf.
Mit der Elektrifizierung der Strecke ab Dezember 1920 waren Heizer und Kohleschaufler unnötig geworden, mit den modernen Bremssystemen hatte man auf die Bremser auf den Wagen verzichten können – aber diese Veränderungen wurden durch ständig mehr Betrieb aufgefangen. In den letzten Jahren war jeder Einschnitt nur noch ein Rückschritt.
Interventionszentrum der SBB
Mit der Eröffnung des Gotthardbasistunnels wird das nicht ändern. «Was die SBB genau vorhaben, wissen wir nicht», sagt Werner Zgraggen, Gemeindepräsident seit 1. Januar 2009 und Nachfolger von Jans. «Wirklich konkret informiert wurden wir noch nicht.» Worauf es im Moment offenbar hinausläuft: Im Bahnhof von Erstfeld soll das sogenannte Interventionszentrum angesiedelt sein. Dessen Aufgabe ist es, Sicherheit und Unterhalt des Basistunnels zu garantieren. «Aber wir haben bis jetzt keinen richtigen Plan von den SBB zu sehen bekommen und wissen nicht genau, was sie vorhaben», sagt Zgraggen etwas enttäuscht. Die Gemeinde habe sich dafür interessiert, einen Teil des 85 Hektar grossen Bahnareals zu übernehmen, sobald mit dem Basistunnel die Aktivitäten im Bahnhof von Erstfeld weiter zurückgefahren werden. «Dafür wollen die SBB aber nicht Hand reichen», so Zgraggen.
Unter dem Strich laufe es auf einen weiteren Personalabbau hinaus, sind Jans und Zgraggen überzeugt. «Für das Interventionszentrum sind 60 bis 80 Stellen vorgesehen. Andererseits rechnen wir mit einem Stellenabbau bei den Lokführern.»
Alte Strecke als Ausweichroute
Auf Boden der Gemeinde Erstfeld wird es ab 2017 in den Tunnel gehen, der ins Tessin und weiter nach Italien führt. Halten werden die Züge in Erstfeld jedoch nicht. «Vielleicht gar nirgends im Kanton Uri, auch das ist noch unklar», sagt Zgraggen. Immerhin geht derzeit niemand davon aus, dass die alte Gotthardstrecke vollkommen stillgelegt wird, weder die SBB noch die Gemeinde Erstfeld. «Güterzüge mit Gefahrengut zum Beispiel wird man wohl weiterhin obendrüber fahren lassen», mutmasst Jans. Und bei den SBB heisst es, die alte Strecke sei als Ausweichroute vorgesehen. Möglicherweise werde aber nur ein Geleise erhalten, da der Unterhalt für die Strecke, wie sie heute in Betrieb ist, die SBB viel Geld koste. «Wir müssen in den Veränderungen das Positive sehen», sagt Werner Zgraggen. «Aufhalten können wir das Ganze ohnehin nicht.»
Nur acht Prozent der Fläche von Erstfeld sind für die Landwirtschaft nutzbar. 35 Bauernbetriebe gibt es noch. Viel Gemeindegebiet ist steil, felsig oder Gletschereis. Unten in der Talsohle ist man nur gerade 470 Meter über Meer. Im Jahresdurchschnitt ist es dort so warm wie in Locarno.
Bahnsexuelle Besucher
Paul Jans hat in seinem Hotel regelmässig Besucher – vor allem aus englischsprachigen Ländern –, die wegen der Eisenbahn kommen. «Bahnsexuelle» ist einer der gängigen Spitznamen für diese enthusiastischen Bahnfreunde. Sie fotografieren Loks und Rollmaterial, knipsen wild, brauchen riesige Datenmengen für bewegte Bilder. SBB Historic, die Stiftung Historisches Erbe der SBB, hat mehrere alte Loks im Depot Erstfeld eingestellt. «Eine Idee wäre, die Gotthardstrecke zwischen Göschenen und Flüelen auch für Schmalspurbahnen nutzbar zu machen», träumt Paul Jans laut vor sich hin. «Dann könnten historische Lokomotiven vom Vierwaldstättersee bis hinauf zu Samih Sawiris Ressort in Andermatt fahren.»
Eine Idee, nur eine Idee. Aber gut möglich, dass Erstfeld in Zukunft auf Ideen und deren geschickte Umsetzung angewiesen sein wird, will es den Absturz in die Bedeutunglosigkeit verhindern. (Basler Zeitung)
Erstellt: 02.09.2010, 13:30 Uhr
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