Schweiz

Schweizer Soldaten im Nervenkrieg

Von Enver Robelli. Aktualisiert am 17.01.2012 58 Kommentare

Erstmals in der Geschichte der Eidgenossenschaft befehligt ein Schweizer eine Nato-Einheit. Oberst Adolf Conrad soll die explosive Lage im Norden Kosovos entspannen – mit Worten.

Ruf als zuverlässige Macher: Zwei Schweizer KFOR-Soldaten besprechen sich in Kosovo.

Ruf als zuverlässige Macher: Zwei Schweizer KFOR-Soldaten besprechen sich in Kosovo.
Bild: Swissint

Auftrag im Kosovo: Oberst Adolf Conrad.

Karte des Kosovo. (Bild: TA-Grafik ek)

Artikel zum Thema

Stichworte

Blog

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Am Anfang kursierte nur das böse Bonmot: «Die Schweizer Soldaten sind unsere Wasserträger.» Das war 1999, als das erste Swisscoy-Kontingent nach Kosovo entsandt wurde, um an der Nato-Friedensmission KFOR teilzunehmen. Damals durften die Schweizer Soldaten keine Waffe tragen. Also betraute man sie mit anderen Aufgaben: Sie waren für die Wasserversorgung zuständig, betrieben einen Steinbruch, bauten Brücken.

Den Ruf als zuverlässige Macher geniessen die Schweizer bis heute. Inzwischen sind die Swisscoy-Soldaten gleichberechtigt mit Armeeangehörigen anderer Nationen, und Waffen tragen sie auch. Vermehrt werden die Schweizer auch im Norden Kosovos eingesetzt, wo die Lage explosiv ist. Und seit Anfang Jahr kommandiert ein Schweizer Oberst die dort stationierten Beobachtungs- und Verbindungstruppen der KFOR. Es ist eine Premiere: Erstmals befehligt ein Schweizer eine Nato-Einheit.

Seine heikelste Mission

Oberst Adolf Conrad blickt auf eine Bilderbuchkarriere zurück, die ihn für den Einsatz in Kosovo prädestiniert. Er hat fünf UNO-Einsätze hinter sich, unter anderem in Eritrea und im Nahen Osten. Zuletzt war er Militärattaché in Madrid. Nun leitet der 55-Jährige seine wohl heikelste Mission.

Conrad empfängt in einem fensterlosen Raum im Camp Novo Selo, unweit der zwischen Albanern und Serben geteilten Stadt Mitrovica. Die Lage in diesem Teil Kosovos beschreibt der Oberst als ruhig, aber instabil. Conrad beherrscht die politisch korrekte Sprache perfekt. Er und seine Männer sind Diplomaten in Uniform. Als Angehörige der «Liaison and Monitoring Teams» (LMT) pflegen sie den Kontakt zur Lokalbevölkerung. «Wir sind die Augen und Ohren der KFOR», sagt Conrad. Die LMT-Soldaten sind sozusagen die Rauchmelder der knapp 6000 Männer und Frauen zählenden Friedenstruppe. Sie halten fest, was sie hören und sehen. Die Berichte gehen an die Kommandozentrale in Pristina.

Es herrscht Ausnahmezustand

Im mehrheitlich von Serben bewohnten Norden Kosovos herrscht seit Ende Juli eine Art Ausnahmezustand. Damals versuchte die Zentralregierung in Pristina mit einer stümperhaft vorbereiteten Polizeiaktion, zwei Grenzübergänge unter ihrer Kontrolle zu bringen. Die serbischen Extremisten, die den Norden als Teil Serbiens betrachten, reagierten mit Blockaden und Angriffen auf die Polizei. Ein Beamter wurde erschossen, ein Grenzposten abgefackelt, und überall errichteten die Serben Strassensperren.

Der Norden gilt als Hochburg der Schmuggler. Die internationalen Truppen verdächtigen den serbischen Unterweltkönig Zvonko Veselinovic, den Widerstand zu organisieren. Er soll eng mit nationalistischen Lokalpolitikern zusammenarbeiten, die ihre Piratenökonomie als Engagement für die Interessen ihrer Landsleute verkaufen. Oberst Conrad spricht von einem «Katz-und-Maus-Spiel» zwischen der KFOR und den Serben. Das geht so: Kaum haben die Friedenshüter eine Strassenbarrikade entfernt, öffnen die Serben alternative Routen, über die Lebensmittel und Benzin eingeführt werden. Jahrelang konnte man in Nordkosovo den billigsten Treibstoff in Europa kaufen. Davon profitierten nicht nur die Serben, sondern auch albanische Mafiosi.

Im November griffen serbische Extremisten deutsche und österreichische Soldaten mit Waffen an. Die Regierung in Belgrad hatte die Aufrührer lange unterstützt, bis sie ausser Kontrolle gerieten. Anfang Dezember wurde Serbien bestraft: Die EU weigerte sich, dem Land den Kandidatenstatus zu gewähren. Zuerst müsse Belgrad die illegalen Institutionen im Norden Kosovos auflösen, nachbarschaftliche Beziehungen zur Republik Kosovo aufbauen und die Strassensperren räumen, forderte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel.

