Unterwegs mit dem Streckenwärter an der Gotthardrampe

Von Markus Wüest, Intschi. Aktualisiert am 23.08.2010 1 Kommentar

Im Basistunnel werden nach Inbetriebnahme Messzüge den Zustand der Strecke erfassen. Auf der alten Gotthardstrecke dagegen sind noch täglich Streckenwärter unterwegs.

Ein prüfender Kick an die Schraube. Markus Indergand auf Gleis 200 kurz vor dem Bahnhof von Gurtnellen. Fotos Markus Wüest

Ein prüfender Kick an die Schraube. Markus Indergand auf Gleis 200 kurz vor dem Bahnhof von Gurtnellen. Fotos Markus Wüest

«Ich mache diesen Job gerne und möchte ihn nicht missen», sagt Markus Indergand.

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lntschi, kurz vor Mittag. Der Himmel ist verhangen, aber es regnet nicht. Der Mann in Orange mit gut sichtbaren Leuchtstreifen auf den Arbeitskleidern kommt auf der Eisenbahnbrücke langsam näher. Sein Chef, Benjamin Zurfluh, Anlagenverantwortlicher der SBB für die Gotthardnordrampe «zwischen Flüelen und der ersten Weiche in Airolo», übergibt den Journalisten, mittlerweile auch mit Sicherheitsweste und Schutzhelm ausgerüstet, an Markus Indergand, den Streckenwärter.

Indergand ist am Morgen in Amsteg gestartet. Er läuft das Geleise 200 an diesem Tag. Geleise 200 bedeutet: Das rechte Geleise, auf dem die Züge in der Regel talwärts fahren. Heute ist das Geleise in diesem Abschnitt gesperrt, weil bei Gurtnellen gebaut wird. Das macht Indergands Job sicherer und das erlaubt es, ausnahmsweise einen Gast mitzunehmen. Sonst ist der Streckenwärter alleine unterwegs. Ausser im Gotthardtunnel, der wird einmal im Monat begangen, grundsätzlich immer zu zweit. «Ich bin gerne auf mich gestellt», sagt der 49-jährige Urner, der in Ried, auf der anderen Talseite von Intschi, aufgewachsen ist.

Zehn Kilo abgenommen

Er war ursprünglich Rangierarbeiter in Erstfeld, bis sein Job 1992 abgebaut wurde. Danach war er in einer Unterhaltsgruppe und dabei schon gelegentlich Streckenwärter. Seit fünf Jahren macht er nichts anderes mehr. «In den ersten drei Monaten im neuen Job nahm ich zehn Kilo ab. Ich wunderte mich. Fragte mich ob ich krank sei.» Es stellte sich heraus: Die vielen Kilometer zu Fuss täglich auf der Strecke waren der Grund. Und, das sagt Indergand auch: «Früher ass ich immer in der Rottenküche zu Mittag. Das war gut gekocht.» Als Streckenwärter dagegen hat er einen Cervelat und Brot dabei. Er isst unterwegs irgendwo.

In fünf Etappen begeht er die Strecke zwischen Flüelen und Göschenen. Auf dem rechten Gleis läuft er bergauf, auf dem linken Gleis bergab; immer den Zügen entgegen. Aus Sicherheitsgründen. Denn es gibt keinen Weg neben dem Geleis. Das Geleis ist der Weg.

Kurze Schritte

Und der Abstand zwischen den Schwellen bestimmt den Rhythmus. 60 Zentimeter. Nur ein kurzer Schritt. Zwei Schwellen in einem Schritt – 120 Zentimeter – sind dagegen nur für sehr Langbeinige machbar. Auftreten im Schotter aber bedeutet nicht unbedingt sicheren Halt.

Doch es geht Markus Indergand nicht um Tempo. Der eher gemächlichere Schritt passt sogar ganz gut zum Beruf. So hat er Zeit, die Schienen anzusehen, die Schwellen zu begutachten, das Schotterbett, die Fahrleitung, die ganzen technischen Installationen und nicht zuletzt die Natur neben dem Gleis: Haben sich Steine gelöst, führt ein Bach übermässig viel Wasser und drohen deshalb Erdrutsche? Markus Indergand kennt Meter für Meter der Strecke. Wenn sich etwas verändert haben sollte, fällt ihm das auf. Dann zückt er seinen kleinen Fotoapparat und dokumentiert das Ereignis. An Zurfluh wird es dann sein, zu entscheiden, was gemacht wird und wie schnell es gemacht werden muss.

