Schweiz

Schön hat er darüber geredet

Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 10.07.2010 5 Kommentare

Originell und gebildet, aber reizbar und verstockt: Moritz Leuenberger polarisierte, wenn er politisierte.

Am Anfang ist bei ihm immer das Wort: Moritz Leuenberger an einer Veranstaltung zu seinem Buch

Am Anfang ist bei ihm immer das Wort: Moritz Leuenberger an einer Veranstaltung zu seinem Buch "Lüge, List und Leidenschaft" im Dezember 2007.
Bild: Keystone

So wie er als Bundesrat oft auftrat, ist Moritz Leuenberger gestern abgetreten: im Tonfall ironisch, wenn auch mit einem leicht gereizten Unterton, tendenziell schnippisch bei Fragen, die ihm nicht passen, dann aber auch mit lakonischem Witz.

Seine heitere, rhetorisch brillante Seite lebt Moritz Leuenberger am liebsten in der Öffentlichkeit aus, wobei ihm sein Gespür für symbolische Gesten entgegenkommt. Den missmutigen Magistraten mit der hohen, leicht quengelnden Stimme kann man in Interviews und Pressekonferenzen und auch im Parlament erleben, wobei sich seine Stimmung meistens aufhellt, wenn ihn das Thema interessiert. Dann kann er zu hoher Form auflaufen.

Gefällt ihm etwas nicht, bleibt er mürrisch, ein Introvertierter mit vergittertem Gesicht. Moritz Leuenberger wollte Schauspieler werden – und ist es auch geworden: ein Schauspieler seiner selbst, der seine Ansichten vor der Kulisse wechselnder Themen deklamiert.

Aerodynamisches Hochgleiten

Ein Mann der Kontraste also, der seine Widersprüche provokativ auslebt. Da ist der hochgebildete Ästhet, der doch seit bald 15 Jahren das schwere und schwergewichtige Infrastrukturdepartement anführt. Der schmale Protestant, der mit Leidenschaft kocht. Der geschmeidige 68er, der den Gang durch die Institutionen abschritt und sich vom linken Anwalt zum Deregulierer und Outsourcer, vom Präsidenten des Mieterverbandes zum Gegner von Steuerabzügen beim Mietzins abschliff. Er ist auch der Verkehrsminister, der nicht Auto fährt. Und der Medienminister, der sehr empfindlich auf mediale Kritik reagiert.

Dennoch stieg er aerodynamisch hoch, vom Präsidenten der Zürcher SP zum Nationalrat, dann zum Zürcher Justizminister und schliesslich zum Leiter der Parlamentarischen Untersuchungskommission in der Fichenaffäre. Diesem souverän ausgeführten Auftrag hatte es Leuenberger zu verdanken, dass das Parlament ihn am 27. September 1995 in den Bundesrat wählte. Allerdings wollte ihn damals eine klare Mehrheit der SP-Fraktion nicht, Leuenberger war vielen zu glatt; und bis heute bleibt sein Verhältnis zur Partei ziemlich kühl. Der SP hat nicht gefallen, wie deutlich und zunehmend ihr Bundesrat zu verstehen gab, dass Arbeit und Lust für ihn keine Synonyme seien. Und dass er seiner Partei trotzdem so lange im Wege sass.

Spöttische Distanz zur Macht

Entlang seinen Neigungen und Mutationen verlief auch Leuenbergers Bundesratskarriere. Bei seiner Wahl war er weiträumig als Hoffnungsträger gefeiert worden, ein weltläufiger Städter, der kompetent über Opern, Design, Literatur, Film, Theater und Lebensstile reden konnte. Der es sich erlaubte, spöttische Distanz zur Macht zu markieren, die er doch so konsequent gesucht hatte. Und der sein Publikum immer wieder mit überraschenden, aber engagierten Reden verzauberte. Manchmal schon bei der Anrede, als er etwa die Schwulen und Lesben von Zürich mit den Worten «Meine Damen und Damen, meine Herren und Herren» begrüsste. Ein guter Staatsmann, sagte er gerne, müsse ein Philosoph sein.

Doch in seinem Departement mit den zentnerschweren Dossiers Klima, Energie, Verkehr und Umwelt war das Philosophische weniger gefragt, und die Meinungen über ihn verfinsterten sich. Leuenberger verärgerte die Rechte, enttäuschte aber zunehmend auch die Linke. Den einen war er zu forsch, den anderen viel zu zaghaft. Dabei wurde nicht seine Kompetenz bezweifelt, sondern zunehmend sein Interesse und Engagement. Mehr als die sachpolitische Millimeterarbeit lag ihm die Rhetorik.

In seinem Grossdepartement konnte er sich auf Hans Werder verlassen, seinen brillanten Generalsekretär. Das gab ihm mehr Freiraum fürs Reden, vor allem als Bundespräsident. Moritz Leuenberger mag distanziert wirken, hochmütig ist er nicht. Es macht ihm nichts aus, auf der Treppe zu sitzen, wenn der Intercity voll ist. Man kann ihn in Zürich zwangslos beim Einkaufen sehen. Und wenn ein Kinosaal in Locarno voll ist, dreht der Bundesrat halt wieder ab.

Und dann ein langer Sinkflug

Er kann auch schlagfertig sein. Als Christoph Blocher nach seiner Nichtwahl von 1999 in den Nationalratssaal rief, man sähe sich bei Philippi, sagte Leuenberger knapp, Philippi sei ein Schlachtort gewesen, «und unsere Demokratie ist kein Schlachtfeld». Blocher und Leuenberger, die beiden Wahlzürcher Pfarrerssöhne, Kontrahenten seit 1968, konnten es nie gut miteinander.

In den letzten Jahren setzte der Hochfliegende zu einem langen Sinkflug an, er wurde von rechts und links immer häufiger zum Rücktritt gedrängt, wirkte oft lustlos oder sarkastisch. Erst mit der Bankenkrise flackerte sein Engagement im Bundesrat noch einmal auf. Sowieso dachten alle, er warte seine dritte Runde als Bundespräsident ab. Das hat er jetzt seiner Partei, seinen Gegnern und auch sich selber erspart. Weshalb man gestern neben den bekannten Sätzen und dem bekannten Tonfall und der bekannten Ironie einen Moritz Leuenberger erleben konnte, wie man ihn noch selten gesehen hat: erleichtert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.07.2010, 07:13 Uhr

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5 Kommentare

Edwin Köchelberger

10.07.2010, 10:21 Uhr
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ich frag mich immer wieder, woher eigentlich die legende von herrn leuenbergers rhetorischer brillianz kommt. dieses gestammel, das sekundenlange suchen nach dem richtigen wort (das dann meistens so richtig nicht ist), die schwerfälligkeit der sätze, das blumige: wo genau sollen da die vielbeschworenen rhetorischen qualitäten sicht- oder hörbar sein? Antworten


Olga Baumgartner

10.07.2010, 11:19 Uhr
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Aus meiner Sicht ist Herr Leuenberger : - Ein Mann zum Anfassen - ein Mann mit gutem, manchmal verstecktem Humor - er kann über sich selbst lachen - er nimmt seine Person nicht allzu ernst. - Er ist ein Bürger, - wie du und ich. - Er ist ein Philosoph , - er denkt, bevor er einen " Blödsinn " von sich gibt. - Er ist ein " Super - Intelligenz - Mann " ! - Keine Wichtig - Tuerei ! Antworten



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