Ein grosser Kanton

Ob die Serben die Blockaden räumen, hängt auch vom Verhandlungsgeschick der Swisscoy-Soldaten ab. Die Schweizer bringen mehrere Vorteile mit sich. Bei den Serben sind sie akzeptiert, weil die Schweiz nicht am Nato-Krieg gegen Serbien teilgenommen hat. Für die Kosovo-Albaner ist die Schweiz eine Art grosser Kanton, wo jeder zehnte Landsmann lebt. Zudem sind Milizsoldaten für die Entspannung der Lage besser geeignet als die Profisoldaten anderer Armeen.

Auf dem Tagesprogramm von Adolf Conrad steht an diesem sonnigen Dezembertag ein Treffen mit dem Politiker Dobrosav Dobric in der Kleinstadt Zvecan. Er ist Mitglied der nationalistischen Radikalen Partei des mutmasslichen Kriegsverbrechers Vojislav Seselj. Seine Botschaft trägt Dobric im Stakkatoton vor: «Wir Serben wollen nicht im albanischen Staat Kosovo leben. Wir fordern die Kfor auf, die albanischen Zöllner an der Grenze zu Serbien abzuziehen. Wir sind entschlossen, unseren Kampf mit friedlichen Mitteln fortzusetzen.»

Gewalt gegen Friedenstruppen

Mit keinem Wort erwähnt Dobric die Gewalt der eigenen Landsleute gegen die KFOR-Soldaten. Mit Oberst Conrad möchte er aber in Kontakt bleiben, weil er weiss, dass nur die ausländischen Soldaten die Sicherheit garantieren können. Ohne KFOR wäre im Norden Kosovos längst ein Kleinkrieg ausgebrochen.

Nun gilt es, die Serben für die Beseitigung der Blockaden zu gewinnen. Dobric und Conrad stehen im Dorf Rudare vor einem «Roadblock», der mit einem Bild Wladimir Putins und mit den Flaggen Russlands und Serbiens dekoriert ist. Davor steht das obligate Kreuz.

Das Hindernis wird umfahren, und es geht weiter zur nächsten Blockade. Auf einer Brücke haben Bewohner Steine und Erde aufgeschüttet, Baumstämme gestapelt. Conrad und sein slowenischer Stellvertreter locken die Serben mit einem Angebot: Wenn sie die Sperre räumen, sei die KFOR bereit, eine neue Brücke zu bauen. Mit dabei ist auch ein österreichischer Brückenbauingenieur. Heute scheint kein Kompromiss in Sicht. Die serbischen Vertreter sagen, man werde die Blockaden erst dann entfernen, wenn die kosovo-albanischen Zöllner die Grenzposten verlassen haben.

Der Nervenkrieg wird weitergehen. Oberst Conrad und seine Männer geben jedoch nicht auf. Er hofft, innerhalb eines Jahres die serbischen und albanischen Bürgermeister der Region an einen Tisch zu bringen. Daneben kümmert sich Conrad mit seinen Truppen um die Sicherheit von zwei Klöstern. Die wichtigsten religiösen und kulturellen Stätten der Serben befinden sich im albanisch dominierten Süden Kosovos. Dort leben rund 70'000 Serben, im Norden etwa 50'000.

Im Hinterland der früheren Industriestadt Mitrovica befindet sich der Gazivodasee, der das Wasser für den maroden Stromerzeuger KEK nahe der Hauptstadt Pristina liefert. «Wird die Versorgung gekappt, ist ganz Kosovo innerhalb Stunden ohne Strom», sagt Conrad. So weit gingen die Serben bisher nicht.«Unsere Aufgabe ist es, im Gespräch für alle Probleme eine Lösung zu finden», meint der Oberst zum Abschied. Die Schweizer sind in Kosovo keine Wasserträger mehr, sondern wichtige Akteure in der Friedenssicherung. Wird es aber richtig brenzlig, stehen weiterhin deutsche und amerikanische Soldaten bereit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.01.2012, 21:04 Uhr

58

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

58 Kommentare

nisha luces

17.01.2012, 09:34 Uhr
Melden 46 Empfehlung

am besten für uns alle, swisscoy nach hause holen für unsere sicherheit gegen die kriminellen nicht nur aus dem magreb! endlich tausende aus dem kosovo die hier nix zu suchen haben, illegal oder krimnell sind nach hause schicken. ebenso serbische nicht integrationswillige inkl deren familienclans welche nur auf unsere kosten leben und das seit jahren. Antworten


Philipp Rittermann

17.01.2012, 08:56 Uhr
Melden 45 Empfehlung

unsere soldaten haben im kosovo sicher nichts verloren. unser land sollte sich da in keiner art und weise einmischen. Antworten



Schweiz

Populär auf Facebook Privatsphäre


Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!