Versuchung der Weltgeschichte

Kleinstaat oder Imperium? Von Sitten bis Venedig – das erstaunliche Leben des Matthäus Schiner.

Diplomat der Weltpolitik: Schiner gelang es, eine Allianz zwischen Papst, Kaiser, Venedig und den Eidgenossen zu schmieden.

Diplomat der Weltpolitik: Schiner gelang es, eine Allianz zwischen Papst, Kaiser, Venedig und den Eidgenossen zu schmieden. Bild: Keystone

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In einer Barke fuhr Kardinal Matthäus Schiner, Bischof von Sitten, langsam durch die Lagune Richtung Venedig. Vor sich, an der Spitze des Bootes, liess er von einem Diener ein silbernes Kreuz tragen, das ihn als Legaten des Papstes auszeichnete, eine Art Botschafter des Heiligen Stuhles, was damals – wir schreiben das Jahr 1512 – grosses Prestige, aber vor allem viel Macht bedeutete. Legaten handelten, erlaubten und unterbanden im Namen des Papstes. Als die Barke sich der Stadt näherte, kamen dem Kardinal die Vertreter der Republik von San Marco entgegen: Wie es sich gehörte, auf drei vollständig gedeckten, mit allerlei Schnickschnack der Renaissance und purem Gold dekorierten Schiffen, hatten sich der Doge und die gesamte Signoria, also der Chef und die Regierung der damals reichsten und wohl mächtigsten Stadt Europas, versammelt, um dem Kardinal entgegenzufahren.

Begleitet wurden sie von zahlreichen venezianischen Aristokraten, alle schwarz gekleidet, in der Farbe der bürgerlichen, kapitalistischen Bescheidenheit wohl, denn nichts hatte Venedig so reich gemacht wie der Handel und die Industrie. Wer adlig war, stammte von Vorfahren ab, die irgendwann mit einem Krämerladen begonnen hatten.

Man traf sich auf San Clemente, einer winzigen Insel unmittelbar vor Venedig, die praktisch nur aus einem Kloster bestand und wo seit Längerem die Dogen ihre Staatsgäste unterbrachten. Kaum war Schiner gelandet, ging der Doge ihm zu Fuss entgegen, streckte die Hand aus und nahm seinen Hut, das Barett, vom Kopf. Jetzt umarmten und küssten sie sich, wie Marino Sanudo berichtet, ein venezianischer Historiker, der dabei gewesen war. Neben dem Dogen standen der Patriarch von Venedig sowie die Bischöfe von Trani, Feltre, Isernia, von Cremona und Concordia, dann der Abt von Borgognone und ein weiterer Botschafter des Papstes, schliesslich der Vertreter des spanischen Vize-Königs, Graf Chiarati, insgesamt waren 40 Prälaten angetreten, die Violett und Purpur trugen, die Farben des hohen Klerus. Nachdem man sich begrüsst und geherzt hatte, begleitete das Empfangskomitee den Kardinal in sein Quartier, um nachher nach Venedig zurückzukehren. Nie zuvor und nie nachher ist ein Schweizer – Matthäus Schiner stammte aus dem Wallis – von einer Grossmacht wohl mit solchen Ehren und solcher Aufmerksamkeit bedacht worden.

In der Zeitenwende

Er war auch ein wichtiger Mann. Vielleicht verkörpert niemand so gut wie Matthäus Schiner (1465–1522), dieser erstaunliche Choleriker und geniale Diplomat, jene kurze Epoche zu Beginn des 16. Jahrhunderts, als die Schweiz im Begriff war, eine europäische Grossmacht zu werden, weil ihre Soldaten militärisch so viele Siege errungen hatten – und es dennoch nicht wurde. Aus Einsicht? Wohl kaum. Aus Unvermögen? Sicher. Zum Glück? Auf jeden Fall.

