Türsteher vor Discos rüsten auf gegen Messerangriffe

Ein Messer gehört immer öfter zur Standardausrüstung im Ausgang. Das macht Sicherheitsleuten vor Discos und Klubs Angst. Sie ziehen nun vermehrt stichsichere Westen an.

Es besteht ein Trend zum «Ausgang mit Messer», sagen die Sicherheitsdienste.

Schaad

Vergangenes Wochenende, Freitagabend: An der Basler Hochbergerstrasse hält ein Automobilist, um zwei Fussgänger über den Zebrastreifen gehen zu lassen. Die beiden alkoholisierten Männer machen sich einen Spass daraus, auf dem Fussgängerstreifen vor dem Auto stehen zu bleiben. Der Verkehr staut sich, die Autofahrer hupen und fluchen zusehends. Als sich der vorderste Automobilist in der Schlange bei den Betrunkenen nach dem Grund der Blockade erkundigen will, zückt einer der beiden ein Messer und sticht unvermittelt auf den Mann ein. Er wird schwer am Hals verletzt und muss notfallmässig ins Spital eingeliefert werden.

Das ist ein besonders krasser Fall, doch mit Messer geführte Auseinandersetzungen sind mittlerweile am Wochenende an der Tagesordnung. Im vergangenen Halbjahr sind Schweizer Polizisten zu rund 30 Messerstechereien mit zum Teil schwerer Verletzungsfolge ausgerückt. Allein in der zweiten Augusthälfte sind in Glarus, St. Gallen, Lugano, Biel, Winterthur, Mezzovico und Basel bei einem Dutzend Messerstechereien ebenso viele Menschen verletzt und einer getötet worden. Meist sind mehrere männliche, alkoholisierte, um die 20 Jahre alte Männer mit Migrationshintergrund an den Auseinandersetzungen beteiligt. Weil die Kriminalstatistiken der Kantone selten erheben, welche Tatwaffen zum Einsatz kommen, sind verlässliche Zahlen nicht erhältlich.

Neues Waffenrecht liberaler

Doch die Rückmeldungen der Polizisten im Einsatz, der Ärzte in den Notfallstationen, der Sicherheitsdienste vor Klubs und Discos und der Justiz sind beunruhigend. Es bestehe ein Trend zum «Ausgang mit Messer», heisst es. «Dass wir an Einlasskontrollen Messer aller Art finden und einziehen, hat besonders im letzten Jahr zugenommen. Vor zwei, drei Jahren war das in unserer Branche noch kein Thema», sagt Markus Müller, Geschäftsführer von Swiss Protection Service (SPS), die landesweit Sicherheitsdienstleistungen anbietet.

Was Müller am meisten stört, ist, dass er die eingezogenen Messer ihren Eigentümern bei Verlassen des Klubs meist wieder zurückgeben muss. Der Grund dafür liegt im per letzten Dezember neu eingeführten Waffenrecht, das sich an demjenigen des Schengen-Raums orientiert. Dieses ist in den Bereichen Waffenhandel und -bewilligungen sowie Soft-Air-Guns und Waffenattrappen restriktiver geworden. Bei den Messern hingegen hat es eine Lockerung gegeben. Zwar sind Stell- und Schmetterlingsmesser nach wie vor verboten. Doch das Tragen von Messern, die sich, wie das neue Armeemesser, einhändig öffnen lassen und nur einseitig geschliffen sind, ist bis zu einer gewissen Klingenlänge erlaubt.

Weniger Messer konfisziert

Das führt dazu, dass auch die Polizei bei Personenkontrollen weniger Messer beschlagnahmen kann, wenn sie solche findet. «Seit Dezember konfiszieren wir nur noch vereinzelt Messer, also deutlich weniger als vor der Angleichung des Waffengesetzes an Schengen-Recht», sagt Klaus Mannhart, Sprecher der Kantonspolizei Basel-Stadt.

So kommen bei Auseinandersetzungen auch viele Messer zum Einsatz, die früher noch verboten gewesen wären. «Wir stellen fest, dass schneller Schusswaffen und Messer gebraucht werden». sagt Peter Gill, Sprecher der Basler Staatsanwaltschaft. «Einerseits bei Raubüberfällen, andererseits bei Auseinandersetzungen zwischen alkoholisierten jungen Türken oder Angehörigen von Balkanstaaten, die sich durch Provokationen in ihrer Ehre verletzt fühlen.» Und Roland Steiner, stellvertretender Geschäftsleiter der Berner Sicherheitsfirma Broncos Security, sagt: «Besonders junge Männer aus dem südosteuropäischen Raum führen tendenziell eher Messer mit als noch vor vier, fünf Jahren.»

Neben Türstehern haben auch Polizisten zunehmend mit Messerträgern zu tun. Gemäss René Ruf, Sprecher der Stadtpolizei Zürich, nimmt die Zahl der Personen zu, die gefährliche Gegenstände und Messer auf sich tragen. Besonders in den Ausgehvierteln Zürichs sei das Problem virulent. Und gerade dort ist die Gewaltbereitschaft, auch gegenüber der Polizei, gestiegen. «Wir haben im vergangenen halben Jahr einen besorgniserregenden Anstieg von verbalen oder tätlichen Angriffen auf unsere Beamten festgestellt», sagt Ruf. «Solche Angriffe gehen von einer allgemeinen Drohung bis hin zur Tätlichkeit mit Körperverletzung», berichtet Ruf. Messerangriffe auf Polizisten seien bisher aber ausgeblieben.

