Schweizer, 35 Jahre alt und Alkoholiker

Der durchschnittliche Schweizer Alkoholiker im öffentlichen Raum ist männlich, 35 Jahre alt und meist obdachlos. Das ergab eine Nationalfondsstudie.

Viele Randständige sind psychisch und körperlich krank: Blick ins Alki-Stübli in Bern

Viele Randständige sind psychisch und körperlich krank: Blick ins Alki-Stübli in Bern
Bild: Keystone

Zudem leiden Randständige oft an physischen und psychischen Krankheiten und lösen oftmals Betroffenheit aus, wie eine vom Nationalfonds unterstützte und am Dienstag veröffentlichte Untersuchung zeigt.

Ein Forschungsteam unter der Leitung von Corina Salis Gross und Gerhard Gmel hat im Jahr 2008 die einschlägigen Szenen in Bern, Zürich, Chur, Yverdon-les-Bains und Lausanne untersucht. Die Sozialwissenschaftler interviewten 206 Randständige sowie über 1000 Passanten. Das Projekt wurde vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützt.

Die untersuchten Randständigen sind mehrheitlich Männer, nämlich 73 Prozent. In den Szenen der kleineren Städte (Chur, Yverdon) werden neben Alkohol zusätzlich Methadon, Heroin, Kokain und Benzodiazepine konsumiert. Fast ein Viertel der Untersuchten besass keine feste Unterkunft. Das Durchschnittsalter lag bei 35 Jahren.

Viele Opfer von sexuellen Übergriffen

Die meisten sind schweizerischer Herkunft. 35 Prozent der Untersuchten erlitt im Verlauf des Lebens mindestens einmal einen sexuellen Übergriff; bei den weiblichen Personen waren es sogar 67 Prozent. Viele wiesen einen schlechten physischen und psychischen Gesundheitszustand auf, hatten etwa Gelenk- und Knochenschmerzen, Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit.

Als Grund für ihre Zugehörigkeit zu den Gruppen haben viele nicht nur die Verfügbarkeit von Suchtmitteln, sondern vornehmlich emotionale Unterstützung und sozialen Nutzen wie Informationsaustausch angegeben. Das Betteln sei kaum ein Motiv für den Aufenthalt auf öffentlichen Plätzen, so die Verfasser der Studie.

Viele Randständige haben negative Erfahrungen mit Passantinnen und Passanten gemacht. Fast die Hälfte gab an, beschimpft oder aufgefordert worden zu sein, arbeiten zu gehen. In Zürich und Lausanne sei das häufiger der Fall, als in den kleineren Städten. Umgekehrt empfanden es viele der befragten Passanten als störend, wenn sie den Gruppen nicht aus dem Weg gehen können. Der Anblick der Szene löst am häufigsten «Betroffenheit» oder «Mitgefühl» aus. In der Deutschschweiz nannten viele Passanten «Gleichgültigkeit».

Situation hat sich verschärft

Laut den Autoren der Studie hat sich die Situation der Randständigen in den letzten Jahren verschärft, weil sie auf Grund der verstärkten Imagepflege der Städte und der Ökonomisierung des öffentlichen Raums an die Peripherie gedrängt würden. Die Nutzung des öffentlichen Raums sei stark reglementiert.

Dabei gehen die fünf untersuchten Städte verschieden mit den Randgruppen um. Bern etwa hege mit Repression und dem Anbieten von Alternativen ihr Bild als saubere Stadt, in der Sicherheit und Ordnung herrschten, so die Autoren. Chur ignoriere die Randständigen und überlasse sie sich selbst und Zürich halte mit einem liberalen Ansatz die Szenen auf eine stadtverträgliche Weise unter Kontrolle.

Die Forschenden empfehlen, die Öffentlichkeit besser über die Situation der Randständigen zu informieren. Dass die Sozialarbeit in Bern und Zürich diese einerseits unterstützt, andererseits aber ordnungspolitisch tätig ist, erschwert die Betreuung. Die Forschenden empfehlen zudem, die Alkoholszenen von den harte Drogen konsumierenden Gruppen zu trennen. Wo dies nicht geschehe, sei die Gefahr gross, dass junge Alkoholabhängige in den Gebrauch illegaler Drogen einsteigen. (tan/ddp/)

Erstellt: 19.01.2010, 14:23 Uhr

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