Schiner prägte selber an vorderster Front diese Zeit des Aufstiegs und des sehr raschen Untergangs, diese Zeit der Versuchung auch, die 1515 mit der Niederlage von Marignano endete. Sein Typus: Ein Schweizer, der Weltpolitik betreibt – und das tat er – kommt selten vor; die Sehnsucht aber, nach höheren Zielen zu streben, als ein kleines Land gut zu verwalten und den Wohlstand und die Freiheit seiner Bürger zu fördern, diese Verlockung, im Konzert der Grossmächte mitzuspielen, sie ist auch bei Schweizer Politikern häufiger zu beobachten, als manchen bewusst ist. Karl Schmid, der grosse Zürcher Germanist, beschrieb einmal das sonderbare Schicksal schweizerischer Schriftsteller in einem Buch, dessen Titel berühmter ist als dessen Inhalt: «Unbehagen im Kleinstaat» nannte er das Leiden von ein paar Publizisten (er behandelte unter anderen C. F. Meyer und Max Frisch) an einem Land, das ihnen zu klein, zu provinziell, zu banal erschien. Lieber hätten sie sich um grössere Zusammenhänge in einem bedeutenderen Land gekümmert, lieber wäre ihnen vielleicht auch gewesen, an den Triumphen, aber auch Tragödien teilzunehmen, die grosse Länder meistens öfter erleben als kleine.

Unbefriedigte Eliten

Was Schmid bei Intellektuellen diagnostizierte, das Unbehagen im Kleinstaat, kann auch Politiker erfassen – ja, es handelt sich vielleicht um ein Leitmotiv in der Geschichte unserer Eliten: Sie schwanken zwischen dem Engagement für das Eigene, Nationale und der Verlockung, sich im Grösseren zu bewähren – ob international oder im Auftrag einer Grossmacht. Das soll nicht a priori denunziert werden, sondern oft hat sich erwiesen, dass gerade Schweizer auch in internationalen Zusammenhängen Grosses, Wichtiges leisten. Aber es besteht hier eine Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Ehrgeiz und Bünzlitum, die unsere Geschichte durchzieht, weil die Schweiz ein Land ist, das es Eliten schwer macht, sich so zu entfalten, wie es ihnen lieb wäre und wie es ihnen möglich in anderen Ländern ist.

Selbstverständlich wäre es ahistorisch, ­Schiner anzudichten, er hätte am Kleinstaat gelitten, sondern es handelt sich bei ihm um einen ­Kirchenfürsten der Renaissance, einen prallen Machtmenschen, der Geld, Land, Ansehen für sich und seine Heimat wollte, der mit Kaiser und Papst verkehrte, der log und betrog, der hinterging und loyal war, ein Politiker und Feldherr, der sich unter dem Kardinalshut tarnte. Wenn Schiner etwas lehrt, was bis heute von Interesse ist, dann sind es die Gründe, warum er gescheitert ist.

Aufgewachsen im Oberwallis, als Sohn von Bauern, der ab und zu auch die Geissen hüten musste, in einem Holzhaus, besser einer Hütte, die heute noch steht, stieg Schiner in schwindelnde Höhen auf: Zum Priester, zum Sekretär eines Bischofs, zum Bischof von Sitten selber, schliesslich ernannte ihn ein dankbarer Papst zum Kardinal. Kardinäle, das ist uns heute kaum mehr bewusst, waren im Mittelalter unerhört renommierte Männer, deren Rang im Weltlichen einem Herzog entsprach. Was die Kirche damals vielen Institutionen, selbst Staaten gegenüber, so überlegen machte, lässt sich mit Schiner gut belegen: Die Kirche ermöglichte einfachen, aber talentierten und ambitionierten Leuten eine stupende Karriere – auch wenn die meisten hohen Ämter nach wie vor vom Adel besetzt wurden.

