Schweiz

Vor dem Eintritt ins Heim wollte er Sex mit der Spitex-Frau

Von Beat Bühlmann. Aktualisiert am 06.04.2010 41 Kommentare

Sexuelle Belästigungen des Pflegepersonals sind in Altersheimen und Spitälern noch immer ein Tabu.

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Anzügliche Sprüche, obszöne Gesten

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist häufiger, als man denkt: Bezogen auf das ganze Erwerbsleben sind 18 Prozent der Angestellten, nämlich 28 Prozent der Frauen und 10 Prozent der Männer, direkt davon betroffen. Und fast die Hälfte hat solche Situationen im beruflichen Umfeld erlebt. Dies ergab die erste nationale Studie dazu, die vom Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann und vom Staatssekretariat für Wirtschaft 2008 veröffentlicht wurde.

Als sexuelle Belästigung oder Grenzverletzung gelten zum Beispiel sexistische Sprüche, anzügliche und peinliche Bemerkungen, das Zeigen von Pornografie, unerwünschter Körperkontakt, das Grapschen sowie sexuelle Erpressungen und Übergriffe (siehe Grafik). Überdurchschnittlich häufig erleben sexuelle Belästigungen Teilzeit- und Schichtarbeitende sowie Ausländerinnen. Gut zwei Drittel dieser Fälle gehen auf das Konto der Männer, bei 15 Prozent sind Frauen die Urheberinnen (die restlichen 20 Prozent verursachen gemischte Gruppen).

Zwischen den Branchen bestehen grosse Unterschiede. Überdurchschnittlich häufig sind sexuelle Belästigungen im Verlags- und Druckereiwesen, im Gastrogewerbe sowie bei Banken und Versicherungen. Meistens sind Arbeitskollegen oder -kolleginnen die Auslöser, doch in einem Fünftel der Fälle gehen sie von Kunden und Patienten aus. In Spitälern und Heimen liegt dieser Anteil noch wesentlich höher.

Betriebe sind laut Gleichstellungs- und Arbeitsgesetz verpflichtet, ihre Angestellten gegen sexuelle Belästigung zu schützen. Zum einen wird das als diskriminierendes Verhalten gewertet, zum anderen als Verletzung der physischen und psychischen Integrität. Kommt es zu einer Anzeige, muss das Unternehmen wegen Unterlassung der Sorgfaltspflicht die Betroffenen mit bis zu sechs Monatslöhnen entschädigen. (bm.)

«Heute Nacht im Traum waren Sie bei mir im Bett – oben ohne», sagt der junge Patient am Morgen zur Pflegeassistentin. Sie ist sprachlos und kann im ersten Moment überhaupt nicht reagieren. Die grosse Wut kommt später. Im Spital geht die Hälfte der sexuellen Belästigungen auf das Konto der Patienten. Auch wer im Altersheim oder bei der Spitex alte Männer pflegt, muss mit Sprüchen unter der Gürtellinie rechnen.

«Ich war selber erschüttert, als an einem Workshop Pflegefachfrauen von sexuellen Belästigungen erzählten, die sie selber erlitten hatten», sagt Elsbeth Wandeler, Geschäftsleiterin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK). «Und die Tendenz ist eher zunehmend.» Jedenfalls sei der neue Leitfaden «Verstehen Sie keinen Spass, Schwester?» zum Schutz vor sexueller Belästigung für Pflegefachpersonen überaus stark beachtet worden. «Wir bekommen fast täglich Rückmeldungen», berichtet Wandeler. «Es ist, als ob ein Tabu gebrochen worden wäre.»

Die «klebrige Anmache»

Sexuelle Belästigung in der Pflege sei ein «riesiges Thema», bestätigt Ursula Keller (Name geändert). Sie ist seit 25 Jahren in der Pflege tätig, jetzt als freiberufliche Spitex-Frau in der Ostschweiz. «Ich bin immer wieder mit sexuellen Belästigungen konfrontiert, weil ich oft ältere Männer zu Hause besuche.» So habe sie ein Mann, den sie seit Jahren betreue, vor dem Wechsel ins Pflegeheim bedrängt, er wolle noch einmal im Leben Sex mit einer Frau. Ein anderer, mit ersten Anzeichen von Demenz, habe sie mit einer «klebrigen Anmache» belästigt und an sich drücken wollen.

«Heute kann ich mich als erfahrene Pflegefachfrau deutlich abgrenzen und einen Einsatz notfalls abbrechen», sagt Ursula Keller. «Doch als junge Krankenschwester war ich oft schockiert und fühlte mich hilflos.» Sie habe sich damals nicht getraut, darüber zu reden – mit wem auch? «Das blieb unter der Bettdecke», sagt die Spitex-Frau. Auch sexuelle Belästigung von geistig behinderten Menschen gegenüber ihren Betreuerinnen wird oft tabuisiert.