Lebensgefährlicher Job

Die Arbeit ist nicht schwierig. Schwierig und gefährlich sind die Umstände. Tonnenschwere Züge rasen vorbei, und wenn an normalen Tagen beide Geleise befahren werden, braucht Indergand seine ganze Aufmerksamkeit. «Wenn ich mich mal nicht wohl fühlen sollte oder private Probleme hätte, würde ich nicht gehen.» Wer als Streckenwärter den Kopf nicht bei der Sache habe, lebe gefährlich, lebensgefährlich.

Heikel seien vor allem die Kehrtunnels. Wegen der Biegung sieht man den Zug dort erst sehr spät kommen. «Im Gotthardtunnel ist es anders: Der ist pfeifengerade, da sieht man die Lok schon von Weitem.» Was die Arbeit auch schwerer gemacht hat: Leise Züge wie der ICN. Man hört sie sehr spät. Indergand fallen Stellen mit hellerem Schotter auf. «Da hat eine Schwelle zu viel Spiel. Sie bewegt sich und mit ihr der Schotter.» Durch die Vibration gibt es Abrieb an den Steinen. Sie sind heller als die anderen.

Gefahr für die vorbeifahrenden Züge

In den kurzen Tunnels zwischen Intschi und Gurtnellen leuchtet Indergand mit seiner Lampe die Stellen an, wo Wasser einfliesst. «Im Winter bildet sich zum Teil rasch Eis. Und wenn es zu hoch wächst, droht Gefahr für die vorbeifahrenden Züge. Es muss mit Pickeln weggeschlagen werden.»

Im Gegensatz zu früher sind die Geleise durchgehend verschweisst. Stösse sind Vergangenheit. Schienenrisse gibt es hin und wieder trotzdem. Vor allem im Winter, bei grosser Kälte. Das müsste der Streckenwärter sofort melden. Kurz vor Gurtnellen ist der Bautrupp dabei, alles für die Erneuerung des Geleises in diesem Abschnitt vorzubereiten. In der Nähe nutzen Arbeiter die ohnehin schon gesperrte Strecke, um dort, angeseilt, an den steilen Bergflanken Sicherungsnetze zu installieren, die verhindern sollen, das Steine auf die Geleise fallen können. «Es ist schon bewundernswert, wie diese Strecke in den Berg gehauen wurde», sagt Markus Indergand. «Mit den Mitteln von damals ...»

Enormer Luftdruck

Er liebt den Gotthard. Die Bahnlinie hier. Die Berge. Die Landschaft. «Ich bin wegen meiner Frau einst für ein paar Jahre nach Altdorf gezogen. Aber ich wollte zurück in die Berge.» Als ob Altdorf nicht auch schon Berge wären; für uns Unterländer mindestens. Die Ferien diesen Sommer verbrachte er auf einer Alp oberhalb von Gurtnellen. Nicht am Strand. Oder auf einer Insel.

2017 geht der Basistunnel auf. Züge, die mit über 160km/h rasen, machen den Beruf des Streckenwärters unmöglich. Wegen des enormen Luftdrucks. Eine Tunnelbegehung wird schwierig, wenn der Tunnel 57 Kilometer lang ist. «Ich weiss nicht, was ich dann mache. Zur Pensionierung wirds noch nicht reichen.» Die SBB gehen davon aus, mindestens ein Geleis der alten Linie offen zu halten.

Auf der Neubaustrecke Mattstetten–Rothrist geht keiner mehr zu Fuss kontrollieren. Ein Messzug hat übernommen. Der Streckenwärter wird zum Anachronismus. Auch wenn er mehr sieht, als Messinstrumente messen. In Gurtnellen ist Indergands Arbeitstag zu Ende. Zurück in Erstfeld, wird er protokollieren. Tags darauf gehts dann von Gurtnellen bis Wassen. Stück für Stück, bis es wieder von vorne beginnt. Ein einsamer Job? «Ich mache ihn gerne und möchte ihn nicht missen», sagt Markus Indergand. (Basler Zeitung)

Erstellt: 23.08.2010, 14:49 Uhr

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1 Kommentar

Hans Iseli

23.08.2010, 17:40 Uhr
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Heute sind die Schienen verschweisst, Risse gibt es trotzdem. Umgekehrt! Weil sie verschweisst sind,können die durch Temperaturschwankungen hervorgerufenen Längenänderungen nicht mehr aufgeglichen werden! Kälte führt zu Rissen, Hitze zu Verwerfungen. Antworten



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