Freund des Papstes

Vielleicht lag es an diesem Aufstieg, dass sich Schiner mit Julius II., einem der grössten und ruchlosesten Päpste aller Zeiten, so gut verstand. Auch Julius II. stammte aus ärmlichen Verhält­nissen – und nur sein Ehrgeiz und die Kunst, sich zur richtigen Zeit mit den richtigen Leuten zu arrangieren, machten ihn zum Papst – nach drei vergeblichen Anläufen. Wenn Julius II. und Schiner überdies etwas verband, dann der Hass auf die Franzosen, die zu jener Zeit sich darum bemühten, Italien zu erobern – was auch für das Wallis, das zwischen den beiden Ländern lag, eine bedrohliche Konstellation ergeben hätte. Beide, Papst und Kardinal, waren sich einig: Frankreich muss aus Italien vertrieben werden. Schauplatz der Handgreiflichkeiten: das Herzogtum Mailand, die heutige Lombardei. Mittel dieser Politik: die Eidgenossen, die gefürchtesten Schlächter jener Zeit.

Wahrscheinlich trifft es zu, was alle zeitgenössischen Chronisten mit einer Mischung aus Bewunderung und Angst schildern: Schiner war ein rhetorisches Genie – ob auf Lateinisch, Deutsch oder Italienisch. Wiederholt gelang es ihm, die Eidgenossen zu überreden, zu charmieren oder einzuschüchtern. Wenn einer es verstand, in der Tagsatzung zu brillieren, diesem Ort der gelebten Anarchie im Zeichen des Kantönligeistes, diesem Ort auch der schweizerischen Unsitte, alle zu Wort kommen zu lassen und über alles abzustimmen, dann war das Schiner – für lange Zeit, nicht für immer. Intelligent, hinterlistig, mässig korrupt, vor allem aber beseelt von seiner Mission, ein Diener der heiligen Kirche und ein Teufel der Beredsamkeit in den Augen des französischen Königs, schaffte es Schiner, die Eidgenossen vom alten Bündnis mit Frankreich zu entfremden und sie in eine Allianz mit dem Papst, dem Kaiser und der Republik Venedig zu führen, deren Ziel es war, die Franzosen in Italien, dem damals reichsten und begehrtesten Gebiet Europas, auszuschalten.

Als Matthäus Schiner im März 1512 nach Venedig reiste und dort mit allen Ehren empfangen wurde, ging es darum, die letzten Details des neuen Bündnisses zu regeln. Schiner war der Mastermind, der Papst dessen Auftraggeber, die Venezianer die Financiers, die Eidgenossen die Facharbeiter für das Grobe, Handwerker des Todes. Der Triumph, der folgte, war von kurzer Dauer.

Auf dem Weg zu einem Reich

Zwar gelang es den Schweizern innert kurzer Zeit, die Lombardei zu erobern und zwei Jahre lang war das Herzogtum Mailand eine Art Protektorat der Eidgenossenschaft – vor Ort dominiert und verwaltet von Matthäus Schiner, doch stellte es sich bald heraus, dass sich die Schweiz nicht zur Grossmacht eignete. Zu zerstritten waren die Orte untereinander, als dass sie sich je auf eine gemeinsame Politik hätten einigen können – zu käuflich auch waren die Eidgenossen, Bergler, die jahrhundertelang auf ihren steinigen Matten fast verhungert waren.

Sobald der französische König sein Geld in der Schweiz regnen liess, entdeckten manche massgebenden Leute bei sich wieder die alte Schwäche für Frankreich. Verrat wäre ein zu starkes Wort, aber Wankelmut und Unberechenbarkeit, Geldgier und Kurzsichtigkeit herrschten vor. Am Ende interessierten sich die Eidgenossen nicht für die weiten, fruchtbaren Ebenen der Lombardei oder die blühenden Städte Oberitaliens, die man hätte ausbeuten können und verwalten müssen, sondern ihre eigenen Angelegenheiten vor Ort waren ihnen wichtiger: Wer setzte sich in der Landsgemeinde durch? Welcher Kanton hatte sich auf wessen Kosten ausgebreitet? Was kümmerte sie im Vergleich zu solchen entscheidenden Fragen die Möglichkeit, Genua zu unterwerfen? Der Hügel lag näher als das Meer.

