Schweiz
«So drohen die Bahnen Kunden zu verlieren»
Interview: Norbert Raabe. Aktualisiert am 03.05.2011 76 Kommentare
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Könnten weniger werden: Kunden der SBB (hier im Bahnhof Bern). (Bild: Keystone )
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Frau Teuscher, der Verband öffentlicher Verkehr und die SBB haben heute Tariferhöhungen per Dezember 2011 bekannt gegeben. Der Schwerpunkt der Erhöhungen liegt bei der 1. Klasse. Schätzen Sie die Erhöhungen als ausgewogen ein?
Die Erhöhung von 1,5 Prozent im Mittel sieht auf den ersten Blick tatsächlich einigermassen verkraftbar aus. Aber der Durchschnitt sagt eben auch hier nicht viel aus. Einzelne Fahrausweise werden viel stärker verteuert als andere, darunter erneut das Generalabonnement der 1. und 2. Klasse.
Die SBB argumentieren bei den Erhöhungen damit, dass die 1. Klasse auch mehr Kosten verursacht.
Ob die stärkere Erhöhung bei den Billetten und Abos 1.Klasse gerechtfertigt ist, kann ich nicht beurteilen. Der Zusatzkomfort in der 1. Klasse scheint nicht so hoch zu sein, dass er eine grössere Preisdifferenz rechtfertigt. Immerhin bezahlen die 1.-Klasse-Kundinnen und Kunden schon heute über 50 Prozent höhere Tarife.
Die Bahnkunden sind heutzutage kritischer als früher – und wägen Angebote sorgfältiger ab. Könnte es angesichts von Erhöhungen von fast 4 bis 5 Prozent für die Generalabonnemente in der ersten Klasse zu einer Abwanderung in die zweite Klasse kommen?
Die stärkere Erhöhung in der 1. Klasse führt tendenziell sicher auch zu einem Ausweichen auf die zweite Klasse. Dann werden dort die Platzprobleme in den Spitzenzeiten weiter zunehmen und der Komfort geht zurück. Und wer in der Bahn nicht mehr mit einem Sitzplatz rechnen kann, wird eher das Auto benutzen. Das schadet der Umwelt und dem Klima.
Bei der zweiten Klasse werden vor allem Generalabonnemente verteuert, um 2,9 bis 3,9 Prozent – und damit eigentlich die beständigsten Kunden der Bahnen belastet, die auf ein Auto häufig verzichten. Schätzen Sie das auf lange Sicht als kluge Strategie ein?
Nein. Das Generalabonnement der 2. Klasse ist innert zweier Jahre 10 Prozent teurer geworden. Das ist eindeutig zu viel. So drohen die Bahnen Kundinnen und Kunden zu verlieren. Damit entgehen ihnen auch Einnahmen. Der VCS ist nicht grundsätzlich gegen eine Anhebung der Preise. Diese dürfen aber nicht die treusten Kundinnen und Kunden am stärksten treffen.
Die durchschnittliche Preiserhöhung liegt laut den SBB bei 1,5 Prozent. War dieser Wert aus Ihrer Sicht zu erwarten – angesichts der jüngsten Debatten um die Politik des Bundesrats bei den Bahnpreisen?
Das Finanzierungspaket des Bundesrats, das eine massive Preiserhöhung der Bahnbilletts um zusätzlich rund 10 Prozent zur Folge hätte, ist glücklicherweise noch nicht beschlossen. So gesehen ist die moderate Preiserhöhung keine Überraschung. Man darf nicht vergessen, dass die Bahnpreise vor einem Jahr massiv erhöht wurden. Das Generalabonnement stieg damals im Mittel um 6,7 Prozent.
Der Preis für die Tageskarte Gemeinde wird um fast neun Prozent steigen, und das Gleis 7-Abo ab 19 Uhr für Menschen unter 25 Jahren kostet bald 129 Franken – statt heute 99 Franken. Wiegt für VöV und SBB die Kosten-Nutzen-Abwägung einzelner Sparten zu schwer – angesichts des Geldbeutels von bestimmten Personengruppen?
Mich stört vor allem die massive Preiserhöhung beim Gleis 7. Viele Jugendliche können sich einen Aufschlag von 30 Prozent gar nicht leisten. Die Preiserhöhung trifft die Jungen in einem Alter, in dem sie sich für ein Verkehrsmittel entscheiden: entweder für den öffentlichen Verkehr oder für das Auto. Diese Gruppe reagiert sehr sensibel auf Preiserhöhungen. Das günstige Gleis-7-Abonnement hat vielen den öffentlichen Verkehr schmackhaft gemacht. Die Gefahr besteht, dass sie jetzt wieder abwandern. Zudem braucht man ja zum Gleis 7 obligatorisch das Halbtax-Abo, das letztes Jahr auch deutlich teurer wurde.
Für viele Junge ist Gleis 7 auch eine preiswerte Möglichkeit für den Ausgang …
Für mich hat es auch einen Sicherheitsaspekt. Die Heimkehr ist mit Bahn und Bus viel sicherer als mit dem Auto. Diese Teuerung könnte sich also auch auf die Unfallzahl im Strassenverkehr negativ auswirken.
Angesichts der steigenden Kosten im öffentlichen Verkehr: Wie werden die Preiserhöhungen in den kommenden Jahren nach ihrer Einschätzung im Vergleich ausfallen? Wird auch der «gewöhnliche Kunde» in der zweiten Klasse dann mehr bezahlen müssen?
Es ist zu befürchten, dass es natürlich alle Kundinnen und Kunden treffen wird, wobei das GA immer noch stärker im Zentrum ist als gewöhnliche Billette, in der 1. wie in der 2. Klasse. So werden insbesondere die Pendlerinnen und Pendler belastet. Der VCS wird sich mit allen Mitteln dafür einsetzen, dass Bahnfahren für alle Menschen in der Schweiz erschwinglich bleibt. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.05.2011, 12:01 Uhr
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76 Kommentare
Diese Aufschläge sind ungenügend, die Tarife für die Benützer von Bahn/Güterverkehr sollten 100 % kostendeckend sein. Das wäre Gerechtigkeit gegenüber den Autofahrern/LKW. Aber der VCS denkt nicht daran nur annähernd diese Gerechtigkeit zu ereichen, nein man torpediert gezielt alles was die Strasse betrifft. Soll jeder das bezahlen was er benützt = kostendeckend! VCS-nein danke! Antworten
Langsam sollte doch Allen klar werden, dass die vielen Steuersenkungsprogramme und die ungerechte Pauschalbesteuerung Geld für den Service Publik wegnehmen. Der Verkehr wird teurer, der Abfall, das Wasser, der Pass, behördliche Papiere usw. Bluten muss der Mittelstand und die Kleinen. Merkt das niemand? Wacht auf! Weg mit den Steuerlöchern. Weg mit den Sonderzüglein für die Reichen und Abzockern! Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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