Stille Panik bei den Schützen

Die Verschärfung des EU-Waffenrechts betrifft auch die Schweiz – und erwischt die Falschen.

Mit jedem Schusswaffenmissbrauch erhöht sich der öffentliche und politische Druck auf die Legalwaffenbesitzenden überproportional.

Mit jedem Schusswaffenmissbrauch erhöht sich der öffentliche und politische Druck auf die Legalwaffenbesitzenden überproportional. Bild: Keystone

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Seit dem 14. März 2017 ist es also de facto beschlossene Sache: Im Kampf gegen den internationalen Terrorismus verschärft die EU ihre sogenannte Firearms Directive (91/477/EWG). Getroffen werden mit den Verschärfungen aber nicht verabscheuungswürdige radikale Gewalttäter, sondern Schweizer Legalwaffenbesitzende, mitten ins Mark. Verwundert reibt sich so mancher die Augen. Was hat die Schweiz mit der EU-Feuerwaffenrichtlinie zu tun?

Tatsächlich ist die Schweiz als Schengenstaat zur Übernahme angehalten. Natürlich nur, wenn die offizielle Schweiz die Forderungen nicht als unverhältnismässig und als Verletzung des Subsidiaritätsprinzips zurückweist, schliesslich ist der Eingriff nicht zuletzt auch sicherheitspolitisch relevant.

Es beschäftigt mich dieser Tage zutiefst, dass in der aktuellen Diskussion offenbar niemand merkt, dass die EU-befohlenen Waffenrechtsverschärfungen objektiv betrachtet überhaupt keinen Erfolg versprechen, was die Reduktion von Terror oder überhaupt der Gewalt mit Schusswaffen betrifft. Man ist so im Schwarz-Weiss-Denken zwischen freiem Waffenbesitz und ­totalem Waffenbann gefangen, dass auch niemand daran denkt, dass die Betroffenen der Schusswaffengewalt nicht nur die Opfer und Hinterbliebenen sind, nein, die Schweizer Legal­waffenbesitzenden sind es ebenfalls. Das ist nicht zynisch, sondern wahr.

Die Waffenbesitzenden in der Schweiz sind keine träge Herde.

Mit jedem Schusswaffenmissbrauch erhöht sich der öffentliche und politische Druck auf die Legalwaffenbesitzenden überproportional. Im ­«Schiesswesen ausser Dienst» und in den ­Schützenhäusern herrscht seit ­Jahren stille Panik vor dem GAU, obwohl Unfall- und Kriminalstatistik keinerlei Anlass dazu geben. Nur ganz wenige haben deshalb ein so ernsthaftes Interesse daran, Gewalttaten mit Legalwaffen zu verhindern, wie die Legalwaffenbesitzenden selbst. Nur sind die Waffenbesitzenden in der Schweiz keine träge Herde, der man einfach so mit absurden Vorschriften kommen kann. Dazu ist der private Waffenbesitz in der Schweiz viel zu tief in Staat und Gesellschaft verankert.

Anstatt aber zusammen mit den Legalwaffenbesitzenden den gut schweizerischen Konsens zu suchen, sich zusammenzusetzen und offen und ehrlich nach Lösungen zu suchen, ­verhärten sich die Fronten zusehends. Es braucht Lösungen, die uns Waffenbesitzenden die gewünschte Freiheit lassen und gleichzeitig durch Gewalt oder Suizid Bedrohten mehr Sicherheit bieten. Aber stattdessen erschallt mantra­artig der Ruf nach Waffenrechtsverschärfungen, die punktgenau immer die Falschen treffen. Wieso gibt es keine «Schweizer Feuerwaffenkonferenz», die sich paritätisch rund um ­Fragen der Waffengesetzgebung ­kümmert? Ja, warum?

Weil steinharte Weltbilder aufeinanderprallen, weil beide Seiten lieber auf Muskeln setzen, statt auf kluge Lösungen, das Diktat einfacher scheint als der Diskurs. Aber das ist ein grundlegend falscher Ansatz. Vielleicht ist es einfach auch ein ­Generationenproblem zwischen ­Altlinken und Militantrechten, wer weiss das schon. Jedenfalls droht der Schweiz deshalb vielleicht ein ­Aufstand, wie er noch nie da war.

Es sind zwei Faktoren, die für so viel Aufruhr sorgen. Einerseits ist es die Gemeinde der Schweizer Legalwaffenbesitzenden, die seit Jahren am öffentlichen Pranger steht, Verschärfung um Verschärfung und Vorschrift um Vorschrift über sich ergehen liess und nun einfach generell und absolut genug hat von Verschärfungsandrohungen.

Die Schlammschlacht rund um die abgeschmetterte Annabelle-Initiative gegen Waffengewalt von 2011 ist noch nicht vergessen. Andererseits ist es nun obendrauf auch noch das Ausland, das die Verschärfungen diktiert – ein ­Gessler, vor dessen Hut man sich zu bücken hat! Ein Affront, schärfer gedacht als jede Forderung von 2011, frecher und unflätiger formuliert ­obendrein, unnützer wie sonst etwas. Somit platzt dieser doch eher grossen und gut organisierten Gemeinde nun schlicht der Kragen.

Selbst in Ländern mit den schärfsten Gesetzen gibt es ­Schusswaffenopfer.

In keiner Gesellschaft kann das Auftreten von Schusswaffengewalt eliminiert werden, das muss die Seite der Befürworter schärferer Waffengesetze endlich einsehen. Selbst in Ländern mit den schärfsten Gesetzen gibt es ­Schusswaffenopfer. Auf der Gegenseite muss man sich allerdings gewiss werden, dass auch Gewalt mit legalen Schusswaffen real existiert und nicht jede und jeder legal eine Schusswaffe besitzen sollte, der heute eine hat, selbst wenn die Statistiken für uns sprechen. Wer nachhaltige Lösungen in diesem Streit suchen will, muss endlich konsequent unterscheiden zwischen legalem, kontrolliertem Waffenbesitz und dem illegalen, unkontrollierten. Es braucht verschiedene Mittel und Hebelkräfte, ob man den Legalwaffenmissbrauch eindämmen will oder den Missbrauch illegaler Waffen. Wer hier beide Vorhaben über den gleichen Leist schlägt, denkt etwas Grundlegendes falsch und befeuert einen Kampf, den eigentlich doch niemand will.

Patrick Jauch ist Werber, Schütze und ­Initiator der Aktion «Finger weg vom ­Schweizer Waffenrecht!» (Basler Zeitung)

Erstellt: 19.04.2017, 10:39 Uhr

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