Mehr Verletzte, schwerer Verletzte

Andere haben nicht so viel Glück. Das bekommen auch die Spitäler zu spüren, wo mehr Opfer von Messerstechereien eingeliefert werden als früher. «Waren es vor zehn Jahren einer bis zwei in einem halben Jahr, sind es mittlerweile ein bis zwei pro Monat», sagt Andreas Bitterlin, Sprecher des Universitätsspitals Basel.

Kommt es zu Messereinsätzen, sind die Folgen schnell verheerend. Auf der Notfallstation des Berner Inselspitals weisen laut dem leitenden Arzt Aris Exadaktylos ein Prozent der eingelieferten Patienten mit Messern beigebrachte Wunden auf. «Das ist eine kleine Minderheit, die dann aber schwere Verletzungen aufweist.»

Türsteher schaffen Schutzwesten an

Um sich vor solch gefährlichen Angriffen zu schützen, rüsten die privaten Sicherheitsdienste nun auf. «Der Absatz von Westen und schnittsicheren T-Shirts hat sich seit 2007 verdoppelt und stagniert nun in der Krise auf hohem Niveau», sagt Yvonne Allemann, Geschäftsführerin der Rümlanger Sicherheitsausrüsterin Swissloxx, deren Kundenstamm in der Schweiz zu zwei Dritteln aus Sicherheitsdiensten und deren Angestellten besteht.

Im Frühsommer hat auch Markus Müller, Geschäftsführer von Swiss Protection Service, auf das gehäufte Aufkommen von Stich- und Schneidwaffen im Ausgang reagiert. Für alle 80 Mitarbeiter hat er mittlerweile stichsichere Westen beschafft. Kostenpunkt: Gegen 20'000 Franken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2009, 08:26 Uhr

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9 Kommentare

Stephan Gutknecht

31.08.2009, 16:51 Uhr
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Aber...aber, wir lesen täglich das wir in Basel kein erhötes Sicherheitsrisiko haben. (Auch Heute wieder!) Wegen den paar Messerstichen und eingeschlagenen Köpfen so ein Theater zu machen. Ich, für meine Wenigkeit, überlasse den Kriminellen die Stadt und verkehre lieber in Privatem Rahmen. Antworten


lars huber

31.08.2009, 15:46 Uhr
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... und in der ehre verletzt zu werden scheint heute ein sehr dehnbarer begriff zu sein: kürzlich in der zürcher s-bahn. zwei 'coole' typen aus dem balkan steigen ein, hören laut musik und legen gleich mal die füsse auf die sitze ... nach einem prüfenden, dann etwas bösen blick meinerseits meint der eine nur: "was schaust du so, man?" und der andere: "hau in weg!" - leider täglich brot heutzutags! Antworten


Beni Aschwanden

31.08.2009, 15:01 Uhr
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eine weitere direkte folge unserer unbrauchbaren gesetze! es gibt länder, da wandert jemand für ein paar jahre hinter gitter, wenn er mit unerlaubten waffen in der öffentlichkeit erwischt wird. bei uns muss man halt nichts befürchten folglich ist die abschreckung nicht da ein messer zu hause zu lassen. wir müssen dringend die gesetze verschärfen, wenn nicht die politiker dann das volk! Antworten


mike haller

31.08.2009, 14:43 Uhr
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kommt hinzu, dass solche testosteronbolzen, die darauf warten in ihrer EHRE verletzt zu werden, nichts dafür können, denn sie werden so (v)erzogen, die ehre über das leben zu stellen. in solchen staaten wird bei festanlässen auf die ehre angestossen, nicht auf die gesundheit oder auf das leben! Ist das etwa normal? Nein, leider davon weit entfernt... Antworten


Stefan Meier

31.08.2009, 09:42 Uhr
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@Hans Neuenschwander: Genau das meine ich auch. Die, die andere mit Waffen verletzen, sind nicht Sportschützen. Wenn ein Testosteronbolzen, der im Geheimen nur darauf wartet, in seiner Ehre gekränkt zu werden, mit einem Messer rumläuft, sollte die Justiz dies als Eventualvorsatz ahnden. Antworten


Hans Neuenschwander

31.08.2009, 09:05 Uhr
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Schusswaffen werden als die Basis von allen Verbrechen geradezu verteufelt. Sportschützen haben mit Kriminalität seltenst etwas am Hut. Die meisten Verbrechen gegen Leib und Leben werden mit Stichwaffen ausgeführt. Wenn man mit einem Stellmesser u.a.m. herumläuft ist das nicht um den Apfel zu schälen. Messerträger sind potentielle Mörder. Wann wird man das endlich verstehen? Antworten


hans zumstein

31.08.2009, 08:46 Uhr
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Die aktuelle "Kuscheljustiz" führt geradewegs zurück zum Faustrecht: Jedermann muss sich vorsehen, sich selber zur Wehr setzen zu können. Antworten


Malte Gross

31.08.2009, 07:45 Uhr
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Kuscheljustiz halt. Und dazu noch die schlechte Angewohnheit wegzusehen. Die anständigen Leute sind mehrheitlich zu feige, Vorbildfunktionen zu übernehmen.. Antworten


Martha Goebel

31.08.2009, 06:56 Uhr
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Was ich nicht verstehe, ist, warum den Stechern die Messer zurückzugeben sind. Art 28 Waffengesetz: Missbräuchliches Tragen gefährlicher Gegenstände Art 7 Waffenverordnung definiert Messer (u.a. Klingenlänge >5cm) als Waffen, die von den genannten Nationalitäten sowieso nicht besessen oder gar getragen werden dürfen. Einziehen, verzeigen, fertig. Antworten



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