Heli-Rettung für Simulanten

Von Erwin Haas. Aktualisiert am 20.03.2010

Immer wieder kommt es vor, dass Personen einen Notfall vortäuschen, um mit der Rettungsflugwacht fliegen zu können.

Nicht jeder Rega-Einsatz ist nötig: Die Retter rücken auf jeden Fall aus.

Nicht jeder Rega-Einsatz ist nötig: Die Retter rücken auf jeden Fall aus.
Bild: Keystone

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Die allermeisten der gut 2,2 Millionen Gönner der Rettungsflugwacht (Rega) sind froh, wenn sie gesund bleiben und nicht auf die Dienste der Rettungshelikopter angewiesen sind. Doch es gibt Ausnahmen: Leute, die der Rega hausintern als eine Art «Frequent Flyers» aufgefallen sind, weil sie den Helikopter ungewöhnlich häufig in Anspruch nehmen.

Im ausgeprägtesten Fall, der die Rega richtig stutzig machte, hat eine Person seit 1997 mehr als ein Dutzend Heli-Einsätze ausgelöst. Einmal waren es innerhalb weniger Tage gleich zwei. Die Flugund Einsatzkosten für die «Rettung» dieser Person haben sich mittlerweile auf Zehntausende von Franken summiert. Mal waren die angegebenen Notfallgründe extreme allergische Reaktionen wegen Insektenstichen, mal Stürze zu Fuss oder vom Velo.

Einige Notfälle waren simuliert

Es gab Krampf- und Epilepsieanfälle, einen schweren Gedächtnisverlust oder motorische Störungen bis hin zur Paraplegie – in vielen Fällen schwer überprüfbare Symptome, die selbst Notfallärzte in Spitälern vor Rätsel stellten. Sie konnten die Erkrankungen oder Verletzungen weder klar diagnostizieren noch ausschliessen. Das führte bei der Rega mit der Zeit zur Einschätzung, dass zumindest einige der Notfälle simuliert waren.

In einer Handvoll weiterer Fälle hat die Rega den Verdacht, dass Notfälle im In- oder Ausland vorgetäuscht wurden. Rega-Informationschef Sascha Hardegger möchte aber über solch ein Verhalten nicht richten: «Wir gehen nicht davon aus, dass diese Menschen einfach einen Gratisflug ins nächste Spital oder zurück in die Schweiz wollen. Sie denken wirklich, dass es sich um einen Notfall handelt.»

Zudem kommt es ein paar Mal jährlich vor, dass verantwortungslose Leute die Rega alarmieren, nur um den Heli landen zu sehen oder zu prüfen, wie schnell er da ist. Gemessen an der Gesamtzahl der Rega-Einsätze – mehr als 10'400 Heli-Missionen und rund 1300 Repatriierungen im Jahr 2008 – sei der vermutete Missbrauch aber äusserst gering und falle finanziell kaum ins Gewicht, sagt Rega-Sprecher Hardegger. Deswegen führe man über das Phänomen auch nicht systematisch Buch.

Rettung auch im Zweifelsfall

Dass die Rega auf jeden Fall immer ausrückt, wenn sie angefordert wird, ist für die Retter aus der Luft klar. Sie würden das laut dem stellvertretenden Chefarzt Olivier Seiler auch dann wieder tun, wenn der Alarm von der Person kommt, die schon dutzendfach geborgen wurde. «Solange nicht das Gegenteil erwiesen ist, gehen wir stets von einem Notfall aus», sagt Sprecher Hardegger – zumal die Rega sonst wegen einer unterlassenen Hilfeleistung hinterher an den Pranger gestellt werden könnte. Die zuvor genannte, schon oft gerettete Person hat die Rega deswegen sogar schon einmal angezeigt. Der Vorwurf erwies sich als haltlos.

So wenig wie die Einsatzverweigerung kennt die Rega eine Regresshaftung – weder bei vorgetäuschten Notfällen noch bei fahrlässigem Verhalten, das zu einem Unfall geführt hat. «Für die Beweisführung bräuchten wir ein ganzes juristisches Team», sagt Hardegger, «der administrative Aufwand wäre beachtlich. Das ist nicht die Aufgabe der Rega.»

Das Münchhausen-Syndrom

Das Phänomen der Phantom-Beschwerden hat einen Namen: Münchhausen-Syndrom. In der Medizin ist es als «artifizielle Störung» bekannt. Die Patienten gehen mit schwer durchschaubaren Erkrankungen wie Bauchund Rückenbeschwerden, Bewusstlosigkeit oder behauptetem Magenbluten häufig zum Arzt oder ins Spital, wo sie die erhoffte Aufmerksamkeit finden. Manchmal fügen sie sich sogar selber Verletzungen zu, um dieses Ziel zu erreichen. Für Münchhausen-SyndromPatienten sind ihre körperlichen Leiden krankheitsbedingt oftmals real, auch wenn sich physiologisch nichts nachweisen lässt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2010, 13:02 Uhr

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