Spitex-Frau wird zu erhofften Partnerin

Der Berufsverband SBK will diese Dunkelzone in Heimen, Spitälern und bei der Spitex stärker ausleuchten. Da bei Pflegehandlungen die Patienten und Pflegepersonen einander körperlich nahe sind, entstehe eine Intimität, welche die Grenzen im Vertrauensverhältnis verwische, sagt Pierre-André Wagner, Leiter des SBK-Rechtsdienstes. Oft wird die Pflegende zur wichtigsten Bezugsperson des Patienten.

Für alte Männer, die alleine leben, kann die Spitex-Frau zur vermeintlichen Partnerin werden, von der Zärtlichkeiten oder Sex erhofft werden. Besonders heikel ist, wenn Patienten wegen Demenz oder Hirnverletzungen die Selbstkontrolle verlieren und die Spitex trotz Ermahnungen mit offener Hose im Treppenhaus erwarten.

Wie darauf reagieren? «Anzüglichkeiten bewegen sich oft in einem Graubereich und sind nicht für alle Betroffenen gleich schlimm», sagt Marianne Biedermann, Konfliktberaterin bei sexuellen Belästigungen in Unternehmen. Als Belästigung gilt unerwünschtes Verhalten mit sexuellem Bezug. «Das muss niemand akzeptieren», sagt Biedermann.

Besonders junge Frauen sind «völlig überfordert»

Schwierig sind solche Situationen vor allem für junge Frauen. «Als Schülerin war das extrem schwierig. Ich hatte noch nie sexuelle Kontakte gehabt und musste viel ältere Männer pflegen, auch im Intimbereich», erinnert sich die 28-jährige Pflegefachfrau Anna Schmid (Name geändert). «Eines Tages sagte ein 50-Jähriger, wenn ich ihn wasche, sei das eine heisse Sache. Ich stand wie ein Esel am Berg, völlig überfordert.»

Viele Pflegefachfrauen fühlten sich gedemütigt und würden krank, sagt Jean-Pierre Wagner vom SBK-Rechtsdienst. Sie leiden unter Schlafstörungen, Angstzuständen, Depressionen – und quittieren oft den Job. «Sexuelle Belästigungen können die Arbeitszufriedenheit massiv einschränken», sagt Wagner. Auch mit Blick auf den drohenden Personalmangel in Spitälern und Heimen könnten die Arbeitgeber das brisante Thema nicht ausblenden. «Die Personalchefs müssen das Pflegepersonal bei Beanstandungen ernst nehmen, andernfalls verliert der Beruf den Reiz für jüngere Frauen und Männer.»

«Bei uns gilt die Nulltoleranz»

Die Arbeitgeber sind gesetzlich verpflichtet, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gegen sexuelle Belästigungen zu schützen. So hat die Spitex der Stadt Bern klare Richtlinien erlassen. «Bei uns gilt die Nulltoleranz», sagt Marius Muff, Leiter Betriebsmanagement. «Wenn ein Mann unter der Dusche obszöne Gesten macht, kann ihn die Spitex-Frau dort stehen lassen.» Nach einer schriftlichen Mahnung kann die Betreuung auch gegen den Willen des Kunden aufgelöst werden. «Seit wir so klar kommunizieren, sind die sexuellen Belästigungen zurückgegangen», sagt Muff.

Empfehlenswert sei, den Patienten oder Patientinnen bereits beim Eintritt die «Zero Tolerance»-Politik zu verdeutlichen, erklärt die Konfliktberaterin Marianne Biedermann von der Firma BeTrieb in Zürich. Namensschilder wie «Schwester Monika» sind verpönt, weil sie das traditionelle Rollenbild der lieben Krankenschwester fixieren. An englischen Spitälern werden uneinsichtige Patienten mit der Gelben Karte verwarnt oder im Wiederholungsfall mit der Roten Karte nach Hause geschickt. Die körperlichen Übergriffe seien dort seither markant zurückgegangen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.04.2010, 06:28 Uhr

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41 Kommentare

Alain Mohler

06.04.2010, 12:09 Uhr
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Pflegebedürftige Menschen haben ja soviel Möglichkeiten auf Zärtlichkeiten. Wenn unsere Gesellschaft Berührerinnen für Behinderte von Familienorganisationen ausbildet und somit akzeptiert, so sollte es auch für Pflegebedürftige Möglichkeiten geben. Den sterilen und völlig bedürfnislosen Menschen haben wir noch nicht. Antworten


Manuel Schaub

06.04.2010, 10:57 Uhr
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Was zu erwähnen ist: Die Thematik betrifft gleichermassen Patientin-Pfleger. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Hier kommt noch der Faktor hinzu, dass Patientinnen, die zurechtgewiesen werden oftmals drohen, Anzeige wegen sexueller Belästigung einzureichen. Als Mann eine recht schwierige Situation. Antworten



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