Schweiz
Umstrittene 0,5-Promille-Grenze rettete viele Leben
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Verkehrssicherheit
0,5-Promille-Grenze üblich in Westeuropa
Die Schweiz befindet sich mit der 0,5-Promille-Grenze in guter Gesellschaft: Fast alle Länder in der europäischen Gemeinschaft haben in den letzten Jahren die erlaubte Blut- Alkoholkonzentration auf 0,5 oder weniger Promille gesenkt.
In allen Nachbarländern der Schweiz sowie in Portugal, Spanien, Belgien, den Niederlanden und Dänemark gilt der 0,5-Promille-Grenzwert, wie die Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme schreibt. Einzig Grossbritannien und Irland halten am 0,8-Promille-Wert fest. In Norwegen, Schweden und Polen sind nur 0,2 Promille im Blut erlaubt. Zahlreiche osteuropäische Staaten wie Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Kroatien, Rumänien und auch Russland verbieten das Fahren unter jeglichem Alkoholeinfluss: Dort herrscht Nulltoleranz. (sda)
Von «Triumph des politisch Korrekten» und «Hysterie», wie bürgerliche Politiker die Einführung der 0,5-Promille-Grenze am 1. Januar 2005 bezeichneten, ist heute keine Rede mehr. Fahren unter Alkoholeinfluss gilt nicht mehr als Kavaliersdelikt, wie Thomas Rohrbach, Sprecher des Bundesamts für Strassen (Astra) im Gespräch mit der Nachrichtenagentur SDA sagt. «Die 0,5-Promille-Grenze hat ihre Wirkung gezeigt», hält Rohrbach fest. Auch die Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) bilanziert einen «beachtlichen» Erfolg. In den ersten beiden Unfallstatistiken nach der Einführung der neuen Promille-Grenze im Jahr 2005 haben die Unfälle unter Alkoholeinfluss deutlich abgenommen.
«Bei den Personenwagen-Insassen ging die Anzahl der Opfer von Alkoholunfällen von 2004 zu 2005 um 25 Prozent zurück», sagt bfu- Sprecher Daniel Menna. Ein Jahr später starben nochmals fast 30 Prozent weniger Menschen bei alkoholbedingten Unfällen, wie eine Aufstellung des Bundesamts für Statistik (BFS) zeigt.
Kontrollen ohne konkreten Verdacht
Leider gehe es nicht jedes Jahr so weiter, bedauern Rohrbach und Menna. Die Massnahme habe mittlerweile ihre Grenze erreicht. Deshalb seien verstärkte Polizeikontrollen nötig, welche den Vollzug gewährleisteten, fordert bfu-Sprecher Menna. Andernfalls bleibe die Herabsetzung der Limite auf lange Sicht wirkungslos.
Die 0,5-Promille-Grenze sei jedoch nicht die einzige Verschärfung, die zu der positiven Entwicklung beigetragen habe, präzisiert Astra-Sprecher Rohrbach. Im Jahr 2005 sei auch eingeführt worden, dass die Polizei Alkoholkontrollen ohne konkreten Verdacht durchführen könne. Alle Verkehrsteilnehmer müssten seither jederzeit damit rechnen, von der Polizei zum Atemtest aufgefordert zu werden, hält der Astra-Sprecher fest. Auch sind vor fünf Jahren die Strafen für Wiederholungstäter verschärft worden.
Keine «Super-Hammer-Massnahmen» mehr
Nun gehe es darum, mit neuen Regeln die Sicherheit auf den Strassen weiter zu erhöhen. «Die Super-Hammer-Massnahme gibt es allerdings nicht mehr», dämpft der Astra-Sprecher allzu hohe Erwartungen. Alle wesentlichen Sicherheitsregeln seien bereits umgesetzt. In den 1970er Jahren sei das ganz anders gewesen: «Bis 1973 existierte ausserorts kein Tempolimit», erinnert sich Rohrbach.
Neue Standards punkto Strassensicherheit wolle das Massnahmenpaket «Via Sicura» setzen. Unter anderem soll für Neulenker und sämtliche Lastwagen-Chauffeure die Null-Promille- Grenze eingeführt werden, wie Rohrbach sagt. Dieser Null-Promille- Vorschlag sei nahezu unbestritten. Voraussichtlich im neuen Jahr verabschiede der Bundesrat eine Botschaft zuhanden des Parlaments.
Eine weitere Senkung der allgemeinen Promille-Grenze komme nicht in Frage, ist Rohrbach überzeugt. Die meisten Unfälle unter Alkoholeinfluss geschähen denn auch nicht bei 0,5 Promille, sondern massiv darüber. Die aktuelle Promille-Grenze ist bei 90 Prozent der Bevölkerung akzeptiert, wie eine Befragung der bfu ergab.
Rösti- und Geschlechtergraben
Trotzdem gaben bei einer bfu-Studie von 2009 fast 30 Prozent der männlichen Befragten an, in den letzten 12 Monaten mindestens einmal alkoholisiert gefahren zu sein. Alkoholisiert bedeutet, mehr als zwei Gläser getrunken zu haben. Bei den Frauen waren es hingegen nur rund 10 Prozent.
Neben dem Geschlechts- gibt es auch einen Sprachgraben: 2008 machten die schweren Alkoholunfälle (mit Schwerverletzten und Getöteten) in der Romandie 20 Prozent aus, in der Deutschschweiz 11 Prozent und im Tessin 16 Prozent, wie es in einer Bilanz der bfu heisst. Interpretationen in dem Bereich seien jedoch sehr schwierig, sagt Daniel Menna. Diese will die bfu im Januar mit einer Studie liefern. (vin/sda)
Erstellt: 24.12.2009, 22:12 Uhr





