Schweiz
Strenger, männlicher, schweizerischer: SVP sagt der modernen Schule den Kampf an
Von David Schaffner. Aktualisiert am 01.02.2010 182 Kommentare
Möchte den integrativen Unterricht stoppen: SVP–Nationalrat Ulrich Schlüer.
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Die SVP sagt den modernen Unterrichtsformen den Kampf an. Eine Gruppe von Lehrern hat unter der Leitung des Zürcher Nationalrats Ulrich Schlüer zwölf Grundlagenpapiere erarbeitet und ihre Konzeptarbeit nun abgeschlossen. Besonders interessant sind folgende Forderungen:
1. Stopp der Integration
Die SVP will den integrativen Unterricht stoppen und stellt sich damit gegen eine Vereinbarung der Kantone, wonach die meisten Sonderklassen abgeschafft werden sollen. Kinder mit einer Behinderung, schulisch schwache und verhaltensauffällige Schüler wollen die Kantone in der Regelklasse unterrichten. Wenn nötig, sollen sie Unterstützung von einem Heilpädagogen erhalten. In Zürich und Bern sorgt dies bereits für Konflikte: Viele schwierige Schüler lassen sich nicht integrieren. Die Schulen bilden daher erneut Klassen mit schwachen Kindern oder sie schieben sie in Sonderschulen ab, weil es keine Sonderklassen mehr gibt.
«Der integrative Unterricht führt zu einer Nivellierung nach unten», kritisiert Schlüer. «Die guten Schüler erhalten zu wenig Förderung, weil die Lehrer zu viel Zeit mit den verhaltensschwierigen und schwachen verbringen.» Auch den Schwachen bringe das nichts: «Sie werden in der Regelklasse eher stärker ausgestellt als in einer Sonderklasse, weil sie dauernd Unterstützung brauchen», moniert Schlüer.
Tatsächlich sei der Vollzug der Integration in vielen Kantonen bisher ungenügend, sagt Anton Strittmatter vom Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer. «Trotzdem belegen Studien, dass gut gemachte Integration bessere Resultate bringt als Sonderklassen.» Bisher mangle es vor allem am Geld für genügend Unterstützung. «Die Schulen müssen mehr Mittel erhalten», so Strittmatter.
Prinzipielle Probleme bei der Integration sieht dagegen Pädagogikprofessorin Margrit Stamm: «Viele Pädagogen sind zu wenig selbstkritisch.» Die Aufhebung der Sonderklassen führe dazu, dass gute Schüler zu wenig Aufmerksamkeit erhielten. Für Stamm ist daher klar: «Die Umsetzung des Konzepts ist zu überdenken. Schwierige Kinder lassen sich nicht auf Biegen und Brechen integrieren.» In einigen Kantonen gebe es allerdings Beispiele von guten Projekten.
Schlüer empfiehlt den SVP-Sektionen dennoch, den Kampf gegen das so genannte Sonderpädagogische Konkordat aufzunehmen. In diesem verpflichten sich die Kantone zur Integration. Sechs haben die Vereinbarung bereits ratifiziert. Zürich und Bern haben die Integration bereits autonom eingeführt.
2. Erst Deutsch lernen
Auch ausländische Schüler ohne Deutschkenntnisse will Schlüer vorerst nicht in der Regelklasse unterrichten. Multi-Kulti-Romantik sei hier fehl am Platz und führe nicht zu Chancengleichheit. Denn viele ausländische Schüler könnten dem Unterricht gar nicht folgen, was für sie und die Klasse frustrierend sei. Sie sollen daher während maximal eines Jahres intensiven Sprachunterricht erhalten. Falls die Schüler den Sprachunterricht konsequent schwänzen, will die SVP der ganzen Familie die Aufenthaltsbewilligung entziehen.
Bis auf die Drohung mit der Ausweisung unterstützt Pädagogikprofessorin Stamm den Ansatz: «Gutes Deutsch motiviert und steigert die Leistung.» Wichtig sei allerdings, dass bereits Kontakt zur späteren Regelklasse bestehe und einige Fächer gemeinsam besucht würden. Auch Strittmatter sieht das so, lehnt aber starre Pauschallösungen ab: «Gewisse Schüler lernen sehr schnell und kommen besser vorwärts, wenn sie schnell in die Regelklasse kommen.»
3. Lehrer statt Lehrerinnen
Wegen des grossen Gewichts auf den Sprachen und den vielen Lehrerinnen sei die Schule zu weiblich geworden, kritisiert Schlüer. Viele Buben blieben auf der Strecke, technische Berufe würden nur selten gewählt. Schlüer schwebt daher vor, dass künftig rund die Hälfte aller Lehrer männlich sein müssten.
Strittmatter hält diese Forderung für ein «wunderschönes Ziel», nur müsse die SVP noch sagen, wie die Schulen es erreichen könnten. Stamm räumt ein, dass «die Feminisierung tatsächlich ein Problem» sei. Sie finde aber nicht nur an den Schulen statt. Viele Kinder würden ihre Väter viel zu selten sehen.
4. Mundart im Kindergarten
Im Kindergarten soll nur noch Mundart gesprochen werden, so Schlüer. Denn: «Für die Entwicklung der sprachlichen Fähigkeiten ist es besser, wenn kleine Kindern nur eine Sprache lernen, dafür fundiert.» Falsch, meint Stamm: «Die meisten Kinder lernen die Hochsprache problemlos.» In ausländischen Familien werde überdies häufig Hochdeutsch gesprochen. Laut Strittmatter bereitet die Hochsprache den meisten Kindern sogar Freude: «In Rollenspielen wechseln sie oft ins Hochdeutsch.» Dies rühre wohl daher, dass sie im Fernsehen sowieso dauernd Hochdeutsch hörten.
5. Oberstufe klarer gliedern
Die Oberstufe will die SVP wieder starr gliedern: «Schulisch schwache Oberstufenschüler sollen mehr obligatorischen Handwerkunterricht erhalten, dafür weniger Fremdsprachen büffeln», sagt Schlüer. Dies bereite sie besser auf eine Lehrstelle vor. Strittmatter widerspricht: «Solche Jugendliche scheitern in der Lehre nicht an den handwerklichen Fähigkeiten, sondern daran, dass sie kaum rechnen und Anweisungen nicht lesen können.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.02.2010, 14:08 Uhr
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182 Kommentare
Es fragt sich, ob Schlüer wirklich die Linie der SVP vertritt. Lange setzte man auf Integration. Der Mittelstand braucht junge, gut ausgebildete Berufsleute, die deutsch verstehen und Briefe schreiben können. Nun setzt Schlüer auf Segregation und Ausgrenzung. Die einzigen Gründe ist sein eigenes, rückwärts gewandtes Weltbild und billiger Stimmenfang. Antworten
Das ganze Chaos in "Harmonisierungen" in allen erdenklichen Bereichen ist doch das Resultat einer gescheiterten Ideologie. Was will die Politik betreffend Schule? Manipulier und steuerbare Menschen? Siehe: Schule als Herrschaftsinstrument. Bezüglich Frauenanteil, dies ist politisch gewollt mit der Gleichstellung=Genderisierung. Da läuft einiges schief in der Weiterführung der Gleichberechtigung. Antworten
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