Wenn sie die Wahl hatten, dann bevorzugten sie das Gold, die Pensionen und Renten, Geschenke und Schmeicheleien, die ihnen der Papst oder der französische König zuwarfen. Worauf es ankam, war die Zahlungsmoral der Sponsoren. Geriet der eine mit einer Zahlung in Rückstand, bestand sogleich die Gefahr, dass die Eidgenossen sich zurückzogen, entweder nach Hause, wo sie das Feld bestellen oder die Kühe melken mussten, oder sie wechselten kurzerhand die Seite: Wer pünktlich bezahlte, dem galt die sonst unverbrüchliche Loyalität der Eidgenossen. Schiner verzweifelte.

So gut er seine Landsleute zu kennen schien, wenn er sie bezirzte, so schlecht waren sie ihm vertraut, wenn es galt, sich in ihren labyrinthischen, immer demokratischen Entscheidungsprozessen zurechtzufinden und zu obsiegen. Vor Marignano gelang es dem Kardinal zwar noch, die Eidgenossen zur Schlacht zu verleiten, obschon die Bedingungen in jeder Hinsicht katastrophal waren: Niemand hätte an diesem Ort zu diesem Zeitpunkt mit so wenig Truppen einen Kampf gewagt. Kaum aber war die Schlacht im Gange, entglitt dem Kardinal alles: Man griff nicht dann an, als er es für opportun hielt, man hörte nicht auf, als er dazu riet, obwohl man so wohl gewonnen hätte. Als die Niederlage unabwendbar war, brach alles zusammen. Der Ausflug der Schweizer in die Weltgeschichte kam zum Stehen, die Ambitionen des Kardinals Schiner, mit den Eidgenossen Italien für den Papst zu erobern, hatten sich zerschlagen, auf dem Schlachtfeld verrotteten die Leichen von 15 000 jungen Schweizern. Noch ein Jahr später lagen die Knochen der Toten herum. Jede Familie in der Schweiz war von mindestens einem Todesfall betroffen. In manchen Kantonen kam es zu Rebellionen gegen den Krieg in Italien oder anderswo.

Unter Anti-Imperialisten

Hätte sich die Schweiz in Italien gehalten, so schrieb Hans Delbrück, der einstige Titan der deutschen Kriegsgeschichtsschreibung, «wäre das Herzogtum Mailand (zu dem im weiteren Sinne auch Genua gehörte) ein eidgenössisches Unter­tanenland geworden. Die Schweiz hätte ein Reich vom Bodensee bis zum Mittelmeer gebildet. Könnte man sich vorstellen, dass an der Spitze der Vereinigung der Kantone eine fürstliche Dynastie gestanden hätte, die eine konstante Politik verfolgte, oder sonst eine feste Regierung, so würde die Kriegsgenossenschaft der Alpenbewohner ein Reich geschaffen haben, dessen Grenzen kaum abzusehen sind. Aber grosse politische Ziele zu verfolgen, war die lockere Gemeinschaft der Kantone ausserstande.»

Schiner setzte sich in seiner Heimat nicht mehr durch. Zwar führte er seine glänzende Karriere in Rom und am Hof des Kaisers fort, er schmiedete weitere Allianzen gegen die Franzosen, reiste nach London und nach Wien, ja wurde sogar fast zum Papst gewählt, aber nach Marignano haftete auch seiner Laufbahn etwas Endliches an: Ohne Einfluss in der Schweiz, deren Bewohner nunmehr sporadisch auf ihn hörten, fehlte ihm der Durchschlag. 1522 starb er in Rom an der Pest. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.01.2015, 04:30 Uhr

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