Schweiz

«Umma Schweiz» ist heiss umstritten

Von Willi Herzig. Aktualisiert am 11.02.2012 205 Kommentare

Muslimische Organisationen wollen ein eigenes Parlament ins Leben rufen, «um mit einer Stimme sprechen zu können». Doch das Projekt stösst in den eigenen Reihen auf Widerstand.

«Mit einer Stimme sprechen»: Ein Muslim macht Fotos einer Protestkundgebung gegen Diskriminierung in Luzern. (26. Juni 2011)

«Mit einer Stimme sprechen»: Ein Muslim macht Fotos einer Protestkundgebung gegen Diskriminierung in Luzern. (26. Juni 2011)
Bild: Keystone

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Ab 2013 soll eine «Umma Schweiz» die rund 400'000 Musliminnen und Muslime in der Schweiz vertreten. «Umma» ist arabisch und bedeutet die Gemeinschaft aller Muslime. Unter dieser Bezeichnung wollen die Präsidenten der angeblich grössten muslimischen Organisationen ein Parlament ins Leben rufen, «damit die Muslime in der Schweiz mit einer Stimme sprechen können». Das sagt Farhad Afshar, iranischstämmiger Soziologe in Bern, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (Kios).

Mit von der Partie ist die Föderation islamischer Dachverbände Schweiz, die der Arzt Hisham Maizar, gebürtiger Palästinenser, leitet. In das Parlament sollen regionale Organisationen selbst gewählte Vertreter schicken, sagt Maizar. So werde eine Plattform geschaffen, um «auf demokratische Art Fragen zu diskutieren, die alle Muslime in der Schweiz betreffen».

Begriff Parlament «unglücklich gewählt»

In Basel-Stadt werde im Herbst eine «Testwahl» stattfinden, sagte Afshar der Nachrichtenagentur SDA. Jeder dort wohnhafte Muslim könne kandidieren, sofern er die Statuten akzeptiere. Diese würden gegenwärtig von einer Kommission mit Experten des öffentlichen und des islamischen Rechts ausgearbeitet. Sollte der Testlauf in Basel gut verlaufen, könnte im Winter schweizweit gewählt werden.

Nicole von Jacobs relativiert diese Ausführungen. «Für solche Wahlen in Basel gibt es noch keine konkreten Pläne», sagt die Leiterin der Fachstelle Diversität und Integration des Kantons Basel-Stadt. Zudem sei der Begriff Parlament «unglücklich gewählt und irreführend». Ziel sei vielmehr die Bildung eines neuen Dachverbandes mit Vereinscharakter, privatrechtlich organisiert und mit demokratisch gewähltem Vorstand. Von Jacobs: «Für uns ist es wichtig, mit den unterschiedlichen muslimischen Gruppen in Kontakt zu sein.»

Er habe nichts gegen die Idee eines Parlaments, sagt Geri Müller, Aargauer Nationalrat der Grünen und Mitglied der Aussenpolitischen Kommission. Er setze sich auch für Kinder- und Jugendparlamente ein. Diese hätten zwar keine politische Legitimation, könnten aber «gute Ideen entwickeln und in die Politik einspeisen». Müller meint, dass radikal- islamische Positionen abgeschwächt werden, wenn man sie in ein Parlament einbinde; die Erfahrung zeige, dass eine «politische Einmittung» stattfinde.

«Ein positiver Schritt»

Auch Jasmina El Sonbati kann dem Projekt «Umma» etwas Gutes abgewinnen. Dass die zersplitterten Muslim-Organisationen ihre Kräfte bündelten, sei ein «positiver Schritt», sagt die Basler Gymnasiallehrerin mit ägyptischen Wurzeln. Ein Parlament könnte sich vielleicht auf gemeinsame Positionen verständigen, etwa im Bemühen um staatliche Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft oder zur Klärung strittiger Fragen bei «Problemfeldern zwischen Schule und Elternhaus».

Aber El Sonbati ist misstrauisch, seit sie gehört hat, dass Maizar wie Afshar die Anerkennung gewisser Teile der Scharia, des islamischen Rechts, für Schweizer Muslime befürworten. Sie sagt: «Das ist absolut inakzeptabel.» Dass Muslime versuchen, ein stärkeres Dach zu bilden, findet auch Elham Manea, in Ägypten geborene Schweizerin, legitim. «Aber ein Parallelparlament wollen wir nicht», sagt die Politikwissenschaftlerin der Universität Zürich. Damit habe man in Grossbritannien «ganz schlechte Erfahrungen» gemacht, dort habe sich ein solches Gremium zum «Sprachrohr fundamentalistischer Strömungen» entwickelt.

Mehrheit ausgeschlossen

Auch dem Liebäugeln mit islamischem Recht erteilt Manea eine kategorische Absage: Mit der Scharia komme es zu «krassen» Menschenrechtsverletzungen; Kinderrechte würden durch Zwangsehen und Kinderehen mit Füssen getreten, die Musliminnen zu «Bürgerinnen dritter Klasse» relegiert. «Da müssen wir uns als Schweizerinnen islamischen Glaubens laut und deutlich positionieren.»

«Irritierend» sei das Projekt eines Parlaments, sagt Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam. Das Grundproblem liege darin, dass alle islamischen Verbände insgesamt nur 10 bis 15 Prozent aller Muslime in der Schweiz vertreten, «jene, die in die Moschee gehen».

«Wie soll ein Gremium für alle Muslime sprechen können, wenn 85 bis 90 Prozent, die sich nicht religiös definieren, davon ausgeschlossen sind?», kritisiert die in Tunesien aufgewachsene Schweizerin. Das nähre den Verdacht, dass eine kleine Minderheit ihre Interessen «hinter einer pseudodemokratischen Struktur verbergen und durchsetzen will.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.02.2012, 14:16 Uhr

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205 Kommentare

dan meier

11.02.2012, 15:24 Uhr
Melden 373 Empfehlung 0

Wenn eine religiöse Gemeinschaft so erpicht darauf ist, sich als abgeschlossene Parallelgesellschaft zu etablieren, hat sie in einem demokratischen Staat nichts zu suchen. Wer es also in der CH nicht schafft, seinen muslimischen Glauben zu leben und die cher Bürgerrechte und -pflichten unter einen Hut zu bringen, dem steht es frei, zu gehen. Mir reicht das ständige fordern von Sonderrechten. Antworten


Peter Frischknecht

11.02.2012, 14:24 Uhr
Melden 340 Empfehlung 1

Das ist kein muslimisches Land und soll es auch nicht werden. Diese Leute haben hier nichts zu suchen. Wo bleibt die vielgerühmte Integration? Sieht die so aus? Antworten



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